Filmstar zu Besuch

Keanu Reeves in Berlin: Es ist doch nur ein Film...

In Berlin stellte Keanu Reeves seinen ziemlich brutalen neuen Film vor. Dabei gab sich der Schauspieler aber reichlich maulfaul.

Keanu Reeves in Berlin vor einem übergroßen „John Wick“-Plakat.

Keanu Reeves in Berlin vor einem übergroßen „John Wick“-Plakat.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Keanu Reeves einmal aus nächster Nähe zu erleben, wurde für ein paar Fans überraschend Realität. Ein Flugzeug der Airline SkyWest musste Mitte März auf dem Weg von San Francisco nach Burbank wegen eines technischen Defekts in Bakersfield notlanden. Unter den Reisenden befand sich auch der Schauspieler, ein Star ganz ohne Allüren, der sich auch wie alle anderen in einen Ersatzbus setzte.

Und die Passagiere dabei mit Späßen und Selfie-Fotos bei Laune hielt. Kenau Reeves in einem Bus am Flughafen, 25 Jahre nach dem Action-Hit „Speed“, der von genau so einem Setting handelte – das hatte natürlich was. Das wollte jeder, der dabei war, posten oder twittern.

Er hat nicht gezählt, wie viele Leute er in diesem Film tötet

Jetzt war Keanu Reeves mal wieder in Berlin, um seinen neuen Film „John Wick: Kapitel 3 – Parabellum“ vorzustellen, der am 23. Mai in die Kinos kommt. So offen und mitteilsam wie im Bus war er allerdings nicht. Im Gegenteil. Er benahm sich äußerst reserviert. Man könnte auch sagen: maulfaul.

Nachdem Reeves am Sonntag angereist war und seinen Film in einem Special Screening vorstellte, kommt er Montag früh im Hotel de Rome zum ersten Interview in einem perfekt sitzenden schwarzen Anzug. Genau so einen, wie er ihn als John Wick trägt. Nur mit schwarzem statt weißem Hemd.

Dieser John Wick ist ein Auftragskiller, der sich im ersten Film ins Privatleben zurückgezogen hat, bis ihm erst ein Wagen gestohlen und dann noch der Hund gemeuchelt wurde. Wick schwor Rache, und die nahm er dann auch, 90 Minuten lang. Und immer im Anzug.

„John Wick“ war 2014 ein reichlich brutaler, aber doch auch sehr ironischer Film. Der in einem Hotel spielte, in dem alle Killer einchecken und sich gegenseitig in Ruhe lassen müssen, weil die Regeln das so vorsehen.

Eine einzige, dreistündige Schlachteplatte

„Kapitel Zwei“, der 2017 folgte, war schon zwei Stunden lang, die Blutspur entsprechend länger. „Kapitel Drei“ ist nun noch einmal um einiges länger, dabei werden alle Killer der Welt auf Wick angesetzt, weil der mit den Regeln gebrochen hat.

Von der Ironie des ersten Teils ist nicht mehr viel übrig: Stoisch schießt Reeves um sich oder bricht seinen Gegnern im Nahkampf das Genick und gebraucht dabei schon auch mal ein Buch als letale Waffe. Eine einzige Schlachteplatte, bei der Gegnern nicht nur ständig in den Kopf geschossen wird, auch das Gehirn muss immer an die Wand spritzen. Und dazwischen setzt es ein paar trockene Witzchen.

Keanu Reeves begann mal als eher dramatischer Schauspieler. Bis er mit Filmen wie „Gefährliche Brandung“ und besagtem „Speed“ zum Star aufstieg. Und dann mit der „Matrix“-Trilogie den Gipfel seines Ruhms erlangte. Zuletzt ist die Karriere ein wenig eingeschlafen, John Wick hat ihr einen neuen Kick gegeben.

Hätte er je gedacht, dass er mal zur Action-Ikone mutieren würde? „Nein“, gibt er zu, „das war sicher nichts, woran ich gedacht hätte, als ich 17 war.“

Auch mit 54 macht ihm das Kämpfen Spaß

Nun ist er 54. Sind die vielen Kampfszenen und -choreographien da nicht immer beschwerlicher und schmerzvoller? „Oh nein“, behauptet er. Im Gegenteil: „Das ist eine wahre Freude. Ich liebe das. Gefakte Kämpfe machen großen Spaß.“ Klar werde er nicht jünger, es dauere immer länger, sich davon zu erholen, er müsse mehr auf sich achten. „Aber während man das tut, fühlt man sich gut.“

Hat Reeves eigentlich mitgezählt, wie vielen Menschen er in seinem Film ein Ende bereitet? Nein, gibt er zu. „Ich glaube, die Cutter des Films haben eine Zahl. Aber ich kenne sie nicht.“ Und auf Nachfrage bekräftigt er: „Ich möchte sie auch nicht wissen.“

Gewaltverherrlichend? No. No. No.

Ist er mit diesem Film zum neuen Charles Bronson geworden, der Mann, der in jedem seiner Filme rot sah? So möchte er sich eigentlich nicht sehen. Seine Figur, die er auch mitentwickelt hat, sieht er lieber in der Tradition des „großen Namenlosen“. Punkt. Auch im Interview gibt sich der Schauspieler zunehmend als großer Schweiger. Ganz wortkarg wird er schließlich, als wir auf das amerikanische Waffengesetz zu sprechen kommen und fragen, was er eigentlich davon hält. „Ich weiß nicht“, antwortet er knapp. „Das ist ein sehr kompliziertes Thema. In den USA gibt es das fundamentale Recht, Waffen zu tragen. Das gehört zu den Grundpfeilern.

Natürlich kann man damit auch schlimme Dinge anrichten, es gibt Menschen mit psychischer Belastung oder gar Geistesstörungen.“ Lange Pause. Dann wiederholt er nur: „Das ist für die USA eine schwierige Angelegenheit. Weil sie halt keine Waffenkontrolle wollten.

Bei der nächsten Frage guckt er noch erstaunter. Wie übrigens die gleich Betreuer, die beim Interview mit im Raum sitzen, auch. Ob er nicht Angst hätte, dass solche Filme, in denen letztlich wie in einem Videospiel nur geballert und gemetzelt wird, nicht auch missverstanden werden könnten? „Nein“, sagt er nur. „Nein.“ Und noch ein drittes Mal: „Nein.“ Dieser Film, das sei bloß Entertainment.

Reeves wünscht sich noch einen vierten Teil

Zur Diskussion um die Beschränkung der Waffenlobby möchte er sich nicht äußern, auch nicht über die allgemeine Verrohung der Gesellschaft. Und schon gar nicht über die politische Lage in den USA: „Da gibt es natürlich viele Diskussionen derzeit, aber ich möchte meine Meinung eigentlich für mich behalten und nicht in der Öffentlichkeit verbreiten.“

Große Ernüchterung macht sich breit in dem kurzen Gespräch. Der Star möchte nur seinen Film promoten. Der Interviewer wiederum möchte es nicht hinnehmen, dass der Film immer wieder als „Work of Art“ dargestellt wird, als Kunstwerk also, um die Leute zu unterhalten.

Von all den Betreuern hat ihn offenbar keiner darauf vorbereitet oder kam selber nicht darauf, dass sich Fragen über Gewalt im Film – zumal wenn sie so exzessiv und überhöht dargestellt wird wie in diesem Fall – durchaus aufdrängen können.

Vielleicht wappnet er sich fürs nächste Mal. Auch wenn „John Wick“ als das Ende einer Trilogie angekündigt wurde, würde er nämlich gern noch ein viertes „Kapitel“ drehen.