Neu im Kino

Kongenialer Film eines Malers über einen Maler: „van Gogh“

Es gibt schon zahllose Filme über Vincent van Gogh. Der jüngste stammt selbst von einem Maler – und betont den Schaffensprozess.

Gehetzt, getrieben: Als Vincent van Gogh gibt Willem Dafoe eine seiner besten Performances.

Gehetzt, getrieben: Als Vincent van Gogh gibt Willem Dafoe eine seiner besten Performances.

Foto: DCM

Das Genie als gehetztes, getriebenes Wesen. Weil Vincent van Gogh es nicht aushält in Paris, in der Großstadt, unter all den anderen Künstlern, weil er ein neues Licht sucht für noch nie gesehene Bilder, schickt ihn der Malerfreund Paul Gauguin in den Süden.

Dort aber landet er in einem zugigen, kleinen Loch, stapft rastlos über windige Weizen- und Sonnenblumenfelder, umgeben von ignoranten Landbewohnern, die ihn verspotten, Steine nach ihm werfen, schließlich sogar verprügeln. Van Gogh, der Vorreiter der Moderne, war seiner Zeit weit voraus. Das macht ihn heute zu einem der beliebtesten Maler überhaupt. Die Tragik, dass er zu seiner Zeit so vollkommen verkannt wurde, erhöht diesen Nimbus nur.

Ganz neuer Ansatz in den vielen van-Gogh-Filmen

Aber schon wieder ein van-Gogh-Film? Es gibt schon zahllose Kinoversionen von dem Maler, der sich im Wahn das Ohr abgeschnitten hat: allen voran Vincente Minnellis ocar-gekrönter Klassiker „Lust for Life“ (1956) mit Kirk Douglas (1956), aber auch Robert Altmans Bruder-Drama „Vincent Theo“ (1990) mit Tim Toth oder Andrew Huttons „Van Gogh: Painted with Words“ (2010) mit Benedict Cumberbatch.

Und es gab, vor zwei Jahren erst, „Loving Vincent“ von Dorotea Kobiela und Hugh Welchman, der erste Animationsfilm, bei dem Realaufnahmen mit echten Schauspielern von zahllosen Malern Bild für Bild im pastösen, farbexplosiven Stile van Goghs nachgemalt wurden. So dass dessen bewegende Bilder wirklich zu bewegten Bildern wurden.

Nun aber hat sich Julian Schnabel dem Ausnahmekünstler genähert. Der ist seines Zeichens selbst Maler, der nur gelegentlich Filme inszeniert, und wollte genau das zeigen, was er in den üblichen Künstlerfilmen schmerzlich vermisst: den kreativen Schöpfungsprozess, den Schaffensrausch, aber auch die physische Kraftanstrengung, die sie erfordert, den fieberhaften Zustand, das stete Zweifeln, ja Irrewerden an sich selbst. Ein kongeniales Werk eines bildenden Künstlers über einen anderen bildenden Künstler.

Das hatte es im Mainstreamkino erstmals 1996 gegeben, in Schnabels Regiedebüt „Basquiat“ über den New Yorker Graffitikünstler. Auch in seinen anderen Filmen hat Schnabel immer wieder geniale Menschen beim Ringen um ihre Ausdrucksform gezeigt. Sei es der verfolgte kubanische Dichter Rainaldo Arenas in „Bevor es Nacht wird“ (2000).

Bilder voller Fantasie und Poesie

Oder auch der Journalist Jean-Dominique Bauby. der, völlig gelähmt und in seinem Körper gefangen, in „Schmetterling und Taucherglocke“ (2007) mit der Außenwelt nur über das Zucken eines Augenlids kommunizieren kann und auf diese kraftzehrende Art ein Buch diktiert.

