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Nicole Kidman: Eine Frau sieht rot

So hat man sie wirklich noch nie gesehen: Nicole Kidman triumphiert in „Destroyer“. Und ist wieder ganz oben auf der Karriereleiter.

Ja, sie ist es: Nicole Kidman als fahrige, unausgeschlafene, übellaunige und höchst aggressive Polizistin in „Destroyer“.

Ja, sie ist es: Nicole Kidman als fahrige, unausgeschlafene, übellaunige und höchst aggressive Polizistin in „Destroyer“.

Foto: Foto: dpa

Ist sie es wirklich? Man muss als Zuschauer wirklich zweimal hinschauen. Aber ja, es ist Nicole Kidman. Ungeschminkt, fahle Haut, dicke Ringe unter den Augen, aufgesprungene Lippen, struppiges, zerzaustes Haar, eine ausgezehrte, fahrige Erscheinung. Karyn Kusamas Cop-Thriller „Destroyer“ lebt erst einmal von der Uneitelkeit seines Stars, sich gänzlich auszuliefern und komplett mit dem eigenen Image zu brechen.

Eine Uneitelkeit, der Nicole Kidman freilich mit Lust frönt. Nur böse Zungen behaupten, ihr Oscar für „The Hours“ (2002) sei vor allem ein Preis für die beste Nase gewesen. Aber es ist schon was dran, dass man ihr erst mal diese übermäßige Nase verpassen musste, um von ihrer Schönheit abzulenken und sich auf ihr tiefes, nuanciertes Spiel einzulassen. Es ist vielleicht das ewige Los gerade von Frauen im Filmbusiness, dass sie zwar schön sein müssen, aber dann auch immer wieder beweisen müssen, dass sie eben nicht nur schön sind.

Die Oscar-Preisträgerin erstmals als Action-Frau

Gegen „Destroyer“, der Donnerstag ins Kino kommt, war „The Hours“ freilich ein Klacks. So radikal hat die heute 51-Jährige noch nie gegen ihren Typ gespielt. Und es ist nicht nur eine äußere Totalverwandlung. Sie schockiert auch mit einem ruppigen Wesen, das jeden vor den Kopf stößt, einer Aggressivität, die sich allzeit entlädt. Im Zweifel weiß diese Frau auch auszuteilen. Mit Fäusten oder mit der Knarre. Nein, so hat man Nicole Kidman noch nie gesehen.

Man kennt diesen Typus. Kennt ihn vor allem von Charles Bronson. „Ein Mann sieht rot“: So hieß einer seiner Filme, so hätten sie alle heißen können. Nur ist es hier eine Frau, die rot sieht: Erin Bell, eine Polizeibeamtin in Los Angeles, die wie auf Droge arbeitet. Und der eine weit zurückliegende Schuld den Schlaf raubt.

Gleich anfangs erhält sie eine verschlüsselte Botschaft, die sie auf die Spur eines Mannes führt, den sie, wie sich bald herausstellt, seit 20 Jahren verfolgt. Und der sie erst zu dem Wrack gemacht hat, das sie ist. Eine Zumutung nicht nur nur für ihre Kollegen, sondern auch für ihre Tochter.

Odyssee eines Rache-Engels in der Stadt der Engel

„Destroyer“ ist ein klassischer Polizeifilm, ein Film Noir allerdings im gleißenden Sonnenlicht von Los Angeles, als krasser Kontrast zu den tiefen Abgründen, die sich hier auftun, mit einem Racheengel auf Odyssee in der Stadt der Engel.

Ein sehr verschachteltes Drama, das auf mehreren Zeitebenen hin und her springt. Ein Verwirrspiel, das von immer neuen Überraschungen lebt, und ein Puzzle, bei dem man erst ganz zuletzt die Chronologie überschaut.

Die Drehbuchautoren Phil Hay und Matt Manfredi legten ihre Story ganz in der Tradition von Klassikern wie „Dirty Harry“ oder „Heat“ an. Aber erst als Regisseurin Karyn Kusama dazu stieß, kam die Initialzündung: Es musste eine Frau sein.

Kusama hat schon mit „Aeon Flux“ Charlize Theron als Action-Heroin neu erfunden. Und empfiehlt nun auch Nicole Kidman nachhaltig diesem Genre. Deren Spiel und Figur aber weist weit über das Genre hinaus, weil es nicht nur um äußere Spannung und Action geht, sondern um den inneren Seelenkampf einer Frau, die alles verloren hat und alles zerstören will, was dafür verantwortlich ist. Sich selbst inklusive.

Eine große Bühne für die Kidman. Und ein Triumph für die Schauspielerin, die ihren Zenit schon überschritten zu haben schien. Lange vorbei die Zeiten, wo sie an der Seite ihres damaligen Mannes Tom Cruise glänzte und schon bald zeigte, das sie ihm nicht nur an körperlicher Größe überlegen war. Lange vorbei aber auch ihr Oscar-Triumph 2003.

Danach war sie nicht immer glücklich in ihrer Rollenwahl, Tops und Flops wechselten sich munter ab, bis letztere immer mehr überwogen. Ein Tiefpunkt: Ihr Historiendrama „Königin der Wüste“ mit Werner Herzog um die Nahost-Kennerin Gertrude Bell, das eine Art weiblicher „Lawrence von Arabien“ hätte werden sollen.

Welch darstellerische Breite in kürzester Zeit

Doch seit gut zwei Jahren hat Kidmans Karriere wieder kräftig an Fahrt zugelegt. Durch die Serie „Litte Big Lies“ oder Arthouse-Erfolge wie „Die Verführten“ und „The Killing of A Sacred Deer“.

Derzeit ist sie gleich mit vier Filmen im Kino. Noch immer läuft „Aquaman“, ihr erster Ausflug ins Comic-Fach, der sie als Meereskönigin Atlanna mit allerdings weidlich durchnässter Frisur zeigt. In „Mein Bester & Ich“, dem Remake von „Ziemlich beste Freundin“, ist es ihre Figur, die dem Original noch etwas ganz Neues, Eigenes abgewinnt.

Und dann ist da noch das beklemmende Drama „Der verlorene Sohn“, wo sie die Mutter eines Schwulen spielt, der sich in einem diffusen Institut einer gräulichen „Homo-Heilung“ unterziehen muss – bis die Mutter ihn da wieder herauskämpft.

Schon diese Breite in kürzester Zeit zeigt, dass die Kidman in allen Genres zuhause ist, auch in der Komödie, wo man sie nicht so leicht verorten würde. Aber nirgends überrascht sie so nachhaltig wie in „Destroyer“, ihre Erin Bell als stärkster Kontrast zu Gertude Bell. Alllein diese Performance, die ihr eine Golden-Globe-Nominierung eingebracht hat, hätte sie wieder ganz nach vorn katapultiert.

Eine One-Woman-Show für den Star

Das Einzige, was sich vielleicht gegen „Destroyer“ sagen ließe, ist, dass der Film zu stark auf ihre Figur konzentriert ist und die Kidman mit ihrem starken Spiel alle anderen zu Statisten degradiert. Aber wie oft passiert das bei Filmen, bei denen ein Mann im Mittelpunkt steht? Auch das gehört vielleicht zur Quotendiskussion dazu: dass es im Showbiz auch One-Woman-Shows gibt.