Filmfestspiele

Berlinale: Der Beginn einer neuen Ära

Die neuen Chefs der Berlinale geben erste Neuerungen bekannt. Carlo Chatrian setzt dabei vor allem auf Mitstreiter aus Locarno.

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian

Foto: Christoph Soeder, dpa / dpa

Auf der Berlinale im Februar haben sie sich noch dezent zurückgehalten. Es war das letzte Festival unter der Verantwortung von Dieter Kosslick. Und beim Abschied eines Vorgängers mischt man sich nicht ein. Das hatte auch Kosslick nicht getan, als 2001 der Stab von Moritz de Hadeln an ihn übergegangen war.

Aber nun, fast sechs Wochen nach der 67. Berlinale, haben Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian am Donnerstag erste Ausblicke und Neuerungen für die Berlinale 2020 gegeben. Noch nicht auf einer Pressekonferenz, die folgt dann sicher zum offiziellen Amtsantritt, sondern erst mal nur in einer Pressemitteilung.

Erstmals eine Doppelspitze für die Berlinale

Die beiden werden das Festival ab Juni erstmals in einer Doppelspitze leiten, die Niederländerin als Geschäftsführerin, der Italiener als Programmleiter. Das ist so schon bei allen anderen Filmfestivals üblich. Auch Kosslick hatte diese Trennung immer präferiert und angeregt.

Er hätte sich viel lieber ganz der Programmierung gewidmet – für die er oft genug gerügt worden war –, musste sich aber auch mit der Finanzierung plagen. Chatrian kann sich dagegen ganz auf das künstlerische Profil konzentrieren, während sich Rissenbeek um die Finanzen und das Organisatorische kümmert.

Das neue Duo gibt erste Neuerungen bekannt

„Wir sind uns der großen Aufgabe bewusst, die vor uns liegt“ sagt das Leitungsduo und stellt gleich klar: „Wir möchten die Berlinale als Publikumsfestival und als Festival für Berlin erhalten.“ Aber bei aller propagierten Kontinuität bricht doch klar eine neue Ära an. Denn nicht nur Kosslick wird Ende Mai endgültig sein Büro räumen, denn auch etliche Mitstreiter sind gerade gegangen, Forums-Chef Christoph Terhechte etwa oder der langjährige Panorama-Leiter Wieland Speck.

Der Forums-Posten wird noch zu besetzen sein. Michael Stütz, der in den vergangenen zwei Jahren das Panorama gemeinsam mit Paz Lázaro geleitet hat, wird diese Sektion künftig allein leiten, während Lázaro ganz in die Auswahlkommission wechselt, der sie schon zuvor angehörte. Dort ist sie künftig die Einzige aus der alten Crew.

Denn für sein Auswahlkomitee bringt Chatrian, der bislang das Festival in Locarno geleitet hat, den Kanadier Mark Peranson, die Französin Aurélie Godet und die Italiener Sergio Fant und Lorzeno Esposito mit, die alle schon in Locarno tätig waren.

Chatrian und seine Mitstreiter aus Locarno

Das große A-Festival Berlinale bestückt sich damit zu einem Gutteil vom kleineren Bruder aus Locarno. Chatrian, der schon zuvor angedeutet hat, dass er das Programm künftig künstlerischer ausrichten möchte, kommt also nicht alleine, sondern umgibt sich mit Vertrauten, um stärker auftreten zu können.

Das Komitee wird außerdem ergänzt von Verena von Stackelberg, der Gründerin des Berliner Wolf-Kinos, sowie Barbara Wurm, die bisher für die DOK Leipzig und die Internationalen Kurzfilme gearbeitet hat.

Dass sich damit fast die ganze Berlinale runderneuert – Anna Henckel-Donnersmarck löst zudem in der Kurzfilmsektion Maike Mia Höhne ab –, verspricht viel frischen Wind. Heißt aber auch, dass man nicht so stark auf Erfahrung setzen kann.

Und dass, wo 2020 gleich ein großes Jubiläum, die 70. Berlinale, ansteht. Die Doppelspitze kündigt an, dass sie zu diesem Anlass die Berlinale noch stärker mit der Stadt verknüpfen will, als dies ohnehin der Fall ist, seit Kosslick sie wie eine Krake über die ganze Stadt ausgebreitet hat.

„Wir möchten die großartige Festivalgeschichte feiern, indem wir das Kino und das Festival aus seinen traditionellen Orten herausführt“, so die beiden Chefs. Also nicht nur Berlinale Goes Kiez. Mit einer „alternativen Stadtkarte“ möchten die zwei alle Berliner, „die das Festival noch nicht kennen, mit der Berlinale in Berührung bringen.“ Eine mutige Ankündigung. Denn die meisten Berliner dürften das Publikumsfestival sehr wohl kennen. Vielleicht besser als die Neuen.

(ZDR)