Tanzhauptstadt: Diesen Titel mit nicht nur nationaler, sondern auch internationaler Ausstrahlung hat sich Berlin über die Jahre erarbeitet. Rund 300 Choreografen und 3000 Tänzer sind dem Tanzbüro Berlin zufolge hier tätig; mit etwa 1400 Vorstellungen jährlich hat die Sparte einen beträchtlichen künstlerischen Output. Weniger bekannt als der Status quo ist die Historie hinter dem dichten Netz dezentraler Tanzorte und -initiativen.
Ändern könnte sich das im Jubiläumsjahr 2018: Sasha Waltz & Guests, Berlins bekannteste zeitgenössische Kompanie, wird 25, das Festival Tanz im August gibt es seit nun 30 Jahren – und dieser Tage feiert mit dem Festival Open Spaces eine Institution ihren 40. Geburtstag, die den zeitgenössischen Tanz überhaupt erst in Berlin verankert hat: die Tanzfabrik.
Anfänge als real gelebte Utopie in einer WG
Als real gelebte Utopie könnte man die Anfangsjahre dieses künstlerischen Verbundes bezeichnen. 1978 schloss sich eine Gruppe Tänzer, Choreografinnen, Musikerinnen sowie tanzbegeisterter Biologie-, Sport- und Germanistikstudenten zusammen und gründete in einem Fabrikgebäude in der Kreuzberger Möckernstraße eine Wohngemeinschaft mit angeschlossenen Tanzstudios.
Hier wurde, aus einem 68er-Geist heraus, geprobt und aufgeführt, unterrichtet, interdisziplinär experimentiert und nächtelang diskutiert, wie Claudia Feest erzählt, eine der Mitgründerinnen und bis 2003 künstlerische Leiterin der Tanzfabrik. „Leben und Arbeit zu verbinden war mein Traum“, sagt sie. Ideen für Stücke entstanden damals am Frühstückstisch. Freunde statt Konkurrenten: das war der Grundsatz.
Tanztheater stand neben Performance, ästhetisch von Travestieshows beeinflusste Experimente neben kinetischer Kunst à la Bauhaus. Aus den USA hatte die Tänzerin Christine Vilardo, die mit dem Sportwissenschaftler Reinhardt Krätzig das Tanzfabrik-Kollektiv initiierte, die Contact Improvisation mitgebracht. Dieser Impuls wirkt bis heute in der Szene, so wie das Wissen um den Postmodern Dance, die Judson Church oder das Living Theater. Über einzelne Tänzer und Choreografen fand zudem das Erbe von Mary Wigman zurück nach Berlin. Bis 1967 hatte die Grande Dame des modernen Ausdruckstanzes hier gelehrt.
West-Berlin war Ende der 70er-Jahre eine „Tanzwüste“
Doch die tief reichenden Wurzeln waren vertrocknet: West-Berlin war Ende der 70er-Jahre eine „Tanzwüste“, so Claudia Feest. „Berlin lechzte nach dem Angebot“, bestätigt Reinhardt Krätzig, der, wie viele aus der Gründergeneration, für die interne Jubiläumsfeier angereist ist.
Heute gibt es in Berlin eine zeitgenössische Tanzausbildung und zahlreiche Trainingsangebote. Damals strömten Profis und Laien in die Kurse der Tanzfabrik. Vielfalt war beim Angebot das Prinzip.
Offenheit als Organisationsprinzip kennzeichnet die Tanzfabrik bis heute, auch wenn sie sich in vielerlei Hinsicht radikal gewandelt hat. Mit zunehmender Professionalisierung trennten sich Leben und Arbeit wieder, die Möckernstraßen-WG löste sich Ende der 80er-Jahre auf. Der Geist des Kollektivs aber wirkte fort – als Tänzerchoreografen gaben nach wie vor alle Beteiligten gleichberechtigt ihr Material in den Prozess.
Bis zur Wende produzierte die Tanzfabrik Kompanie Stück um Stück, handgefertigt, wie Helge Musial in der Videoinstallation „Kollektives Erinnern“ (2018) schildert: Er baute seine eigenen Bühnenbilder, arbeitete, wie die übrigen Tanzfabrik-Mitglieder, als Lichttechniker oder Ticketverkäufer. Durchfinanziert war diese Struktur nicht, Leidenschaft und Selbstausbeutung gingen Hand in Hand.
Mit der Wende kam die finanzielle Krise
Mit der Wende und der Aufsplittung der Berliner Fördermittel für Künstler kam die finanzielle Krise; die Kompanie trennte sich. Einige Jahre hatte die Tanzfabrik zu kämpfen, doch dann erschloss die wendige Institution ein neues Tätigkeitsfeld, wurde Unterstützungsstruktur und Plattform für Berliner Tanzschaffende. Ihre Gala zum 20. Jubiläum 1998, die das hiesige Schaffen erstmals gebündelt einem breiten Publikum zugänglich machte, war so erfolgreich, dass die Tanzfabrik im Jahr 2000 die „Tanznacht“ als Format erdachte.
In den Uferstudios etablierte sie 2010 einen zweiten Standort für Residenzen, Proben, Aufführungen und vernetzte sich unter der Leitung von Eva-Maria Hoerster sowie später Ludger Orlok im europäischen apap-Netzwerk mit Tanzproduzenten. Lücken im Angebot zu schließen – auch diese Mission begleitet die Tanzfabrik. Kürzlich startete mit dem von Stadt, Land, Bund geförderten Tanzpakt-Projekt „Making A Difference“ eine Qualifizierungsoffensive für Tanzschaffende mit Behinderung.
Beweglich bleiben, nicht in festen Strukturen auskristallisieren: Wie ein Pilzgeflecht vernetzt die Tanzfabrik unterirdisch die Berliner Szene. Gedacht ist sie von den Anliegen der Künstler her: Wenn es mehr neue Arbeiten gibt als angenommen, wird ein Festival eben größer, erzählt die langjährig assoziierte Choreografin Christina Ciupke, die die unprätentiöse Offenheit der Tanzfabrik schätzt. Experimente und künstlerische Forschung stehen im Fokus, nicht das marktgerechte Produzieren, bekräftigt der künstlerische Geschäftsführer Ludger Orlok – eine Haltung, die den in Berlin von Projektantrag zu Projektantrag getriebenen Künstlern ein Innehalten und Vertiefen ermöglicht. „Wir möchten uns dem Unbekannten stellen“, sagt Orlok noch.
Festival Open Spaces: noch bis 27. Juli in den Uferstudios. Tanznacht: 24.–27. August 2018. www.tanzfabrik-berlin.de


