Der Termin war mit Bedacht gewählt. Am gestrigen Montag wäre der große Götz George, der vor zwei Jahren gestorben ist, 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass wurde in der Astor Film Lounge erstmals der Götz-George-Preis verliehen. Es ist nicht nur ein weiterer Darstellerpreis, davon gibt es vielleicht genug. Es ist einer, der explizit an ältere Kollegen gehen soll und mit dem ganz in Sinne des Verstorbenen auf einen Missstand der Branche hingewiesen wird.
Marika George, die Witwe, die die Götz-George-Stiftung mitbegründet hat, brachte dies gestern in der Zeremonie auf den Punkt: Der Preis solle an Menschen gehen, die viel geleistet haben, aber lange nicht zu sehen waren und ein bisschen in Vergessenheit geraten sind. Verbunden ist damit auch ein sozialer Gedanke, ihnen etwas unter die Arme zu greifen. Insofern kostet es durchaus auch Mut, einen solchen Preis entgegenzunehmen. Aber es ist auch ein starkes Signal, auf die Misere hinzuweisen. Die Stiftung erhofft sich, dass künftige Preisträger auch zu Botschaftern gegen Altersarmut und für die Solidarität unter Künstlern werden.
Oft auf einen Typus reduziert
Zuvor war nicht bekannt gegeben worden, wem die Ehre zuteilwerden würde, den mit 10.000 Euro dotierten Preis das erste Mal entgegenzunehmen. Entsprechend gespannt war die Gästeschar, zu der Promis wie Iris Berben, Clemens Schick, Klaus Hoffmann oder „Schimanski“-Miterfinder Hajo Gies zählten. Die Wahl fiel dann auf eine echte Berliner Legende: Karin Baal. Die Baal, die aus einfachen Verhältnissen in Wedding stammt, wurde bekanntlich 1956 für den Film „Die Halbstarken“ mit 15 Jahren unter 700 Kandidatinnen entdeckt. Keine gelernte Aktrice also, sondern eine Laiendarstellerin, die freilich genau die Authentizität rüberbrachte, die dem deutschen Film damals eher abging.
Doch auch in späteren Filmen musste Karin Baal immer wieder das frivole Jungmädchen geben. Obschon sie eine Schauspielausbildung nachholte, konnte sie sich nur schwer aus ihrem Rollenklischee befreien. Später hat sie, etwa unter Fassbinder, reife Frauen aus dem Proletariat gespielt. Aber nicht oft konnte sie ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen, meist wurde sie auf einen Typ reduziert.
Ein starkes Signal für die Zukunft
Das Leben hat der heute 77-Jährigen zuweilen arg mitgespielt, das hat sich tief in ihre Züge eingebrannt, ihre Abstürze hat sie selbst in ihrer Autobiographie „Ungeschminkt“ schonungslos beschrieben. Treffend bringt es Mario Adorf auf den Punkt, der mit ihr nicht weniger als sechsmal zusammengearbeitet hat. Adorf konnte zwar am Abend nicht persönlich dabei sein, huldigte der Baal aber per Video-Grußbotschaft: „Dieser Preis ist ein ganz besonderer: Du bekommst ihn eher für dein bewegtes, bewegendes Leben, das du immer wieder gemeistert hast, wofür ich dich bewundere – ein echtes Aufstehweib!“
Schon im vergangenen September wurde bei den First-Steps-Awards der erste Götz-George-Nachwuchspreis vergeben. Ein Preis, der Mut machen soll. Hier folgt nun quasi das Äquivalent für ältere Semester. Der George-Stiftung, die die Preise vergibt, gehören neben Marika George noch Christiane Waldbauer an, eine enge Freundin Georges, und seine Tochter, die Künstlerin Tanja George, die den Preis – Georges Signatur in Edelstahl gegossen – auch entworfen hat.
Georges Stimme wird so nicht verstummen
Als der an Karin Baal überreicht wird und diese, von ihrem Sohn Thomas Baal gestützt, sichtlich gerührt auf die Bühne geführt wird, erinnert sie sich, wie sie mit George die Schauspielschule besucht hat, wie sie mit ihm Theater gespielt und dann „Weibsteufel“ und die Serie „Ein Jahr ohne Sonntag“ gedreht hat. Nie hätte sie gedacht, dass sie von einem so Großen so einen Preis bekäme – und dann noch so spät. „Ich finde das wunderbar.“
Der Preis soll fortan jährlich verliehen werden. Immer am Geburtstag von Götz George. Auf diese Art wird seine Stimme auch lange nach seinem Tod nicht verstummen.