Kreative Prozesse, für die Schnabel immer höchst eigenwillige, ungewöhnliche Bilder voller Fantasie und Poesie findet. Wobei diese Werke immer auch von Krankheit (Basquiat war drogenabhängig, Areans Aids-krank) und frühem Tod handeln. Der Film über van Gogh, der wie im Wahn malt und dabei auch im Irrenhaus landet, passt nur bestens in diese Galerie. Und dabei übertrifft sich Schnabel selbst.

Der Fokus liegt auf dem Schaffensprozess

Er ist nicht daran interessiert, die leidlich bekannte Biographie abzustecken. Und lässt seinen Film auch nicht, wie sonst so oft in Künstler- und vor allem in Maler-Porträts, in wohlkomponierten ausgeleuchteten Bildern erstarren.

„Van Gogh – Auf der Schwelle zur Ewigkeit“ ist ein assoziativer Bilderreigen, bei dem Schnabel auf das fokussiert, was meist die Leer- und Schwachstelle des Künstlerfilms ist: die eigentlichen Abläufe beim Schaffensprozess. Und die quälende Suche nach Inspiration.

Zusammen mit seinem Kameramann Benoît Delhomme, der selbst Maler ist, findet Schnabel dafür eine revolutionär andere, originäre Bildsprache. Die Handkamera ist immer ganz nah an van Gogh, klebt förmlich an ihm, stapft mit ihm bei Wind und Wetter durch die Natur, in sehr wackeligen Bildern.

Es gibt nur wenige Dialoge in diesem Film, überhaupt wenig andere Menschen, die Zugang zu ihm haben. Sein Bruder Theo (Rupert Friend), der ihn unterstützt, vor allem aber sein Künstlerfreund Paul Gauguin (Oscar Isaac), der ein so ganz anderes Kunstverständnis hat und doch der Einzige ist, mit dem er sich austauschen kann.

Meist aber ist die Kamera ganz allein mit van Gogh, läuft buchstäblich mit ihm mit, blickt auch mal von oben auf seine Füße. Ein Film quasi in der ersten Person, in der Ich-Perspektive erzählt. Dabei kippt die Kamera schon mal, werden die Bilder zusätzlich verfremdet durch Farbfilter, Überbelichtungen, Gegenlichtaufnahmen.

Ein Film in der Ich-Perspektive

Bewusstseinstrübungen oder inneres Auge: Das muss der Zuschauer entscheiden. Und dann teilt sich das Bild zuweilen, bleibt der untere Rand unscharf, als blicke man durch eine Gleitsichtbrille. Das bringt den Zuschauer zum Schwindeln. Zeigt aber auf raffinierte Weise das Wandeln zwischen Genie und Wahn.

Die zwei letzten Jahre van Goghs werden so atemberaubend nachempfunden, miterlebt und seine ganze Lebenstragödie in dieser letzten Periode komprimiert. Dabei kann der Film neben seiner verblüffend subjektiven Bildersprache noch mit einem weiteren Schauwert trumpfen: mit seinem Hauptdarsteller.

Willem Dafoes vielleicht beste Performance

Willem Dafoe ist mit seinen 63 Jahren eigentlich viel zu alt für van Gogh, der mit 37 starb. Aber in seiner markanten Physiognomie und seinen scharfen Gesichtszügen verkörpert der Schauspieler Virilität und Abgezehrtheit zugleich. Und weiß die Ich-Form des Films adäquat auszufüllen. Obwohl er schon zahllose ikonographische Darstellungen gegeben hat, von Oliver Stones „Platoon“ über Martin Scoreses „Die letzte Versuchung Christi“ bis zu Lars von Triers „Antichrist“, ist sein van Gogh vielleicht die beste Performance, die er je geleistet hat.

„Der van Gogh dieses Films entstand nicht auf Grundlage dessen, was andere über ihn geschrieben haben“, so Regisseur Schnabel, sondern „direkt aus meiner persönlichen Reaktion auf seine Bilder“. Eine höchst subjektive Annäherung also. Aber vielleicht gerade darum ein Film mit einer viel größeren, inneren Wahrheit.