Musikpreis Opus Klassik

„Sänger müssen eine sexy Stimme haben“

Christa Ludwig erhält am Sonntag den Opus Klassik für ihr Lebenswerk. Der neue Preis löst den Skandal-Echo ab.

Christa Ludwig erhält am Sonntag den Opus Klassik für ihr Lebenswerk

Christa Ludwig erhält am Sonntag den Opus Klassik für ihr Lebenswerk

Foto: Didier Baverel / WireImage

Berlin. Christa Ludwig ist das, was man eine Sängerlegende nennt. Die 90-jährige Mezzosopranistin hat es sich in ihrer Suite im „Hotel Bristol“ am Kurfürstendamm bequem gemacht, ein Fläschchen Whisky und einen Snack aus der Minibar genommen. Und ist bereit für ein Gespräch vorab. Im Konzerthaus erhält sie heute den Opus Klassik für ihr Lebenswerk. Christa Ludwig ist rundum fröhlich drauf. Ob sie ihre Dankesrede schon vorbereitet hat? „Ach nö“, sagt sie, als wolle man ihr nur den Spaß verderben: „Ich rede aus dem Stegreif.“

Zurückhaltender wirkt Burkhard Glashoff, der als Opus-Organisator gerade im Konzerthaus unterwegs ist. Er ist Geschäftsführer der Hamburger Konzertdirektion Dr. Rudolf Goette, zugleich aber Vorsitzender eines erst vor Wochen gegründeten Vereins, dessen Hauptziel darin besteht, mit dem neuen Opus-Klassik-Preis den Eklat um den aufgelösten Echo vergessen zu machen. Wenn Glashoff Interviews gibt, dann vor allem, um deutlich werden zu lassen, dass die „kleine, eingeschworene Klassikfamilie, die aber offen für alle ist“ eigentlich so gar nichts mit der Popindustrie zu tun hat.

Der Echo-Skandal war ausgelöst worden durch die Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang, denen in ihrem künstlerischen Wirken Antisemitismus vorgeworfen wurde. Daraufhin begannen reihenweise Klassikstars wie Pianist Igor Levit oder Dirigent Enoch zu Guttenberg ihre Echos zurückzugeben. Kurz nachdem sich Daniel Barenboim öffentlich distanzierte, wurde der Echo eingestampft.

Den Begriff Lebenswerk findet sie unpassend

„Ich habe dieses scheußliche Biest auch zu Hause stehen“, sagt Christa Ludwig und beschreibt ihren Echo-Preis als grau und schwer. Den Opus Klassik nimmt sie jetzt gerne entgegen. „Ich freue mich über jeden Preis, den ich nicht postum bekomme“, scherzt sie. Mit dem Begriff Lebenswerk kann sie nicht viel anfangen. Das sei ein falscher Ausdruck für das, was Sänger tun. „Ein Lebenswerk kann eine Skulptur, ein Museum oder ein Staudamm sein. Wir Sänger geben der Luft Schwingungen, die klingen.“ Mit dem Singen hat sie 1994 aufgehört. Heute liebe sie die Stille, sagt sie.

Christa Ludwig ist gebürtige Berlinerin. Aber bei dem Thema wiegelt die Wienerin gleich ab. Ihre Mutter, selbst Sängerin, sei eigentlich in Aachen engagiert gewesen. Aber sie wollte nicht, dass Aachen in der Geburtsurkunde steht. Also reiste die Hochschwangere extra nach Berlin und brachte ihre Tochter in einem Privathaus an der Zionskirchstraße zur Welt. Das war am 16. März 1928. Später habe sie vergeblich versucht, sagt Christa Ludwig, ihr Geburtshaus wiederzufinden.

Immerhin war die Sängerin bei wichtigen Fixpunkten in der Berliner Klassik dabei. Als in West-Berlin 1961 die Deutsche Oper wiedereröffnet wurde, war sie schnell mit von der Partie. Als Gastsängerin wurde es hier ihr Stammhaus. Und als in Ost-Berlin das zum Konzerthaus umgebaute Schauspielhaus 1984 eröffnet wurde, gab sie in der ersten Saison einen Liederabend. Mit Herbert von Karajan trat sie oft in der Philharmonie auf. Karajan, erzählt sie, habe nach Aufführungen im Beifall badend nur gesagt: „Für die sind wir eh zu gut.“ Leonard Bernstein hingegen fragte immer: „War es gut?“

„Der Bernstein war ein Genie“

„Bernstein war toll“, schwärmt Christa Ludwig: „Männlein und Weiblein haben sich in ihn verliebt. Der Bernstein war ein Genie. Man hat gute Dirigenten, gute Lehrer oder gute Bücherschreiber. Er konnte alles zusammen. Er war der Einzige, um den ich wirklich geweint habe. Er hatte mir eine antike Bernstein-Kette vermacht.“ Die ist ihr aber gestohlen worden. Der dritte prägende Dirigent war Karl Böhm. Der sei unterschätzt, „weil er kein Charisma hatte“. Heute ist Mariss Jansons ihr Lieblingsdirigent.

Für Sänger hat Christa Ludwig noch eine eigene Kategorie: „Sänger müssen eine sexy Stimme haben.“ Christa Ludwig spricht sexy dabei aus wie sechs-i. Als Beispiele nennt sie Placido Domingo oder Richard Tauber. „Eine Stimme muss man fühlen.“ Tenor Juan Diego Flóres, über den die Ludwig viele lobende Worte verliert, erhält heute den Opus Klassik als bester Sänger.

Sopranistin Diana Damrau wird als Sängerin geehrt, der philharmonische Oboist Albrecht Mayer als Instrumentalist, der Pianist Benny Andersson (Ex-Abba-Mitglied) in der Rubrik „Klassik ohne Grenzen“. Insgesamt gibt es über 50 Kategorien.

Das seien zu viele, sagt Organisator Burkhard Glashoff. Der Opus Klassik 2018 ist noch ein Preis im Übergang. Im nächsten Jahr soll es eine neue Jury geben, weniger Kategorien, dafür neue im Bereich Konzertformate und Vermittlung. Die Medienwirksamkeit soll bewahrt werden: Heute um 16.45 Uhr wird der Opus Klassik von Thomas Gottschalk im Konzerthaus moderiert und später im Fernsehen gezeigt.

ZDF Opus Klassik um 22.15 Uhr