Deutsche Oper

Die Ehe ist sowieso nur ein Geschäft

An der Deutschen Oper zeigt „La Sonnambula“ von Vincenzo Bellini die Nöte einer jungen Braut.

Die Oper spielt in einem bedrückenden Gastraum. Sopranistin Venera Gimadieva ist die nachtwandelnde Braut.

Die Oper spielt in einem bedrückenden Gastraum. Sopranistin Venera Gimadieva ist die nachtwandelnde Braut.

Foto: Bernd Uhlig

Berlin. Das Publikum jubelt am Ende der Premiere in der Deutschen Oper. Was fast überraschend kommt, denn in den drei Stunden zuvor gab es fast keinen Zwischenapplaus auf offener Bühne. Bei Belcanto-Opern ist es aber üblich, wenn es dem Publikum den Atem verschlägt bei einzelnen Arien oder Duetten. Und die Sänger dann in ihrer Rolle verharren, um das gerufene Bravo oder Brava demütig entgegenzunehmen. Der leidenschaftliche Schlussjubel bei Vincenzo Bellinis „La Sonnambula“ ist wohl nur damit zu erklären, dass sich das Publikum wieder deutlich mehr Belcanto in Berlin wünscht. Das ist eine wichtige Botschaft des Abends.

Die Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito wird zweifellos ihr Publikum finden. Sie hofiert die Sänger und erzählt eine Geschichte. Sie ist sehenswert. Die Produktion ist eine Übernahme aus Stuttgart, wo „La Sonnambula“ bereits vor sieben Jahren Premiere hatte und von den Kritikern der Fachzeitschrift „Opernwelt“ zur „Inszenierung des Jahres“ gewählt wurde. Es ist Belcanto mit doppeltem Boden, der sich in inszenatorischer Finesse spiegelt. Gleich zu Beginn gibt es eine optische Täuschung. Im Gasthof müssen für die bevorstehende Trauung unzählige Klappbänke aufgestellt werden. Die junge Wirtin ist bereits bei den letzten angekommen. Sie schnauft missmutig, verständlich, aber eigentlich tut sie das, weil sie die Hochzeit nicht will. Sie wird sich als Widersacherin der Braut profilieren.

Bellinis 1831 in Mailand uraufgeführte Oper spielt eigentlich in einem abgelegenen Dorf in den Schweizer Alpen. Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat jetzt einen bedrückenden Gastraum geschaffen, eine Art Tunnelgewölbe mit Treppenaufgang im Hintergrund. Als Vorbild diente ihr dafür ein Wohnhaus für Arbeiterfamilien in Österreich, deren Arbeitsplätze in den 1970er-Jahren wegrationalisiert wurden. Auf beiden Seiten des Bühnenraumes stehen bedrohlich große Schränke, und man ahnt, wie viele Mädchen sich darin versteckt haben vor der hartherzig-frustrierten Gemeinschaft. Braut Amina tut es immer noch.

Das Liebespaar singt innig aneinander vorbei

Die Ehe ist sowieso nur ein Geschäft: Reichtum gegen Herz. So schreibt es der Notar auf. Dass die arme Waise Amina den reichen Bauern Elvino eigentlich nicht heiraten will, wird bereits beim Duett „Prendi: L’anel ti tono“ (Nimm: Den Ring schenke ich dir) deutlich, man singt innig aneinander vorbei. Jesus Leon spielt den schmierigen Bauerngigolo, der immer noch nicht von seiner Ex, der flippigen Wirtin Lisa (Alexandra Hutton), losgelassen hat. Der Tenor verkörpert viel Belcanto-Geist, auch wenn der Stimme etwas Volumen und Glanz fehlen. Er gleicht es mit jungenhafter Verve aus. Spötter nennen die Gesangskunst auch Kanarienvogelgesang. Die vielen Verzierungen brauchen expressivere Stimmen, es ist schon schwer, die große Deutsche Oper zu füllen. Venera Gimadieva lässt ihren schlanken Sopran tief in ihrer Rolle versinken. Sie gewinnt mit ihren Farben im Piano, die Nachtwandlerarie ist atemvoll und anmutig.

Das Regieduo Wieler/Morabito lässt es sich in „La Sonnambula“ nicht nehmen, die nachtwandelnde Braut auf die Couch des Psychoanalytikers zu legen. Wahnhaft durchlebt die ahnungslose Waise, was bereits ihre Mutter durchlebt hat. Die war vom Grafensohn geschwängert, sitzen gelassen und vom Dorf verächtet worden. Jetzt läuft sie als Gespenst durch die Inszenierung. Und Aminas Stiefmutter trägt eine sehr reale Mitschuld. Mezzosopranistin Helene Schneiderman ist großartig in ihrer auch ausgesungenen Strenge und Kontrollsucht. Amina kann ihr nur in der Nacht entfliehen.

Beim Happy-End bleiben alle unglücklich zurück

„La Sonnambula“ ist eine sogenannte Rettungsoper. Der Retter muss von außen in die starre Welt kommen. Es ist just der zurückkehrende Grafensohn. Ante Jerkunica setzt am Premierenabend die Maßstäbe, mit seinem kultiviert geführten Bass macht er mächtig Eindruck. In seinem Bett landet die Nachtwandlerin, was einen Eklat im Dorf auslöst. Dass sich der Draufgänger Rodolfo in dieser Inszenierung am Ende auch als Aminas Vater entpuppt, ist eine Spielerei des Regieduos, das damit auf eine ursprüngliche Idee Bellinis zurückgreift. Beim Happy-End, so viel sei verraten, bleiben alle unglücklich zurück.

Dabei ist die Oper harmoniesüchtig in ihrer schier unendlichen Melodie. Sie will die Seele streicheln, dennoch ist es musikalisch kein müheloser Abend. Die Solisten wie der an sich großartige Chor wirken gelegentlich verunsichert. Es ist nie gut, wenn kurz vor der Premiere der Dirigent wechselt. Kapellmeister Stephan Zilias, der für den zurückgetretenen Diego Fasolis am Pult steht, will zuerst die Sänger durch den Abend führen.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343 Termine: 2., 7. und 10.2.; 19. und 25.5.