Europäischer Filmpreis

Preisverleihung: Europa in den Knochen

„Cold War“ triumphiert beim Europäischen Filmpreis in Sevilla. Marie Bäumer geht leer aus.

Regisseur Pawel Pawlikowski (2.v.r) und sein Team präsentieren ihre Trophäen für den besten Spielfilm des Jahres beim 31. Europäischen Filmpreis.

Regisseur Pawel Pawlikowski (2.v.r) und sein Team präsentieren ihre Trophäen für den besten Spielfilm des Jahres beim 31. Europäischen Filmpreis.

Foto: Laura Leon/AP/dpa

Pawel Pawlikowski hat seinen Europa-Rekord wiederholt. Vor vier Jahren gewann der polnische Regisseur mit „Ida“ beim Europäischen Filmpreis in Riga vier Mal. Das ist ihm nun auch bei der 31. Verleihung dieses Preises am Sonnabend in Sevilla mit „Cold War“ gelungen. Das erste Mal kam er auf die Bühne als bester Drehbuchautor. Und wand sich ein bisschen, weil er zugab, er habe zahllose Versionen geschrieben und wisse gar nicht mehr, welche er verfilmt habe. Er sei eigentlich ein „Anti-Autor“.

Das zweite Mal kam er, um den Preis für seine Hauptdarstellerin Joanna Kulig entgegenzunehmen, die im sechsten Monat schwanger ist und deshalb nicht fliegen kann. Sie stach Marie Bäumer aus, die einzige deutsche Hoffnung an diesem Abend. Beim dritten Mal nahm Pawlikowski den Regiepreis entgegen und bedankte sich bei seinen Eltern, die den sehr persönlichen Film inspiriert haben. Und dann gewann „Cold War“ auch noch die Hauptkategorie als Europäischer Film 2018. Da wusste der Regisseur kaum, was er noch sagen sollte, und übergab an seine Produzenten. „Cold War“ hatte außerdem noch einen Preis für den besten Schnitt bekommen, der schon zuvor bekannt gegeben worden war. „Ida“ hatte seinerzeit noch einen Publikumspreis eingestrichen.

Strenge, poetische Schwarzweißaufnahmen

„Cold War“ handelt vom Nachkriegs-Europa und einer Amour fou auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Von einem Musiker, der in den Westen emigriert, und einer Sängerin, die ihm nachfolgt, nur um ihn an die Kommunisten zu verraten. Und ihm in die Unfreiheit folgt. Der Film lebt, wie schon „Ida“, von strengen, poetischen Schwarzweißaufnahmen. Und von Joanna Kulik, die in „Ida“ schon eine Nebenrolle spielte und sich hier ganz nach vorn spielt — und dabei auch als Sängerin beweist. Nun bleibt spannend, ob „Cold War“ auch, wie „Ida“, beim Auslands-Oscar reüssieren kann. Der Film wurde als polnischer Kandidat ins Rennen geschickt und trifft dort erneut auf die anderen Favoriten von Sevilla.

Es ist vielleicht Ironie, dass hier als Europäische Komödie ebenfalls ein Film gewann, der von Kaltem Krieg und Kommunismus handelt, aber nicht von den Opfern, sondern den Tätern: „The Death of Stalin“. Wenngleich beide Filme in längst überwunden geglaubten Zeiten spielen, fungieren sie doch auch, wie die Preisträger immer wieder betonten, als Spiegel der heutigen Zeit, da Europa wieder tief zerrissen und gespalten ist. Armando Iannucci, Regisseur von „Death of Stalin“, erinnerte daran, dass sein Film in Russland verboten sei und seinem Film dort jeder künstlerische Wert abgesprochen wurde. „Das ist also sehr mutig von Euch“, sagte er zur Filmakademie, die die Preise vergibt: „Ihr steht jetzt alle auf der Liste.“

Russland wurde immer wieder angegangen an diesem Abend. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland, Vorsitzende der Akademie, betonte gleich zu Beginn die Solidarität mit dem dort in Haft sitzenden Filmemacher Oleg Senzow und seinem Kollegen Kirill Serebrennikow, der unter Hausarrest steht. „Wir stehen zu Euch“, sagte Holland. Und der ganze Saal stand dabei auf.

Preise hatten Signalwirkungen

Es war somit ein sehr politisches Jahr, bei dem die Preise Signalwirkungen hatten. Fast etwas leid tun konnten einem die Mitkonkurrenten, die fast ebenso oft nominiert waren wie „Cold War“, aber gar keine Preise abbekamen wie „Border“ oder „Glücklich wie Lazzaro“ oder nur einen für die Entdeckung des Jahres (das Transsexuellen-Drama „Girl“) oder immerhin den besten Schauspieler („Dogman“). Wobei der Laiendarsteller Marcello Fonte alle professionellen Kollegen ausstach — und die ein wenig mürrisch guckten. Während der Italiener mit einer furiosen Rede an seinen Landsmann Roberto Benigni erinnerte.

Sevilla hat die oft etwas zähen Verleihungen des Europäischen Filmpreises mit viel spanischem Flair befeuert. Gleich zu Beginn gab Almodóvar-Star Rossy de Palma Zunder, immer wieder gab es Flamenco-Einsätze, die selbst Mikrostörungen wie Tanztöne wirken ließen. Und der spanischen Schauspielerin Carmen Maura wurde die Laudatio nicht gehalten, sondern gesungen. Das war überhaupt der europäischste Moment, als die 73-Jährige meinte, in so einem Moment habe sie kein Englisch in den Knochen. Stattdessen dankte sie unter Tränen in einem Amalgam aus Spanisch, Englisch, Französisch — und bewies, dass sie Europa in den Knochen hatte.

Dass an diesem Abend gleich drei Ehrenpreise verliehen wurden - auch an den griechischen Regisseur Costa-Gavras und den Schauspieler Ralph Fiennes, hatte etwas Inflationäres. Dass aber auch ein Brite ausgezeichnet wurde, wo gerade über den Brexit-Ausstieg verhandelt wird, das hat Fiennes, statt bloß eine Dankesrede zu halten, gleich selbst aufgegriffen.

Die Europäische Filmakademie hört es nicht gern, dass man ihren Preis als europäischen Oscar betrachtet. An diesem Abend sah man einmal mehr, wieso: Beim Oscar bedanken sich nur alle brav bei ihren Produzenten, hier wirft man sich in die Bresche für den europäischen Gedanken, der gerade an so vielen Stellen verloren zu gehen droht.

Die wichtigsten Auszeichnungen:

Europäischer Film 2018: „Cold War“ (Polen) von Pawel Pawlikowski (Polen)

Europäische Komödie: „The Death of Stalin“ von Armando Iannucci (USA/F/GB)

Regie: Pawel Pawlikowski für „Cold War“

Schauspielerin: Joanna Kulik für „Cold War“

Schauspieler: Marcello Fonte für „Dogman“ (I)

Drehbuch: Pawel Pawlikowski für „Cold War“

Europäische Entdeckung: „Girl“ von Lukas Dhont (Belgien/Niederlande)

Europäischer Dokumentarfilm: „Bergman — A Year in Life“ (Schweden)

Europäischer Trickfilm: „Another Day of Life (Polen/Spanien)

Europäischer Kurzfilm: „The Years“ (Italien)

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