Er ist einer der am stärksten nach innen gekehrten und zugleich höflichsten Künstler, die man sich vorstellen kann. Wenn man den Berliner Komponisten Mark Andre nach seinem neuen Werk fragt, das am Sonnabend vom Scharoun-Ensemble in der Philharmonie urauf­geführt wird, antwortet er zuerst: „Es ist ein Privileg, für diese besonderen Solisten schreiben zu dürfen.“

Es ist ihm wichtig, das zu sagen. Mit seinem französischen Akzent bedankt er sich für die Aufmerksamkeit an seiner Person, seinem Stück oder auch nur für die Mühe, ihn in Graz angerufen zu haben. Dort ist er gerade als Lehrender bei der ­­Ensem­ble- und Komponistenakademie zugange. In der Neuen-Musik-Szene hat der 54-Jährige seine Fangemeinde, was mit seinem einzigartig metaphysischen Kompositionsstil zu tun hat.

Auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv stieß er mit seiner aufrichtigen Höflichkeit im März 2011 auf Unverständnis. Als Mark Andre nach dem Grund seines Aufenthalts befragt ­wurde, wie es in einem bedrohten Land wie Israel zum Sicherheitsstandart gehört, antwortete er wahrheitsgemäß: „Wir haben Aufnahmen gemacht.“ Die Beamten bohrten nach. „Akustische Fotos“, so Andre, „wir haben Klangspuren gesammelt. Es geht um die Erscheinungsformen des Heiligen Geistes.“

Die Antwort sorgte für Unruhe in der größer werdenden Gruppe von israelischen ­Sicherheitsbeamten, die in An­dres immer detaillierteren Ausführungen über live-elektronische Faltungen von Klängen aus den heiligen Stätten und die Metaphysik des Verschwindens eine mögliche Staatsgefährdung abzuchecken ­hatten. Erst die Homepage der Edition ­Peters verriet ihnen irgendwann, dass wirklich ein Komponist vor ihnen stand.

Der Apostel Johannes spielt eine Rolle im neuen Stück

In seiner Oper „wunderzaichen“, die 2014 am Staatstheater Stuttgart uraufgeführt wurde, fand sich die Flughafenhalle mit Passkontrollhäuschen wieder nebst den Gemäuern der Grabeskirche in Jerusalem. Im Stück verhört ein Grenzpolizist den Israelreisenden Johannes, dessen Identität zweifelhaft ist. Was auch damit zusammenhängt, dass er nach einer Transplantation ein fremdes Herz in seiner Brust trägt.

Der Apostel Johannes spielt in dem Auftragswerk des Scharoun-Ensembles der Berliner Philharmoniker wieder eine Rolle. Mark Andres „Drei Stücke für Ensemble“ sind vom Neuen Testament inspiriert: „Die abwesende Präsenz und die anwesende Abwesenheit des Heiligen Geistes und des verschwundenen Auferstandenen werden unter anderem im Johannes-Evangelium artikuliert“, so Andre. Es geht um das Bibelzitat: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ Der Komponist, bekennender Protestant, meint, zwischen dem Woher und dem Wohin gäbe es irgendetwas. Danach sucht er in seiner Musik. Wenn man so will, lauscht er den Spuren der Schöpfung nach.

Mark Andre ist 1964 in Paris geboren worden. Nach seinem Studium, das er unter anderem am Pariser Konservatorium bei Claude Ballif und Gérard ­Grisey absolvierte, fand er seine künstlerische Heimat in Deutschland. Ihm war die Partitur von Helmut Lachenmanns Klavierkonzert „Ausklang“ in die Hände gefallen, er nannte es eine Offenbarung. Von 1993 bis 1996 absolvierte er ein weiterführendes Kompositionsstudium bei Lachenmann in Stuttgart sowie ein Studium der Musikelek­tronik bei André Richard im Experimentalstudio des SWR.

Wie spielt man eine Pause voller Ekstase?

Seither ist Mark Andre mit Stipendien und wichtigen Musikpreisen überhäuft worden. Von 1998 an lehrte er ­selber regelmäßig als Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen. Er lebt eher zurückgezogen in Berlin. Als Komponist ist Andre das, was man einen Klang- oder Geräuschforscher nennt. Er sammelt keine anheimelnden Melodien oder ­Akkorde, sondern – wie er es ausdrückt – Klänge, die in einer Art MRT untersucht werden. Im Nanobereich bekomme man bestimmte Signaturen heraus, ob der Klang stabil oder instabil, harmonisch oder disharmonisch oder perforiert sei.

Er weiß, dass seine Musik „eine andere Art von Virtuosität“ erfordert. Es ist nicht nur eine Frage des Spieltechnischen, sondern auch des Einlassens auf Metaphysisches. Ein Beispiel aus dem neuen 15-minütigen Stück. Für die letzte Pause hat er die Vortragsanweisung „ekstatisch“ notiert. Eine ekstatische Pause? „Wir wissen aus der Astrophysik“, sagt Andre, „dass es keine absolute Stille gibt.

Seit dem Urknall sind überall Geräusche, die wir beobachten können.“ Sein Stück sei keine Pantomime, betont er, alles solle hörbar sein. „Aber ich denke, was zu laut ist, kann keine Intensität entfalten. Die steckt eher im Verklingenden, in der letzten Stufe vor dem Verklingen.“

Kammermusiksaal der Philharmonie, 16. Februar um 20 Uhr.