Film

Tom Schilling: „Nie wieder Intellektuelle spielen“

Erst ist Tom Schilling in seiner ersten reinen Komödie zu sehen und dann als junger Brecht. Diese Ballung ist ihm gar nicht recht.

Mit Tom Schilling auf Spaziergang in seinem Kiez im Prenzlauer Berg. Dazu kam er einmal nicht im Anzug, sondern mit Lederjacke.

Mit Tom Schilling auf Spaziergang in seinem Kiez im Prenzlauer Berg. Dazu kam er einmal nicht im Anzug, sondern mit Lederjacke.

Foto: Reto Klar

Ein größerer Kontrast ist kaum denkbar. Am heutigen Donnerstag kommt „Die Goldfische“ ins Kino, Tom Schillings erste reine Mainstreamkomödie, noch dazu eine Komödie über Behinderte. Nur einen Tag später startet auf Arte Heinrich Breloeres Zweiteiler „Brecht“ (am 27. März auch in der ARD), in der Schilling den jungen Dramatiker spielt. Selten kann man in so kurzer Zeit eine so breite Spannbreite von sich geben. Über diese Ballung st der 37-Jährige aber gar nicht so glücklich. Wir haben den Schauspieler zu einem Spaziergang in seinem Kiez im Prenzlauer Berg getroffen.

Erst „Die Goldfische“ im Kino, dann „Brecht“ im Fernsehen: Ein größerer Spagat ist eigentlich kaum möglich. Und das dann noch direkt hintereinander.

Tom Schilling: Ja,Ich bin auch nicht ganz glücklich darüber, dass das jetzt Schlag auf Schlag kommt. „Werk ohne Autor“ ist auch noch ganz präsent, eigentlich sind das drei Filme in kurzer Zeit. Ich versuche immer, nur wenige Filme direkt hintereinander zu machen. Auch diese drei Filme habe ich innerhalb von drei Jahren gedreht., Donnersmarck hat zweieinhalb Jahre gebraucht, bis er seinen Film geschnitten hat. Sony wiederum wollte „Goldfische“ so schnell wie möglich ins Kino bringen. So kommt jetzt scheinbar alles auf einmal. Und dann hört man wahrscheinlich zwei Jahre nichts mehr von mir und dann fragen sich wieder alle: Was macht eigentlich Tom Schilling?

„Die Goldfische“ ist Ihre erste richtige Mainstreamkomödie. Warum haben Sie das früher nie gemacht?

Meine Figuren sind ja oft tragikomisch angelegt. So auch in „Goldfische“. Aber stimmt schon, das ist ein Feelgoodmovie, wo man mich sonst eher nicht so verortet. Ich bin auch gar nicht so ein großer Fan davon. Es gibt schon ein paar tolle deutsche Komödien, aber ich finde, es werden einfach zu viele davon gedreht. Ich wähle meine Projekte immer genau aus und will mich dabei nicht wiederholen. Und auch Komödien nehme ich sehr ernst. Aber ich fand, dieser Film wagt wirklich etwas.

„Goldfische“ ist eine Komödie über Menschen mit Behinderung. Fragt man sich da, ob man das darf?

Ich hatte ein bisschen Bedenken, ob mir das gefällt, ob das eine Komik hat, die mir gefällt. Aber dann habe ich das Drehbuch gelesen und war komplett überzeugt. Ich las da viel Herz heraus, und auch viel Erfahrung mit dem Thema. Der Humor ist überdreht, aber nie karikaturesk, kein Kasperletheater. Das war genial geschrieben. Und das von einem Debütanten!

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Und wie kam die Brecht-Rolle an Sie? Haben Sie da auch sofort Ja gesagt?

Ich hätte mich da nicht unbedingt als erste Wahl betrachtet. Aber Heinrich Breloer war einfach überzeugt davon, dass ich der richtige Mann dafür bin. Also haben wir das ausprobiert.

Sie spielen den jungen Brecht. Hatten Sie auch Bedenken, weil Sie dafür eigentlich schon zu alt sind?

