19.30 Uhr, 32 Grad: Festivalstimmung auf der Dachterrasse des Haus der Kulturen der Welt. Menschen schlendern durch die Gegend, grüßen Bekannte. Frauen in weißen Sommerkleidern sitzen auf dem Boden, Kinder hängen in Sonnenstühlen ab. Es gibt umlagerte Marktstände mit englischsprachigen Büchern, mit Vinyl, Eis, Sandwiches und Cocktails. Und es gibt einen Stand vom Reisebüro Britain and Ireland Tours. An dem bleibt niemand stehen. Ist er das, der Brexit? Ist das der Abschied mitten im europäischen Sommer?

Einen Pop-Abschied proklamiert das diesjährige „Wassermusik“-Festival – Motto, frei nach ABBA und Douglas Adams: „Goodbye UK – and Thank You for the Music“. Erneut hyperfachkundig kuratiert von Detlef Diederichsen und Martin Hossbach unternimmt Wassermusik an den nächsten drei Wochenenden Streifzüge durch die Musik eines Landes, ohne dessen Veredelungsmaßnahmen (Beatles, Kinks, Bowie) und Aufrauungen (Punk, Grime, Dubstep) Popmusik nicht wäre, was sie ist.

Noch etwas sehr hell ist es für Go-Kart Mozart. Das erste Open-Air-Konzert ihrer Karriere, sagt Sänger Lawrence – und das will was heißen, ist er doch seit Ende der 1970er-Jahre im Geschäft. Er sieht aus, als sei er eben dem Grab einer schottischen Jungfrau entstiegen: bleich und dürr, lakonisch und unterkühlt. Wie man sich Briten so vorstellt. Lawrence singt von relativer Armut, von Depressionen und, tja, von Abschieden: „You and me, its gone can't you see / It's over“. In krassem Kontrast dazu die Catchieness seiner Musik – Twang und Beat und Powermelodien, als hätte Kim Wilde am Strand von Brighton ein paar Pints zu viel mit Ian Dury gekippt.

Matthew Herbert vertont die Austrittsklausel

Der Haupt-Brexit-Kommentar jedoch kommt von Matthew Herbert. Dreißig Musiker schieben sich auf die nicht eben kleine Bühne. Dann der Dirigent. Und dann der Chor. Herbert ist bekannt als Produzent und Remixer für Björk, REM, Moloko, Yoko Ono oder John Cale. Er sampelt aber auch schon mal die Geräusche eines Schweins, von Geburt bis Abtransport zur Schlachtung, und komponiert daraus ein Album. Nun hat Herbert aus Wut über den, wie er sagt, ahnungs- und planlosen Brexit-Deal ein europaweites Big-Band-Projekt initiiert. Da wird der Austrittsartikel 50 des EU-Vertrags vertont oder aus der Daily Mail gesungen – der „schlechtesten und leider populärsten Zeitung Englands“.

Und weil Matthew sonst nicht Herbert wäre, führt er jedes Konzert weitgehend mit lokalen Musikern auf. „Die Leute hier hab ich vor drei Tagen zum ersten Mal getroffen“, sagt Herbert, als das Publikum längst schon tanzt und tobt: „Nicht schlecht, was?“ Und ja: selten klang politische Kunst so gut. Als hätte sich Glenn Miller einen irren Wissenschaftler auf die Bühne geholt, der an Reglern und Knöpfen dreht, während sein Orchester in vollem Swing dahin gallopiert.

Manchmal klingt das verdächtig nach dem nächsten James-Bond-Song, dann nach irgendwas von Edward Elgar, dann wie fieser Elektro-Clash. Zeitungen werden im Takt zerrissen und Papierflieger losgelassen, auf die das Publikum beim London-Konzert Wünsche geschrieben hat: „I want to be in you“ steht da, oder „Please don't give up on us“. Die Berliner dürfen eigene Wünsche zurückwerfen. Und am Ende stimmt das Publikum ab, ein eigenes Referendum. Natürlich jubeln alle „Stay“ („Bleibt“), was umgehend via Laptop als Orgel-Ersatzsound ins nächste Stück eingebaut wird. Ausgelassener hätte Wassermusik nicht eröffnen können. Zu irgendwas muss der verdammte Brexit ja gut sein.

Mehr Konzertkritiken: