Kultur

Neues Buch widmet sich Theaterkritiker Friedrich Luft

Friedrich Luft war einer der großen Theaterkritiker Berlins. Ein Buch zeigt den vom Krieg geprägten Mann, der Neues wollte.

Wurde auch im Ostteil der Stadt eifrig gehört: Friedrich Luft 1969 im Hörfunkstudio.

Wurde auch im Ostteil der Stadt eifrig gehört: Friedrich Luft 1969 im Hörfunkstudio.

Foto: bpk/Digne M. Marcovicz / ullstein bild - bpk/Digne M. Mar

Die Stadt lag in Trümmern, als sich der Theaterkritiker Anfang 1946 seinen Rias-Hörern vorstellte: „Luft ist mein Name. Friedrich Luft. Ich bin 1,86 groß, dunkelblond, wiege 122 Pfund, habe Deutsch, Englisch, Geschichte und Kunst studiert, bin geboren im Jahre 1911, bin theaterbesessen und kinofreudig und beziehe die Lebensmittel der Stufe II.“ Darüber hinaus teilte die neue Radiostimme mit, neben dem letzten Anzug, den er aus dem Krieg gerettet habe, eine Hornbrille auf der Nase zu tragen. Friedrich Luft sollte der populärste Theaterkritiker und Feuilletonist West-Berlins werden, auch die Berliner Morgenpost konnte sich mit seinen Texten schmücken. In Erinnerung an ihn verleiht die Zeitung seit 1992 alljährlich den Friedrich-Luft-Preis für die beste Berliner Theateraufführung.

Zur Kritik gehören sauberes Handwerk und Redlichkeit

Seine getippten Manuskripte waren uns in der Kulturredaktion heilig, dabei war Friedrich Luft, Berlins große „Stimme der Kritik“, alles andere als pingelig oder gar eitel. Er bleibt als freundlich geradliniger Mann in Erinnerung. Seine Leidenschaft für das Kulturleben war in den Texten zu lesen und zu hören. Es gehörte zu seinem Credo: „Und da Kunst erregbar machen soll und mitteilsam: Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich es auf meine Art tue“, verkündete er zu Anbeginn: „Kein akademischer Vortrag. Das kann ich nicht.“ Es gäbe keine treffsichere Kritik, wusste Luft: „Aber es gibt auch hier ein sauberes Handwerk und einen Willen zur Redlichkeit und zum Wahren.“

Genau um diese Redlichkeit, die sich auch in autobiografisch geprägten Texten offenbart, dreht sich das Buch „Friedrich Luft. Über die Berliner Luft“, in dem Wilfried F. Schoeller eine lesenswerte Auswahl an Feuilletons zusammengestellt hat und im Nachwort kommentiert. Es zeigt den Sohn einer schottischen Mutter, der fließend Englisch sprach und mit den Alliierten lockerer umgehen konnte, viel weltläufiger als er sich selber darstellte. Zwei schottische Onkel hatten ihn in Nazi-Zeiten finanziell unterstützt, Luft konnte politisch seine Unabhängigkeit bewahren. 1940 hatte er die Malerin Heide Thilow geheiratet, die mit ihren Beziehungen zwei Jahre später dafür sorgte, dass der Kanonier Luft zur Heeresfilmstelle versetzt wurde. Hier schrieb er harmlose Drehbücher etwa für den Film „Die Brieftaube im Einsatz“.

Bedrückend sind seine Erinnerungen, die er im Mai 1946 verfasste, an die „letzten irren Tagen des Krieges“ in Berlin. Er beschreibt das Gurgeln der Stalinorgeln, die Tiefflieger, das Gefangensein im Keller, die Angst vor SS-Häschern: „An der nahen Weidendammer Brücke hingen die Leichen derer zur Schau, die die hilflosen Waffen fortgelegt hatten.“ Fast lakonisch wird dargestellt, wie eine Granate vor das Kellerfenster fegte: „Ein alter, freundlicher Mann schrie auf, kreischte und starb. Sein Leib war mitten durchschnitten.“

Hinter seinen späteren Kritiken und Feuilletons verbirgt sich neben der humanistischen Bildung als Sohn eines Studienrats vor allem die Überlebenserfahrung der Kriegsgeneration. Es prägte den unbändigen Wille, das Zerstörte wieder herzustellen und das Leben zu genießen. Gesegnet seien die Stunden, so Luft, „die uns über uns hinausführen. Die Stunden, die wieder Musik in unser Leben bringen und die Töne der großen Meister. Gesegnet die Stunden, die uns nachdenken lassen, die uns Ideen zeigen, die uns die Welt öffnen und uns über unseren kleinen, staubigen Alltag hinausführen in die Welt.“

An der Haustür stehend las er morgens seine Artikel

Aus der Morgenpost ist „Der Druckfehlerteufel: Ein böser Geist aller Autoren“ in die Sammlung eingegangen. Darin erzählt Luft im Juli 1976, wie wonnig es ist, morgens „in die Pampuschen zu schlüpfen“, um noch an der Haustür seinen Text zu lesen. Aber dann höre die Gattin ihn aufschreien „wie einen verwundeten Hirsch, hört ihn fluchen, hört ihn schwören, nie wieder eine Zeile zu schreiben, den Beruf aber nun endlich an den Nagel zu hängen“. Der Druckfehler ist – mit Jahrzehnten Abstand betrachtet – kaum erwähnenswert. Es geht zuerst um den Lesegenuss.

Friedrich Luft ist eine Stimme vieler West-Berliner gewesen. „Zu der östlichen Teilprovinz und zu dem, was sich dort Staat nennt, wollen wir auf keine Weise gehören“, schrieb er aus der Frontstadt: „Aber im westlichen Teil wiederum kommt man sich nachgerade auch wie ein halber Fremdling vor.“ Er lässt die Beobachtung in ein Feuilleton über den Berliner Humor einfließen, der „vorsichtig geworden“ ist.

Genau genommen ist Friedrich Luft, der kurz nach der Wiedervereinigung am 24. Dezember 1990 starb, immer auch ein Theaterkritiker für den Osten der Stadt gewesen, wo sehr viele seine schier atemlosen, von kurzen Sätzen und Begeisterung geprägten Radiokritiken verfolgt haben. Er war eine Legende zu Lebzeiten und seine Verabschiedungsformel stadtbekannt. „Wir sprechen uns wieder, in einer Woche“, versicherte er seinen Hörern: „Wie immer – gleiche Zeit, gleiche Stelle, gleiche Welle. Ihr Friedrich Luft.“

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