Es geht noch auf, auch wenn’s schwierig war. Aber ich spiele ja Brecht von 18 bis 36. Im Prinzip die gleiche Altersspanne, die ich auch in „Werk ohne Autor“ spiele. Breloer hat wohl auch andere, jüngere Schauspieler ausprobiert, ist mit denen aber immer am späten jungen Brecht gescheitert, wenn der politisch und didaktisch wird. Ich scheine da ein bisschen prädisponiert, weil ich immer noch jung aussehen kann, aber trotzdem schon eine gewisse Lebenserfahrung mitbringe.

Ist das eine Krux, die Sie verfolgt? Dass Sie immer jünger besetzt werden, als Sie sind?

So habe ich ja schon angefangen. Als ich meinen ersten Film ja mit fünf gemacht haben, wurde ich genommen, weil ich zwar aussah wie drei, man mich aber schon inszenieren und anweisen konnte. Aber das ist keine Krux. Ich bin immer ganz dankbar für die Rollen, die ich spielen darf. Ich war auch nicht lange in dieser Falle, dass ich nur Coming-Of-Age-Filme gemacht hätte. Das hat mich sehr schnell nicht mehr interessiert. Und irgendwann wird sich das ohnehin umkehren. Dann kriegt man nur noch den alten Brecht angeboten. Und würde gern noch mal den jungen spielen.

Wie nahe ist Ihnen Brecht, wie stehen Sie zu ihm?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich ihm genähert habe. Brecht ist mir in vielem fremd, etwa wie er mit Frauen umging, überhaupt was für ein fordernder und selbstgerechter Mensch er war. Es ist mit Sicherheit die ungreifbarste Figur, die ich bisher gespielt habe. Ich habe dann aber irgendwann mal Fünfe gerade sein lassen und gesagt, ich muss nicht immer alles begreifen. Wie Leander Haußmann mir mal geraten hat: „Nicht zu viel nachdenken – machen!“ Da ist viel dran. Brecht habe ich mich, so blöd es klingt, übers Rauchen angenähert. Erst mal war wichtig, dass man mir das Zigarrerauchen abnimmt. Dann kamen auch die Dialoge wie von allein.

Sie spielen den jungen Brecht, Burkhart Klaußner im zweiten Teil den alten Brecht. Haben Sie sich dazu getroffen, haben Sie sich einen gemeinsamen Brecht entwickelt?

Nein, wir hatten, was mir eigentlich wenig behagt, nur wenig Vorbereitungszeit. Deshalb gab es da keine großen Verabredungen. Jeder hat sich so sein eigenes Brecht-Bild entwickelt, ohne dass wir uns abgesprochen hätten, welche Brecht-Manierismen wir voneinander übernehmen könnten. Vielleicht war das ein Fehler. Aber ich hoffe, es geht auf.

Sie haben als Teenager Theater gespielt, auch am Berliner Ensemble, sogar in Brechts „Leben des Galilei“. Hat Sie das prädisponiert für diese Rolle?

Ich werde vielleicht mit zunehmendem Alter esoterischer und bin der Meinung, dass sich der Körper merkt, was man so tut. Alles was wir wahrnehmen, wenn auch unbewusst, tragen wir in uns. Ich glaube deshalb schon, dass ich aus meiner Biographie irgendwas mit in die Rolle einbringe. Und eine gewisse Magie hat das natürlich, dass ich meine ersten Gehversuche als ernsthafter Kinder-Schauspieler auf eben dieser Bühne hatte, auf der Brecht 1929 „Die Dreigroschenoper“ inszeniert hat. Das hat sicher geholfen.

Theater spielen Sie heute gar nicht mehr. Kriegen Sie da keine Angebote, oder ist das nicht Ihr Metier?

Ich hatte in New York ein Stipendium an der Lee Strasberg Schule. Das war Theater pur. Da habe ich viel gespielt und hatte auch Freude daran. Gerade auch daran, dass da nicht diese ganze Technik dabei ist wie beim Film. Trotzdem würde ich mich auf deutschen Bühnen nicht so sehen. Jella Haase, mit der ich „Goldfische“ gemacht habe, wird demnächst Theater spielen, das ist ein ganz großer Wunsch von ihr. Wäre das auch mein Wunsch, hätte ich das sicher längst gemacht. Aber es gibt so viele Schauspieler, die das besser können, die eine richtige Sprecherziehung haben und wissen, wie man für die letzte Reihe spielt.

