Nick Cave muss sich in einer Art Vorhöllenschleife gefangen fühlen. Auf den Tag genau drei Jahre ist es her, da fiel sein Sohn Arthur in Brighton von einer Klippe in den Tod. Vermutlich war der 15-Jährige auf seinem ersten LSD-Trip. Cave selbst verlor seinen Vater als er 19 war bei einem Autounfall, nahm danach lange massiv Drogen.
Aber der Australier schrieb dabei Songs, die aus den sumpfigen Ecken eines mystischen Südens der USA gekrochen zu kommen scheinen – einer Landschaft voller Gangster, Huren, Besessener und Verlierer, die vielleicht doch eine Seelenlandschaft ist. Diese Songs haben über Jahrzehnte nichts von ihrer Kraft, ihrer Gewalt, ihrer Schönheit verloren. Dazu gibt es immer wieder Liebeslieder, die wie Gebete klingen. Cave, der Teufel. Cave, der Priester.
Einziges Deutschland-Konzert in Berlin
Was macht so jemand an so einem Tag? Er betritt die ausverkaufte Waldbühne in Berlin, zum einzigen Deutschlandkonzert, wie immer im Dreiteiler, das Haar durch Zauberhand rabenschwarz wie am ersten Tag, und sagt: „Wow. Hier sind aber verdammt viele Leute. And it’s fucking daylight. Das ist erschreckend.“ Dann legt seine Begleitband, The Bad Seeds, los. Was einst aus den Überresten von Caves wilder Postpunkband The Birthday Party entstand, hat sich unter zahlreiche Häutungen in eine der verlässlichsten Livebands des Business verwandelt. Die Bad Seeds können auch vor 20.000 Leuten spielen, wenn es noch hell ist. Kein Problem.
Und obwohl Cave gerade im Herbst erst in Berlin war und das Sommerprogramm sich nur in wenigen Stücken vom Konzert im Oktober unterscheidet, ist auch diese Show ein großer Exorzismus. Jedes Mal, wenn Cave an die ersten Reihen tritt, sich fast auf sie legt, werden ihm Arme entgegenreckt, als wollten die Leute gesegnet werden. Dann wieder steht Cave im Ausfallschritt seinem Musical Director Warren Ellis gegenüber: ein Torero, der versucht, eine lärmende E-Geige zu erlegen. Cave kniet und hüpft und tritt in die Luft, er flucht und croont, er schreit, flüstert und deklamiert. Cave verwandelt alle Verzweiflung – oder was immer er in sich trägt – in Energie.
Punk als Trauerbewältigung
„Do You Love Me?” und “Loverman”, beide aus den 90er Jahren, hat man lange nicht live gehört. Laut und krachig kommen sie daher, anzüglich und poetisch. Punk statt Trauer – oder vielleicht: als Trauer. „Shoot Me Down“ ist auf keinem Album erschienen: eine dieser hypnotischern Cave-Balladen, die sich in Wiederholungen hineinschrauben, dunkle Mantras: „I might just disappear / Wouldn't that be nice?“ „The Ship Song“, eine Pianoballade, die man archetypischer nicht schreiben könnte, klingt vielleicht einen Tick zu routiniert. Irgendwo sieht man Wim Wenders stehen, lächeln und mitwippen. In seinem „Himmel über Berlin“ hatte Cave einen frühen Film-Auftritt, als er selbst.
Bei „Tupelo“ lässt Warren Ellis die Feedbacks los: böse Geister. Cave singt seine Beschwörungen, der König mögen geboren werden (hier: Elvis Presley, aber wer weiß, wer noch gemeint ist) im Call-and-Response mit ein paar Leuten im Publikum. Ein uralter Delta-Blues, scheint es, etwas wacklig und sehr wirklich. Wenn Cave dann im riesigen Theaterrund allein am Piano „Into my Arms“ anstimmt – einen der schönsten Songs überhaupt – und das Publikum den Refrain mitsingt, kann man sich ihn für einen Moment mit 80 auf der Bühne eines sehr teuren Casinos in Las Vegas am Flügel sitzend vorstellen, umringt von jungen Fans. Eine Vorstellung, mit der er vermutlich ganz gut leben könnte.


