FIim

Schuld und Liebe

Lesen verbindet, auch in schlechten. Das will uns zumindes die neue Literatur-Verfilmung „Deine Juliet“ weismachen.

Eine Geschichte über Schuld, Kriegstraumata und Wunden, die nicht heilen wollen

Eine Geschichte über Schuld, Kriegstraumata und Wunden, die nicht heilen wollen

Foto: Kerry Brown / Studiocanal

Die Menschen lesen immer weniger. Ein trauriger Trend, der kaum aufzuhalten ist. Die es trotzdem tun, scheinen sich wie eine Trutzgemeinde zu verschwören. Es gibt immer mehr Romane, die von magischen Büchern handeln, von leidenschaftlichen Lesern, verwunschenen Bibliotheken oder Buchklubs, in denen Leute nicht nur lesen, sondern sich auch darüber austauschen. Die Filmindustrie hat sicher ein Teil dazu beigetragen, dass die Lesekultur im vergangenen Jahrhundert so stark zurückgegangen ist. Gleichzeitig braucht sie Stoffe und plündert dafür auch die Literatur gern aus.

Zuweilen eben auch Bücher, die von Büchern handeln. Auch wenn ein Bestseller-Erfolg sich auf der großen Leinwand nicht unbedingt wiederholen muss. Titel wie „Der Buchladen der Florence Green“, „Die Bücherdiebin“ oder „Der Jane-Austen-Club“ liefen im Kino nicht sehr zufriedenstellend, Cornelia Funkes „Tintenherz“-Trilogie wurde nach nur einem Film gar nicht erst weiterverfolgt.

Großes Kostümdrama mit epischen Landschaftsbildern

Man darf gespannt sein, wie es nun der Bestsellerverfilmung „Deine Juliet“ geht. Ein Film, der auch von einem Buchklub handelt und von Briefen, die aus dem Off vorgelesen werden, von der Kraft des geschriebenen Worts. Es geht aber auch um große Gefühle. Und eine große Schuld. „Deine Juliet“, der im Original wie der Roman von Mary Ann Shaffer und Annie Barrows etwas komplizierter „The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society“ heißt, spielt in der Nachkriegszeit in Großbritannien und dann auch während des Kriegs, auf den Kanal-Inseln, dem einzigen Teil Englands, der von den Deutschen besetzt war. Ein kaum bekanntes Kapitel der britischen Geschichte.

Eine Handvoll Insulaner hat sich des Nachts mit selbst gebranntem Alkohol vergnügt. Und mit einem ungenießbaren Kartoffelschalenauflauf, weil die Deutschen ihnen sonst nichts zum Essen lassen. Dafür ignoriert das Grüppchen die Ausgangssperre, wird prompt von deutschen Soldaten erwischt. Und erfindet mal eben die „Guernsey Literatur- und Kartoffelauflauf-Gesellschaft“. Die Deutschen mögen das nicht glauben, wollen sich aber überzeugen, dass das nicht eine Widerstandsgruppe ist. Fortan muss der „Buch-Klub“ über die wenigen Bücher sprechen, die sie noch im Regal haben, und ein Deutscher sitzt immer dabei. Ironischerweise wird der Buchklub wirklich zu etwas, was die Unterdrückten zusammenschweißt. So bleibt der Leseklub, bleibt das Ritual auch über das Kriegsende hinaus erhalten.

Dann erwirbt der Schweinehirt Dawsey Adams (Michiel Huisman) antiquarisch ein Buch, das der Londoner Autorin Juliet Ashton (Lily James) gehörte. Weil er sonst niemanden in London kennt, bittet er sie, ob sie dem Klub nicht ein bestimmtes Buch schicken könnte. Was der Bauer nicht ahnen kann: Durch den Verlust der Eltern im „Blitz“ ist die junge Autorin unfähig, weiter unterhaltende Bücher zu schreiben. Sie braucht eine Auszeit. Und neue Ideen. Und macht sich auf den Weg nach Guernsey, um diesen seltsamen Buchklub kennenzulernen. Und darüber einen Artikel zu schreiben.

Dort angekommen, sind die Klubmitglieder keineswegs angetan davon, dass man ihre Geschichte ausschlachten will. Und die Nation über sie lachen könnte. Juliet bekommt aber heraus, dass ein tiefer Schmerz den Klub verbindet. Die Gründerin des Ganzen, Elizabeth (Jessica Brown Findlay), fehlt nämlich. Sie hatte eine Affäre mit einem Deutschen, wurde denunziert und in ein KZ gebracht. Statt nur die eigene Schreibblockade zu bekämpfen, recherchiert die junge Frau nun auch gegen den Widerstand so manchen Inselbewohners die ganze Wahrheit.

Eine Geschichte über Schuld, Kriegstraumata und Wunden, die nicht heilen wollen. Aber auch über Völkerverständigung und eine im Grunde unmögliche Liebe. Regisseur Mike Newell („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) inszeniert das als großes Kostümdrama mit epischen Landschaftsaufnahmen, wo das Meer die Küste aufwühlt wie die Gefühle die Herzen. Allerdings funktioniert die verwickelte Struktur mit den zwei Zeitebenen im Buch weit besser als im Film. Dort kommt die Rahmenhandlung selten über seine bloße Klammerfunktion hinaus.

Dabei soll hier ja noch eine zweite Liebesgeschichte erzählt werden. Die Autorin hat nämlich nicht nur eine Schreibblockade, sie verliebt sich auch in den Bauern, wo doch in London ein Millionär auf sie wartet. Als müsste sie sich zwischen zwei Fernseh-Formaten entscheiden: „Bauer sucht Frau“ oder „Wer wird Millionär?“ Mike Newell weiß den Kitsch aber, immer wenn er gar zu offensichtlich wird, durch dramatische Momente auszugleichen.

Und das Ganze wird souverän getragen vom Charme der zauberhaften Lily James, die sich seit „Cinderella“ (2015) zielstrebig in die erste Liga gespielt hat und aktuell selbst die undankbare Rolle, in der „Mamma Mia!“-Fortsetzung Meryl Streep in jung zu spielen, bravourös meistert. Lily James macht auch die schnulzigen Momente ertragbar. Und den schalen Kartoffelauflauf.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.