Kultur

Adventszeit: Jauchzet und frohlocket

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach wird wieder in Kirchen und Konzertsälen aufgeführt.

Zum Auftakt: Bachs Weihnachtsoratorium am Sonnabendabend in der Gedächniskirche.

Zum Auftakt: Bachs Weihnachtsoratorium am Sonnabendabend in der Gedächniskirche.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Es gehört zur Adventszeit wie Kerzenlicht, Gänsebraten oder Weihnachtsmärkte: In den Kirchen und Konzertsälen wird ab jetzt wieder Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium aufgeführt. Für viele ist dieser Konzertbesuch eine gepflegte Tradition, die nicht an den christlichen Glauben gebunden sein muss. Bereits der jubelnde Eingangschor „Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage“ ist über das Mysterium der Geburt Jesu hinaus ein Bekenntnis zum Leben. Mehr als 20 Aufführungen gibt es in diesen Wochen in Berlin. Deshalb eine kurze Einführung ins Weihnachtsoratorium, kurz WO.

Die Aufführungszeit

Zu Bachs Zeiten wären Aufführungen an Adventssonntagen undenkbar gewesen, die Tage waren für die stille Einkehr und Buße vorgesehen. Das sechsteilige Oratorium für Gesangssolisten, gemischten Chor und Orchester wurde erstmalig zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und dem Epiphaniasfest 1735 vom Leipziger Thomanerchor aufgeführt, also in sechs Gottesdiensten. Teil I am ersten Weih-nachtsfeiertag, Teil II am zweiten, Teil III am dritten, Teil IV gab es an Neujahr, Teil V am Sonntag nach Neujahr und den abschließenden Teil VI am 6. Januar, dem Dreikönigstag. Jeder Teil dauert etwa eine halbe Stunde. Heute werden bei Aufführungen nur ausgewählte Teile, zumeist die Teile I–III gespielt.

Die Textmischung

Das Libretto ist aus verschiedenen Textgattungen zusammengestellt. Grundlegend ist der episch geprägte Text des Neuen Testaments, der den jeweils zweiten Kapiteln der Evangelien nach Lukas und Matthäus entnommen ist. Die freien Dichtungen stammen wohl von Christian Friedrich Henrici alias Picander, mit dem Bach häufig zusammengearbeitet hat. Die Autoren der lyrisch geprägten Choraltexte sind unter anderem Paul Gerhardt, Martin Luther und Johann Rist.

Das Parodieverfahren

Musikalisch hat sich Thomaskantor Bach kräftig bei sich selbst bedient. Vorhandene Musik mit neuem Text: Das sogenannte Parodieverfahren war seinerzeit eine übliche, vor allem auch zeitsparende Praxis. Zahlreiche Sätze des WO waren ursprünglich für andere Werke, meist weltliche Kantaten, komponiert worden. So entstammt der festliche Chor „Jauchzet, frohlocket!“ einem Geburtstagsständchen für Maria Josepha, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, aus dem Jahr 1733. Der ursprünglich weltliche Huldigungstext lautet: „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“ Beide Varianten passen wunderbar zur Musik.

Der Evangelist

Nach alter kirchlicher Tradition wird der Evangelist von einem Tenor gesungen. Hier erzählt er in Rezitativen die Weihnachtsgeschichte vom Volkszählungsbefehl des Kaisers Augustus bis zum Abzug der Heiligen Drei Könige. Jede gute Aufführung lebt heute auch von einem möglichst charismatischen Tenor. Die Gefragtesten reisen gerade quer durch Deutschland.

Die Zahlensymbolik

Es geht um die Zahl drei, womit in Dreiklängen die Dreifaltigkeit verborgen ist, und die Zahl acht. Das Oktavintervall in der Musik erhält nach der christlichen Zahlenmystik eine besondere Bedeutung und wird als Jesus- und Auferstehungssymbol verwendet. Es gilt hinzuhören. Die Zahl steht auch für die acht Menschen, die vor der Sintflut gerettet wurden. Am achten Tag werden nach jüdischer Tradition neugeborene Jungen – also auch Jesus – beschnitten. Taufsteine erinnern durch ihre häufig achteckige Form daran.

Eine Sprachmerkwürdigkeit

Das Gesamtwerk schließt mit dem Choral „Nun seid ihr wohl gerochen“. Aber nein, keiner muss an irgendetwas riechen. „Gerochen“ ist das alte Partizip II des Verbs „rächen“. Im heutigen Deutsch ist die Form „gerächt“ üblich. Was der Textzeile sofort eine neue Verständlichkeit gibt.

Aufführungen:

Mehr als 20 Aufführungen von Bachs Weihnachtsoratorium sind in Berlin für die Adventszeit angekündigt.

In der Schmargendorfer Kreuzkirche, Hohenzollerndamm 130, (Tel. 83 22 46 63) werden am 8.12., 17 Uhr, die Teile I bis III aufgeführt.

In der Wilmersdorfer Lindenkirche an der Homburger Straße 48 (Tel. 82 79 220) gibt es am 15.12. um 16 Uhr eine Kurzfassung für Kinder von 6 bis 10 Jahren.

In der Grunewaldkirche, Bismarckallee 28B (Tel. 89 73 33 53) erklingen am 16.12. um 16 Uhr alle Teile.

Im Berliner Dom in Mitte (Tel. 20 26 91 36) finden am 14., 15. und 23.12. fünf Aufführungen der Teile I bis III statt.

Im Kammermusiksaal der Philharmonie (Tel. 25 48 81 32) präsentiert die Berliner Bach Akademie am 22.12. um 16 Uhr Teil I und II.