Theaterjubiläum

Mit dieser Rolle möchte Katharina Thalbach sterben

Zum 100. Mal spielt die Schauspielerin ihre Paraderolle in Berlin. Ein Gespräch über Dauerwürste, Alpträume und Kürzertreten.

„Darin fühl’ ich mich zuhause“: Katharina Thalbach steigt heute in Berlin zum 100. Mal in das wattierte Kostüm des Theaterdirektors Striese.

„Darin fühl’ ich mich zuhause“: Katharina Thalbach steigt heute in Berlin zum 100. Mal in das wattierte Kostüm des Theaterdirektors Striese.

Foto: Franziska Strauss

Mit dem Komödienklassiker „Der Raub der Sabinerinnen“ wurde im vergangenen Sommer das alte, traditionelle Theater am Kurfürstendamm geschlossen. Für alle, die da auf der Bühne standen, war das ein sehr schmerzlicher Abend. Am 23. Mai aber wird das Stück – das so sehr das Theatermachen feiert, auch unter widrigsten Bedingungen – im Ausweichquartier im Schiller-Theater wiederaufgenommen. Und es gibt sogar etwas zu feiern: Am 24. Mai steht Katharina Thalbach zum 100. Mal in der Rolle des schmerbäuchigen Theaterdirektors Striese auf der Ku’damm-Bühne. Ein Gespräch über Dauerrollen, Langzeitgedächtnis und Schauspieleralpträume.

Berliner Morgenpost: Frau Thalbach, Sie spielen den Striese zum 100. Mal in der Komödie. Aber wie oft haben Sie ihn insgesamt schon gespielt?

Katharina Thalbach: Ehrlich, das weiß ich nicht. Ich zähle das nicht. Aber sehr, sehr oft. Wir haben das in Rostock so 60 Mal gespielt, in Potsdam bestimmt 80 Mal. Dann waren wir damit auch auf Tournee. Kann also sein, dass ich insgesamt so auf gut 250 komme. Es ist auf jeden Fall in meinem Leben die bisher meist gespielte Rolle. Und da mein Leben sich ja eher nach hinten zuneigt, wird es wohl auch dabei bleiben.

Wer weiß. Vielleicht kommt ja noch eine andere Sensationsrolle...

Ich glaube nicht. Das wäre mir zu anstrengend. Ich finde das gut mit Striese. Es passt auch so, weil er halt ein Theaterdirektor ist und seinen Traum von der Bühne hat und ganz dafür lebt. Und ich bete dafür, dass mich der Tod wie Molière im Theater ereilt. Vielleicht nicht direkt auf der Bühne, damit ich die Zuschauer nicht so erschrecke.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie den Striese übernommen haben?

Ich habe „Der Raub der Sabinerinnen“ im Frühjahr 2003 in Rostock inszeniert. Die Hauptrolle sollte Horst Krause spielen. Aber dann wurde er krank, eine Woche vor der Premiere. Der Tunnel um ihn wurde immer enger, er konnte einfach nicht mehr. Und dann hat Johanna Schall, damals die Theaterdirektorin in Rostock, gesagt: Na Kati, dann musst du ran. Das war so eine Wiederholung von „Der Hauptmann von Köpenick“, wo mir das mit Harald Juhnke auch schon passiert ist.

Auch der Hauptmann war ja eine Leib- und Magenrolle für Sie.

Ja, und auch die habe ich wahnsinnig gern und wahnsinnig oft gespielt. Da waren wir auch kurz vor der 100 und haben uns noch geärgert, dass wir die nicht vollmachen konnten. Aber es war halt so traurig mit Harald. Erst bin ich ja nur eingesprungen. Harald stand dann eines Morgens vor meiner Tür und sagte: „Kati, du musst das jetzt nicht mehr spielen. Ich bin früher entlassen worden.“ Das hat ihn wieder hochgeholt. Und als Regisseurin fühlte ich mich auch berechtigt, ihm dabei zu helfen. Schlimm wurde es, als ich merkte, er kommt nicht wieder. Das als endgültiges Erbe anzutreten, hat mir bis zum Schluss wehgetan.

Den Theaterdirektor Striese spielen Sie also mit weniger Wehmut?

Bei Horsti war das insofern anders, als das schon vor der Premiere passierte. Und er ganz erleichtert war, dass er das nicht mehr machen musste. Es war also von Anfang an meine Rolle. Ich hatte allerdings nur noch drei Tage, um das zu proben. Wir konnten damals nur einen Watton finden, der in etwa dem Umfang von Horst Krause entsprach, und dann haben wir die Hose und den Rocksaum abgeschnitten. Bis heute spiele ich in dem alten Watton, und der war damals schon alt. Aber wenn ich ihn den einsteige, fühle ich mich zuhause.

Ihre Dauerrollen sind immer Hosenrollen. Warum ist das eigentlich so?

Die sind halt tragisch an mich herangekommen. Da steckt keine Absicht dahinter. Aber dadurch, dass es ein anderes Geschlecht ist, sind da andere Messinstrumente unterwegs. Die nichts damit zu tun haben, wie groß, wie alt, wie schön man ist. Was bei einer Frauenrolle wohl eher passiert, weil man eins zu eins vergleicht. Mit Männerfiguren zerfließt das irgendwann. Wie jetzt auch bei „Hase Hase“: Ich bin jetzt 65, ich kann doch nicht mehr einen 14-Jährigen spielen. Aber es ging. Ich war das wieder. Und das geht schneller, wenn man nicht dasselbe Geschlecht hat.

