Neu im Kino

Superhelden im Superfrust-Modus: „Avengers: Endgame“

Der neue Marvel-Comicfilm „Avengers: Endgame“ ist der düsterste und psychologisch interessanteste Teil der Comic-Reihe.

Wie geht's weiter? Black Widow (Scarlett Johansson), Captain America (Chris Evans), Hulk (Mark Ruffalo) und War Machine (Don Cheadle) starren in den Himmel.

Wie geht's weiter? Black Widow (Scarlett Johansson), Captain America (Chris Evans), Hulk (Mark Ruffalo) und War Machine (Don Cheadle) starren in den Himmel.

Foto: Marvel Studios 2019

Die Marvel-Filme haben ein Problem. Sie sind einfach zu erfolgreich. Längst haben die auf Figuren der hauseigenen Comic-Hefte basierenden Blockbuster James Bond und „Star Wars“ als erfolgreichste Kinoserie aller Zeiten abgehängt. Halb Hollywood hat man dafür in Superheldenkostüme gesteckt. Und Milliarden von Fans warten gierig auf den jüngsten Film, den 22. in elf Jahren, der am heutigen Mittwoch weltweit startet.

Nur: Wie soll man all das auf Dauer noch toppen? Noch dazu, wo die ersten Stars der Filme schon vorsichtig bekunden, dass sie ein wenig marvel-müde geworden sind?

Einmal mehr werden die Fans vollkommen überrascht

Der letzte Avengers-Film „Infinity War“ endete 2018 mit dem gemeinsten Cliffhanger der Filmgeschichte seit dem „Star Wars“-Film „Das Imperium schlägt zurück“: Der böse Thanos hat die Allmacht über das Weltall an sich gerissen. Die Hälfte aller Superhelden löste sich daraufhin buchstäblich in Luft auf. Bevor dasselbe auch mit Nick Fury (Samuel L. Jackson) geschah, hat der noch schnell ein Notsignal an Captain Marvel geschickt.

Damit wurden die Fans entlassen und mussten ein ganzes Jahr auf die Fortsetzung harren. Sind wirklich alle tot? Und wer ist Captain Marvel? Letzteres wurde kürzlich mit einem eigenen Film erklärt, der die neue Superheldin einführte. Aber wie geht es nun weiter? Der Rest der Superhelden zerfällt zu Staub, und Frau Captain fegt den Schmutz weg? Nein, Spaß! Zuviel darf man bei den Comicfilmen sowieso nicht verraten, sonst halten sich die Fans die Ohren zu und schreien „Spoiler-Alarm“.

Aber so viel sei doch gesagt: Am Ende kommt alles ganz anders, als man denkt. Marvel schafft es mal wieder, die globale Fangemeinde erneut zu überraschen. Ja, Captain Marvel (Brie Larson) taucht auf wie Kai aus der Kiste. Aber es kommt nicht, wie erwartet, zum stundenlangen Showdown mit dem Bösen. Im Gegenteil: Der im vorigen Film noch so unbesiegbare Thanos (Josh Brolin) ist erstaunlich schnell aus dem Rennen.

Der Fokus verschiebt sich ganz anders: Die sonst erfolgsverwöhnten strahlenden Superhelden lecken ihre Wunden. Sie müssen den Tod ihres halben Teams verschmerzen und ihre erste kollektive Niederlage verarbeiten.

Das Trauma, einmal unterlegen zu sein

„Endgame“, der vierte Film, der alle „Avengers“-Helden vereint, ist deshalb eine sehr düstere Episode in Moll, bei dem jeder auf seine Art mit dem Trauma umgeht: Der eine versinkt in Depressionen, der andere flüchtet in den Alkohol. Superhelden im Superfrust-Modus. Zeit, um zum Friseur oder zum Barbier zu gehen, findet sich aber trotzdem: Alle Helden sehen mal wieder ganz anders aus.

Dass man die Uhr zurückdrehen und die alten Mitstreiter zurückhaben möchte, wünschen sich nicht nur die Fans. Und hat nicht auch Christopher Reeves gleich in seinem ersten „Superman“-Film (auch wenn der von der Comic-Konkurrenz DC stammt) das Rad zurückgedreht? Insofern ist der Filmstart von „Endgame“ so kurz nach Ostern recht passend gewählt. Denn auch hier geht es ja um Wiederauferstehung.

Die Avengers drehen das Rad allerdings nicht nur bis zum Ende von Teil Drei zurück, sie müssen gleich mehrfach Zeitsprünge in die Vergangenheit unternehmen.

Die Helden begegnen ihrem früheren Ich

Und das ist der eigentliche Schauwert des Films. Für die Fans wird das ein Fest. Wer aber nur seine Kinder einmal ins Kino begleitet, wird dem Ganzen nur schwer folgen können. Denn Marvel hat sich ein richtiges Film-Universum aufgebaut, bei dem man nicht nur alle Avengers-Filme, sondern auch sämtliche Solo-Abenteuer der Superhelden gesehen haben muss– sonst kommt man nicht mehr mit.

In diesem Fall werden Iron Man (Robert Downey Jr.), Thor (Chris Hemsworth) und Captain America (Chris Evans) quasi in frühere Filme mit ihnen katapultiert, wo sie noch jünger aussahen, noch gröbere Kostüme und eben andere Frisuren trugen. Da tauchen dann auch ein paar alte Bekannte auf, die längst aus dem Universum entschwunden sind. Das ist, wie wenn man nostalgisch durch alte Fotoalben blättert. Damit kreist das Marvel-Universum allerdings auch drei Stunden lang um den eigenen Bauchnabel. Selbstreferenzialität als dramaturgisches Mittel.

Irgendwann ist man dann wieder da, wo man bei „Avengers 3“ aufgehört hat. Und dann kommt der ultimative Effektesalat, wie man ihn aus all diesen Filmen kennt. So werden die Erwartungen, die man erst ins Leere laufen ließ, doch noch erfüllt. Aber es bleibt zu vermerken, dass dieser Film, den wieder die Brüder Anthony und Joe Russo inszeniert haben, weniger auf Action angelegt ist, sondern interessante Psychogramme an sich selbst zweifelnden und verzweifelnden Superhelden gibt.

Die Dauerwurst-Sage kommt zu einem Endpunkt

Außerdem wird hier die Schraube nicht noch einmal weiter gedreht bis zum nächsten fiesen Cliffhanger: Die Reihe kommt hier wirklich an einen Endpunkt. Nicht an ein Ende – dafür verdient Marvel doch zu gut an seinem Franchise. Und die nächsten Solo-Filme von Spider-Man, Black Widow und den Guardians of the Galaxy sind ja schon in der Mache. Aber hier werden etliche Erzählstränge überzeugend aufgelöst, weshalb es im Marvel-Universum zu einer epochalen Zäsur kommt.

Eines müssen wir, Spoiler hin oder her, doch verraten: Den zehnminütigen Abspann muss man diesmal nicht bis zum Ende absitzen. Anders als sonst gibt es danach nicht noch eine kleine Szene, die auf den nächsten Film verweist.