Neu im Kino

Aladdin - Will Smith tischt uns ein Märchen auf

Wir kennen das Märchen. Wir kennen den Trickfilm. Nun hat Disney seinen Erfolg noch mal „real“ verfilmt. Und punktet mit dem Geist.

Guck mal, wer da aus der Lampe kommt: Aladdin (Mena Massoud, l.) bestaunt den Dschinni (Will Smith).

Guck mal, wer da aus der Lampe kommt: Aladdin (Mena Massoud, l.) bestaunt den Dschinni (Will Smith).

Foto: Courtesy of Disney

Will Smith ist blau. Er bläst sich ganz schön auf. Und Märchen tischt er einem auch noch auf. Aber der Hollywoodstar ist nicht etwa zum Unsympathen mutiert. Sondern zum Dschinn, der im Kinofilm „Aladdin“ alles tut, um jedem, der an seiner Lampe rubbelt, Wünsche zu erfüllen.

Das Märchen von Aladdin und der Wunderlampe kennt jeder aus „1001 Nacht“. Naja, vielleicht kennen viele es inzwischen nur noch als Disney-Trickfilm. Der wurde 1992 zum echten Klassiker, dann auch, mit den Film-Hits von Alan Menken, zum Bühnen-Musical. Und nun ist der Trickfilm noch mal „real“ verfilmt worden, mit echten Darstellern also. Wobei „real“ auch wieder relativ ist. Weil zahllose Effekte da entstanden, wo heute auch die Animationsfilme herkommen: nicht mehr aus dem Pinsel, sondern aus dem Computer.

Noch einmal erleben wir also den armen Titelhelden Aladdin, der sich mit kleinen Diebereien über Wasser hält, sich in die unerreichbare Prinzessin Jasmin verliebt. Und dann an die Wunderlampe gerät und an den Lampengeist Dschinni, der ihm drei Wünsche erfüllt. Wobei der böse Großwesir Dschafar hinter genau dieser Lampe her ist, um mit den Mächten des Dschinni den Sultan vom Thron zu schubsen und selbst Herrscher zu werden.

Mehr zum Thema: Will Smith, der gute Geist aus der Lampe

Noch einmal also werden wir in die zauberhafte Märchenwelt des Morgenlandes entführt. Der Prunk protzhafter Paläste, choreografierte Massenstatisterie, effektvolle Zaubereien, fliegende Teppiche und Riesentiger als Schmusekätzchen: Das wäre einst tricktechnisch so teuer, so schwierig gewesen, dass es nur als Trickfilm machbar war. Doch dank CGI, also moderner Computertricks, wird das alles nun auch „real“ möglich.

Dabei ist die Traumfabrik beim Auftischen von Märchen ganz in ihrem ur-eigenen Element. Und „Aladdin“ ist nicht nur das Remake des Trickfilms, sondern auch noch die Verfilmung des Musical-Hits. Wofür der acht Oscars schwere Komponist Alan Menken eigens noch mal neue Songs komponiert hat.

Fliegender Teppich mit Ultraschall

Regie führte der Brite Guy Ritchie, der in seinen Kinoexzessen immer auf pure Überwältigung setzt. Dabei übertreibt er auch gern und tut des Guten zuviel. So auch hier: Verfolgungsjagden durch die engen Souks von Agrabah werden so rasant in Szene gesetzt, dass man kaum folgen kann, Tanzszenen im Stakkato durchgepeitscht, dass man viele Details übersieht.

Und wenn Aladdin (Mena Massoud) und Jasmin (Naomi Scott) auf einem fliegenden Teppich segeln, dann ist auch das kein poetisch-romantischer Ruhe-Moment, der Teppich flitzt fast mit Ultraschall. Aber woran es sonst mangelt in Guy-Ritchie-Filmen, hier findet man es doch: das Sentiment, das Gefühl. Dafür hat Disney schon gesorgt.