Nudelt sich so eine Dauerrolle nicht irgendwann mal ab?

Nein. Das machen natürlich die Pausen. Sowas über Jahre en suite spielen, nein, das könnte ich nicht, das würde irgendwann Routine werden. Das ist es aber nie geworden. Was natürlich auch an den vielen Besetzungswechseln liegt. Meine Enkelin Nellie etwa, die hat anfangs als Achtjährige immer neben der Bühne gesessen und hat das geliebt. Jetzt spielt sie den jüngsten Spross der Gollwitz-Familie. Meine Tochter Anna spielte ursprünglich die jüngste Schwester und ist jetzt die ältere. Mal sehen, ob sie mal die Mutter spielt. Und dann gibt es ja all die Ortswechsel. Das hält frisch. Jetzt ist es wahnsinnig aufregend für mich, das wieder im Schiller Theater zu spielen. Die Ku’damm-Bühne wurde ja mit dieser Produktion geschlossen. Es ist furchtbar, wie die Kreise sich immer schließen. Das ist so filmreif, richtig kitschig, aber es ist so.

Und hatten Sie das Stück abspielbereit im Kopf oder muss man für eine Wiederaufnahme noch mal pauken?

Das Irre ist: Stücke, von denen ich weiß, dass ich sie nicht mehr spiele, die sind nach 14 Tagen weg. Stücke, von denen ich weiß, die hängen im Fundus, für die habe ich irgendwo im Schädel ein kleines Räumchen, wo die auf dem Bügel hängen. Das liest man ein, zwei Mal durch, macht ein paar Durchlaufproben, und dann stimmt es wieder. Da ist das Hirn merkwürdig konstruiert.

Und wenn so ein Stück abgesetzt wird, aber dann wird es irgendwann doch wieder aufgenommen?

Das sind meine Alpträume. So was träume ich leider manchmal. Passiert ist es aber glücklicherweise noch nicht. Das möchte mir bitte auch nicht passieren. Das sind die typischen Schauspieleralpträume. Die wirklich furchtbar sind!

Was ist schlimmer: ein Stück, das neu ist und noch nicht so im Kopf? Oder eins, das man schon lange spielt und plötzlich hat man einen Hänger?

Das ist beides nicht schön. Aber ich habe da ein gutes Training. Durch Privattheater. Weil es da keine Souffleusen gibt. Den Luxus gibt es ja inzwischen nur noch an staatlichen Bühnen. Und in Frankreich gibt es die auch nicht, nicht mal an der Comédie française. Sprich: Man muss sich da einfach zu helfen wissen. Meist hat man ja auch nette Kollegen, die einem dann kleine Brücken bauen. Im größten Notfall geht man einfach an den Rand und sagt: Was soll ich noch mal sagen? Da freuen sich die Zuschauer eher. Weil sie merken: Es wird auch nur mit Wasser gekocht.

Dieses Stück ist ein solch koordiniertes Chaos. Wie kriegt man das immer wieder auf den Punkt, ohne durcheinander zu kommen? Dass alles zusammenbricht.

Das ist reine Konzentration. Man muss da schon dranbleiben. Das ist wie Sport, auch was den Ehrgeiz angeht, das zu packen. Das ist Hochleistungssport.

„Der Raub der Sabinerinnen“ ist ein wunderbares Stück über das Theater an sich. Ist es gerade das, was Sie reizt, das immer wieder zu spielen, immer wieder in den Watton zu schlüpfen?

Was ich daran so schön finde: Es erzählt davon, dass Spielen im weitesten Sinne immer glücklich macht. Sei es, dass man auf der Bühne steht. Dass man seiner Frau Theater vorspielt, weil man etwas verheimlichen will. Spielen macht glücklich, das ist die Quintessenz dieses Stücks, die haben wir in unserer Fassung noch weiter ausgebaut. Und die steckt die Leute unten im Zuschauerraum an. Wenn der Vorhang aufgeht, denken alle: Oh Gott, was für ein Schrammelkasten, das ist doch vorvorletztes Jahrhundert. Und doch: Am Schluss sind die Leute glücklich. Das fasziniert mich immer wieder. Unser Bühnenbild hat ja schon sehr viel mitgemacht. Aber er Plüsch und der Fundus sind stückimmanent mit Striese. Wir sind nicht die beste Truppe, vielleicht sogar die schlechteste, aber wir lieben es von ganzem Herzen. Und deshalb lieben es die Leute auch.

Und wird die 100. Vorstellung besonders begangen?

Keine Ahnung. Die sind hier ja immer für Überraschungen gut. Ich wusste noch nicht mal, dass die 100 voll wird. Ich kümmere mich darum nicht.

Sie sind seit Kurzem Rentnerin. Werden Sie da kürzertreten? Oder juckt es Sie weiterhin?

Ich sage immer, ich mach jetzt weniger. Aber dann juckt es mich doch immer wieder. Ich hab’ ja noch Kraft. Keine Beeinträchtigungen. Vor allem habe ich noch Spaß. Und kriege auch noch Angebote. Insofern warum Nein sagen? Was ich aber weniger machen werde, ist Regie. Weil das wirklich wesentlich anstrengender ist. Das macht man nicht mit der linken Hand, da fühle ich mich für alles verantwortlich. Das muss nicht mehr sein.