Staatsballett

Sasha Waltz: Die neue Mutter der Kompanie

Vorsichtig höflich: Sasha Waltz kündigt ihre erste Choreografie für das Staatsballett an. Ab Sommer ist sie die Intendantin.

Sasha Waltz und Johannes Öhman im Staatsballett Berlin

Sasha Waltz und Johannes Öhman im Staatsballett Berlin

Foto: Volker Blech

Berlin. Das Foyer de la danse im Hauptquartier des Staatsballetts ist normalerweise ein offener, beschwingter Raum, in dem man immer auf glücklich-verschwitzte Spitzentänzer treffen kann. Bei der Pressekonferenz am Donnerstag verdunkeln Trennwände den Raum, die beiden Hauptakteure sitzen auf einem bühnenreifen Podiumskonstrukt. Es ist der große Auftritt von Sasha Waltz und Johannes Öhman, die ab Sommer als Ko-Intendanten das Staatsballett leiten werden, aber in ihrer Programmpräsentation bei aller sympathischen Offenheit irgendwie doch noch vorsichtig wirken.

„Wir haben ja einen schwierigen Start gehabt“, sagt Sasha Waltz, „aber die Situation hat sich komplett gewendet.“ Heftige Beleidigungen hatte es gegeben, als die Personalie Waltz/Öhman vor zweieinhalb Jahren öffentlich wurde. Das russisch-klassische Ballett zweifelte an der Eignung von Sasha Waltz, die eine Ikone des Modernen Tanztheaters ist. Die Proteste im Ensemble und bei den Ballettfans verstummten schließlich, nachdem sich Kultursenator Klaus Lederer einschaltete und die Tänzer und das Intendantenduo zusammen brachte. Auch die viele überraschende Erhöhung der Tänzer-Planstellen von 84 auf 93 dürfte die friedliche Annäherung befördert haben. Damit wurden die Ängste, dass das klassische Ballett verloren gingen, zerstreut. „Die Motivation der Tänzer ist enorm“, sagt Sasha Waltz jetzt. Man arbeite an einer „Identität des Staatsballetts“, denn es würden sich ganz neue Perspektiven eröffnen. „Die Trennung zwischen klassischem und zeitgenössischen Tanz ist aufgehoben“, so Waltz, die Tänzer würden spüren, dass die Stadtgesellschaft sie bei dem Projekt unterstütze.

Es wird einen neuen Geschäftsführer geben

Der Schwede Johannes Öhman ist bereits seit dieser Spielzeit im Amt. Bisher kann er für die gezeigten 47 Vorstellungen eine Auslastung von gut 93 Prozent vorweisen. Das neue Staatsballett-Design soll auf einen Neuanfang weisen. Es ist darüber hinaus auch personell daran zu erkennen, wer im Foyer de la danse fehlt. Etwa der langjährige Geschäftsführer Georg Vierthaler, der auch Generaldirektor der „Stiftung Oper in Berlin“ ist. Seine Stelle beim Staatsballett wird neu besetzt. Auch Christiane Theobald, die weiterhin als Stellvertretende Intendantin geführt wird und in der Vergangenheit die Mutter der Ballettkompanie war, wurde am Donnerstag vermisst. Die Arbeitsteilung zwischen Waltz und Öhman ist hingegen auf dem Podium offenkundig. Er ist mehr der Organisator und Vermittler, sie das künstlerische Oberhaupt. Er sagt am Donnerstag mehrfach „so happy“, sie verwendet eher künstlerische Umschreibungen, bei denen man genau hinhören muss. Beispielsweise wenn um ihre erste Choreografie für das Staatsballett geht.

Die Uraufführung des Stücks „Sym-Phonie MMXX“ wird am 25. April 2020 in der Staatsoper Unter den Linden stattfinden. Es handelt sich um ein Auftragswerk an den österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas, der es der Staatskapelle auf den Orchesterleib schreibt. „Der Komponist beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Musik in Licht und der Stille“, sagt Sasha Waltz, Haas schreibe auch Passagen der Stille oder gibt Anweisungen für Licht in seiner Komposition. Das Stück soll jetzt im März oder April fertig werden. Auf der Bühne sind 20 bis 25 Tänzer und Tänzerinnen vorgesehen. „Ich werde nicht nur mit klassischen Tänzern arbeiten“, sagt die Choreografin, „sondern auch mit Tänzern, die aus dem zeitgenössischen Bewegungskanon kommen.“ Sie freue sich auf Auseinandersetzungen mit Tänzern, die aus der anderen Tradition kommen, sagt Waltz. Und verspricht sich davon, dass es ihre künstlerische Sprache beeinflussen wird. Über allem steht: „Ich werde weiter an meinem Porträt der Gesellschaft arbeiten.“ Künftig wird die Choreografin jährlich abwechselnd ein Stück fürs Staatsballett und eines für ihre langjährige Compagnie „Sasha Waltz & Guest“ kreieren. Operninszenierungen hat sie künftig keine geplant. „Ich werde mich erst einmal ganz aufs Ballett konzentrieren.“

Alondra de la Parra dirigiert künftig beim Staatsballett

Geplant sind für die Saison 2019/20 vier Premieren, darunter das Ballett „Dornröschen“ nach einer Choreographie von Marcia Haydée. Das Stück auf Musik von Peter Tschaikowsky soll die mexikanische Dirigentin Alondra de la Parra ab 15. Februar in der Deutschen Oper leiten. „Als eine große Hoffnung am Dirigentenpult“ kündigt Waltz die junge Mexikanerin an. Möglicherweise wird sie sogar eine Art Hausdirigentin des Staatsballetts werden. Alondra de la Parra sei „für uns besonders wichtig“, erklärt Waltz, „weil sie bereits viele Ballette dirigiert hat.“ Und nicht nur fürs klassische Ballett, sondern auch fürs zeitgenössische Repertoire gearbeitet hat. Der Ballettabend „Ekman / Eyal / Gal“ erlebt am 8. Dezember in der Staatsoper Premiere, die erste Premiere der Saison findet mit „Plateau Effect“, einem Stück von Jefta van Dinther, am 6. September in der Komischen Oper statt.