Bis auf den Dschinni sucht man Stars dabei vergebens. Wohl aus Angst vor der „White Washing“-Debatte – die etwa Scarlett Johannsen ereilte, als sie und keine Asiatin die japanische Anime-Heldin in „Ghost in the Shell“ verkörperte – hat man stattdessen auf aufstrebende Darsteller mit arabischstämmigen Hintergrund gesucht.

Der Böse darf nicht wirklich böse sein

Das führt auch zu dem einzigen echten Manko dieses Films: dass der Böse, Dschafar (Marwan Kenzari) einfach nicht richtig böse ist. Wohl aus Angst, man könnte ein muslimisches Feindbild kreieren, das missverstanden und von der falschen Seite akklamiert werden könnte. Der Großwesir wird deshalb letztlich auch nur als Dieb wie Aladdin dargestellt, nur dass der eine dennoch ein gutes Herz hat und der andere eben nicht.

Ein Märchen, ein Disney-Film ohne richtig Bösen, darunter leidet die Dramaturgie ein bisschen. Aber all das macht Will Smith vergessen. Es braucht zwar fast eine Dreiviertelstunde, bis er endlich aus seiner Lampe braust. Aber fortan bestimmt er das Geschehen.

Er sorgt für die Späße und die Knallmomente, reitet auf Vögeln, springt in Frauengewänder, tanzt sich den Wolf. Und darf singen und im Abspann auch rappen. So dass man selbst Robin Williams ein wenig vergisst, der beim Trickfilm das Vorbild für den Dschinni gab.

Ein Disney-Film durch und durch also, der uns in eine andere Welt verzaubert. Ein Filmmärchen, das man einfach lieben muss. Und das uns noch dazu eine optimistische, friedvolle Gegenvision zu dem derzeitigen Krisenherd Nahost liefert.

Rolle rückwärts: Recyceln der alten Erfolge

Und doch, ein wenig melancholisch wird man doch. Früher war Disney so reich und fantasievoll, dass die Trickfilme zu erfolgreichen Musicals inspirierten. Jetzt gilt die Devise Rolle rückwärts: Die alten Erfolge werden wieder und wieder gemolken, die Musical-Adaptionen selbst wieder verfilmt. Und die „Real“-Verfilmungen der Trickfilmklassiker kommen schon fast im Monatsrhythmus: Ende März erst startete „Dumbo“, im Juli folgt „Der König der Löwen“.

In Ermangelung neuer originärer Filmideen werden einfach die Schätze von einst noch mal recycelt. Und das, um sich einen einzigartigen Fundus anzulegen. Aus diesem Grund hat Disney erst Pixar aufgekauft, den großen Animationskonkurrenten, dann das Lucas-Imperium, das Marvel-Studio und schließlich das ganze traditionsreiche Hollywoodstudio 20th Century Fox. Um die Vormachtstellung im Kino geht es dabei schon lange nicht mehr.

Disney will demnächst ein eigenes Streamingportal „Disney Play“ eröffnen und Plattformen wie Netflix, Maxdome oder Amazon Prime den Kampf ansagen. Dazu muss man entsprechend attraktive neue Titel anbieten können. Deshalb werden erfolgreiche Franchise-Unternehmen weiter ausgereizt.

Allmachtsgelüste des Mäuse-Imperiums

Deshalb plant Disney eine neue „Star Wars“-Trilogie, acht weitere Marvel-Comic-Filme und vier „Avatar“-Fortsetzungen. Deshalb auch all die Neuverfilmungen der Disney-Klassiker.

Da verrät das Mäuse-Imperium doch ein eiskaltes Wirtschaftskalkül. Wie fantasiert ausgerechnet Dschafar, der Großwesir, seine Allmachtsgelüste im neuen „Aladdin“-Film so treffend? „Ich werde ein Imperium gründen, das die Geschichtsschreibung nicht übersehen kann.“ Willkommen bei „Disney Play“.