Film

Luxushotel mit Fünf-Sterne-Abgründen

Im Kinofilm „Bad Times at the El Royale“ prallen sieben Stars und Sternchen in einem seltsamen Hotel aufeinander.

Ein mysteriöser Sektenführer, der Liebe predigt, seine Bande aber zu schlimmen Taten antreibt: Chris Hemsworth agiert in diesem Film stets mit bloßem Oberkörper

Ein mysteriöser Sektenführer, der Liebe predigt, seine Bande aber zu schlimmen Taten antreibt: Chris Hemsworth agiert in diesem Film stets mit bloßem Oberkörper

Foto: 20th Century Fox

In Filmen geht es oft um Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen. Aber selten sind sie so wörtlich zu nehmen wie in „Bad Times at the El Royale“, der am heutigen Donnerstag ins Kino kommt. Darin geht es um ein Hotel direkt auf der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada. Man kann sich aussuchen, ob man ein Zimmer in diesem oder jenem Bundesstaat nimmt. Die eine Hälfte ist ganz anders ausgestattet als die andere. Und eine rote Grenzlinie zieht sich quer durch die Lobby, den Swimming Pool, durchs ganze Areal. Ein wenig wie der Mauerstreifen an manchen Ecken von Berlin.

Ein solches Hotel gibt es wirklich: das berühmte „Cal Neva Resort & Casino“ am Lake Tahoe. Frank Sinatra besaß es kurz, Dean Martin hat hier gesungen, Promis wie Marilyn Monroe, Judy Garland und Sammy Davis Jr. feierten hier ausgelassene Partys. Als Drew Goddard, der gefeierte Drehbuchautor von „Der Marsianer“ und „Cloverfield“, das Luxushotel besuchte, inspirierte es ihn zu einem Film. In diesem heißt die Herberge allerdings anders, „El Royale“ – weil hier Dinge passieren, die im Cal Neva nie geschehen sind. Aber wohl auch, weil es um kriminelle Verflechtungen und die Überwachung durch Geheimdienste geht, womit das Cal Neva sehr wohl zu tun hatte.

Eine Handvoll Fremde verschlägt es an einem dauerverregneten Tag Ende der 60er-Jahre hierher. Fremde, die alle nicht das sind, was sie vorgeben zu sein, und sich gegenseitig argwöhnisch beobachten. Ein Staubsaugervertreter (Jon Hamm aus „Mad Man“), der undercover für die CIA arbeitet. Ein falscher Priester (Altstar Jeff Bridges) mit Gedächtnisproblemen und krimineller Vergangenheit. Eine Soulsängerin (Cynthia Erivo) auf der Flucht. Und eine Femme fatale (Dakota Johnson aus „Fifty Shades of Grey“), die ihre eigene Schwester (Cailee Spaeny) entführt hat.

Das Filmprojekt wurde lange „top secret“ gehandelt

Sie alle werden mit den immer gleichen Phrasen vom jungen Concierge (Bill Pullmans Sohn Lewis Pullman) begrüßt, der auch mit Schatten der Vergangenheit zu kämpfen hat. Dann taucht auch noch ein mysteriöser Sektenführer (Thor-Darsteller Chris Hemsworth) auf. Sieben Fremde, die alle ein Geheimnis haben. In einem Hotel, das ebenfalls ein Geheimnis verbirgt, das größte von allen. Zimmer mit Aussicht – aber nicht für die Gäste.

Eigentlich variiert Regisseur Drew Goddard hier ein Szenario, das er schon 2012 in seinem Regiedebüt „Cabin in the Woods“ entwickelt hat. Da waren es fünf junge Menschen (Hemsworth war auch schon dabei), die in einer einsamen Berghütte in einen tödlichen Horror schlitterten. Das Drama wartete mit einer der überraschendsten Filmwendungen der jüngeren Zeit auf. Seither gilt Goddard als Mastermind. Als er sein Drehbuch zu „Bad Times“ potenziellen Geldgebern vorstellte, tat er das unter strengster Geheimhaltung, was die Erwartungen kräftig in die Höhe schraubte.

Eine ähnliche Wende wie bei „Cabin“ bleibt in „Bad Times“ freilich aus. Das Drama erinnert dagegen stark an Quentin Tarantinos (anfangs auch „top secret“ gehaltenes) „The Hateful Eight“. Mit dem Unterschied allerdings, dass bei Tarantino von Anfang an acht konträre Charaktere mit Wucht aufeinanderprallen. In „Bad Times“ dagegen werden erst mal die Vorgeschichten der einzelnen Figuren lang und ausführlich aufgeblättert, kapitelweise und nach Zimmernummer geordnet.

Goddard will viel auf einmal. Er lässt die bunt-poppige Welt von 1968 wiederauferstehen mit ihren Interieurs, Jukeboxen und Automatenrestaurants. Das gelingt großartig, optisch und akustisch ist der Film eine Offenbarung, was sich in der Songauswahl, der Ausstattung und der meisterhaften Kameraführung von Seamus McGarvey zeigt. Dann rollt Goddard seinem teils starträchtigen Cast gleich mehrere Teppiche aus, was allerdings mal mehr, mal weniger gelingt.

Dakota Johnson darf beweisen, dass sie mehr kann als „Fifty Shades“, und Jon Hamm wird allzu früh geopfert. Jeff Bridges variiert dagegen nur den „Grumpy Old Man“, den er schon so oft gegeben hat. Und Chris Hemsworth darf hier nicht viel mehr, als seinen Oberkörper entblößen, dies allerdings wiederholt, was dem Film auch Aufmerksamkeit garantiert.

Es braucht dann aber eine ganze Weile in diesem mit 140 Minuten auch nicht eben kurz geratenen Film, bis die Figuren wirklich alle aufeinandertreffen. Dass der Regisseur ganz nebenbei auch noch ein Zeitbild entwerfen will und die Krisen jener Jahre – Vietnam, Watergate und die Morde der Manson-Sekte – aufgreift, das überfrachtet dieses Werk zuweilen. Ein Grenzgang, das alles in diesen Mystery-Film zu zwängen.

So wie Chris Hemsworth wie ein Seiltänzer auf der Grenzlinie zum Hotel balanciert, so ähnlich bewegt sich auch Goddard selbst auf seiner dramaturgischen Linie, mal in die eine, mal in die andere Richtung schwankend. Bis er das alles mit Lust in ein tarantino-gerechtes Chaos auflöst. Sein „Bad Times“ zeugt von großem Stilwillen, atmosphärischer Dichte und geschliffenen Dialogen, aber die ganz große Allegorie auf die USA der 60er ist es dann doch nicht geworden. Ein Film, gespalten wie das Hotel, in dem es spielt. Das immerhin passt ja auch wieder.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.