Von Brecht gibt es jede Menge Bilder. Jeder hat seinen eigenen Brecht im Kopf. Hat man da Angst bei einer solchen überlebensgroßen Figur, all diesen Erwartungen gerecht zu werden?

Klar. Das ist natürlich ein anderer Druck, als wenn du eine Figur spielst, die frei erfunden ist. Aber das ist auch die Herausforderung dabei. Und der wollte ich mich nicht entziehen. Ich finde es gerade dann interessant, wenn es eine gewisse Reibung gibt. Selbst bei „Die Goldfische“ heißt es manchmal: Hätten wir nie gedacht, dass Tom Schilling so was macht. Ich will mich nicht mit Bob Dylan vergleichen, aber als der anfing, elektrisch zu spielen, haben ihn auch viele einen Verräter genannt. Ich finde, man sollte immer versuchen, gewisse Risiken einzugehen.

Und wenn Kritiken dann mal nicht euphorisch sind, nimmt Sie das mit? Oder blenden Sie das aus?

Das ist eine spannende Frage, die mich gerade sehr umtreibt: Wann ist gut gut genug? Reicht es, wenn ich den Film toll finde? Natürlich lässt mich das nicht kalt, wenn ich einen Film sehr mag und der dann vielleicht nicht so ankommt. Aber die Frage ist, wie sehr man sich davon abhängig macht. Natürlich wünsche ich mir, dass ein Film auch ein Publikum erreicht. Ich will die Leute ja berühren. Und ich spiele mit jedem Film um mein Leben. Als ich meinen ersten Film gemacht habe, „Crazy“, haben wir den in Locarno vor 5000 Leuten open-Air gezeigt und alle haben an den richtigen Stellen gelacht. Das gab mir wahnsinnig viel zurück. Es wäre auch komisch, wenn es mich kalt ließe, wenn ein Film mal nicht ankommt. Gesünder wär’s natürlich.

Sie haben erst Gerhart Richter gespielt und dann Bertolt Brecht. Was kommt da wohl als Nächstes?

Keine Künstler mehr, nie mehr kluge Intellektuelle. Das ist schon mal sicher! Ich mache mir doch selbst schon immer einen Kopf über alles. Dann noch lauter kluge Dinge zu sagen, diese Last, diese Schwere, ständig zu reflektieren, das zehrt ganz schön. Nach diesen beiden Rollen habe ich nach einem krassen Kontrast gesucht und ihn mit „Die Goldfische“ gefunden.

Sie waren mit „Werk ohne Autor“ auch bei der Oscar-Verleihung. Wie haben Sie das erlebt?

Ja, das werde ich gerade oft gefragt. Ich hab da auch ein etwas schlechtes Gewissen, dass ich nicht so überwältigt war. Aber so war es leider. In den USA, das ist kein Klischee, muss man sich auch ein bisschen geil finden und sich selbstbewusst inszenieren können. Der Teppich scheint da wichtiger als was sich drinnen abspielt. Das liegt mir so gar nicht.

Würde Sie das eigentlich reizen, einmal in Hollywood zu arbeiten?

Das kommt immer auf den Inhalt an. Nicht um jeden Preis. Film kann auch ein schnödes, herzloses Business sein, wo es heißt: Du hast einen Vertrag, sag deine Sätze. Diese Art von Arbeit interessiert mich gar nicht. Ich mag Filme, mit denen man auf eine Reise geht. Wo man mit dem Team eine Gang bildet. Bei den meisten Angeboten, die man als Deutscher im Ausland bekommt, bist du doch nur in einem mittelmäßigen Film der dritte Nazi von rechts. Das wäre nichts für mich. Ich würde mich natürlich freuen, mit den tollen Leuten aus Amerika zu arbeiten. Wie Christoph Waltz und Daniel Brühl mit Tarantino. Aber das muss dann auch nicht zwingend in Amerika sein. „Inglourious Basterds“ wurde ja auch in Babelsberg gedreht.