Als Burt Bacharach das letzte Mal in Berlin auftrat, gab es noch keine Mauer und nicht er selbst war Headliner, sondern Angestellter bei Marlene Dietrich. Mit ihm als Kapellmeister kehrte die Diva aus Schöneberg im Mai 1960 zurück in ihre Stadt, die sie wegen der Nazi-Barbarei verlassen hatte. „Es war die tollste Tour, die ich je mit ihr spielte“, sagte Bacharach später. Immerhin 30 D-Mark kosteten die Karten im Steglitzer Titania Palast und so blieben rund 500 Plätze unbesetzt. Als Burt Bacharach 58 Jahre danach nun am Sonnabend den Admiralspalast betritt, ist das Haus ausverkauft und die Bestuhlung mehrheitlich nur dann unbesetzt, wenn die Gäste ihm eine der vielen Standing Ovations geben.
Seinem Alter angemessen, betritt Bacharach langsam die Bühne. Ein 90-Jähriger mit weißem dichtem Haar, dunklem Jackett, Bluejeans und Marken-Sneakers. Er nimmt Platz am Flügel, umrahmt von einer Band aus sieben Instrumentalisten und drei Sängern. „What the world needs now“ ist sein erstes Stück. Liebe, Frieden, Harmonie unter Menschen: Themen, zu denen man im Alter zurückkehrt. Ein Medley seiner frühen Hits folgt, Stücke wie „Walk on by“, „I say a little prayer“. Man könnte jetzt nach Hause gehen und es wäre trotzdem ein perfektes Konzert gewesen.
Soundcheck entspannt in Jogginghose
Dies ist sein einziger Deutschlandauftritt. Ein ganz großer Wurf der Berliner Veranstalter „Karrera Klub“, die vor fünf Jahren erste Kontakte zum Bacharach-Umfeld knüpften. Als jetzt das Angebot kam, sagten sie in Sekundenschnelle zu. Zwei Tage vor der Show traf Bacharach in Berlin ein, mit Ehefrau und Sohn. Zum Soundcheck am Sonnabend erschien der Mann aus Kalifornien entspannt in Jogginghose.
Auf der Bühne wirkt Bacharach nun wie ein würdig gealterter Protagonist der Serie „Mad Men“. Mitte der 50er-Jahre war er ein Manhattanite mit Charme, Einstecktuch und einem Appartement an der Upper East Side, das er als Single mit seinem Hund Stewba bewohnte und das einen prächtig-urbanen Ausblick auf das Edel-Kaufhaus Bloomingdale bot.
Obwohl seitdem viele Jahrzehnte vergangen sind, meistert er die Show im Admiralspalast mühelos, denn zwischen den Liedern nimmt er sich Zeit. Als seien die 1600 Zuschauer zu Gast in einer entschleunigten Nachmittagsvorstellung eines Spielcasinos, spielt Bacharach ein wenig aus seinem Repertoire, erzählt eine Anekdote und leitet über zum nächsten Stück - wie er und die anderen Pioniere des US-Showbusiness es schon seit mehr als einem halben Jahrhundert tun. That’s Entertainment.
Bacharach hat Hunderte solcher Abende bestritten und nebenbei mehr als 70 US-Top-40 Hits geschrieben. Es ginge wahrscheinlich schneller, jene Künstler aufzuzählen, die ihn in den 60er- und 70er-Jahren nicht gesungen haben, als umgekehrt.
Die frühen Songs entstanden in einem winzigen Büro
Viele seiner frühen Stücke schrieb er im New Yorker Brill Building, 1619 Broadway. Die Büros waren so klein, dass nur Platz war für einen Schreibtisch, ein Standklavier, eine defekte Aircondition und ein Fenster, das sich nicht öffnen ließ. Hal David, sein Texter, rauchte eine Chesterfield nach der anderen, was Bacharach eigentlich unerträglich fand. Aber gesagt hat er nie etwas. Im Fahrstuhl begegnete man Phil Spector oder Hit-Autoren wie Leiber und Stoller.
Vor „This house is empty now“ spricht er darüber, wie der Schallplatte die CD folgte und Songs - seine Einkommensquelle, immerhin - mittlerweile überall kostenlos zu hören seien. Und er erinnert an die verlorene Kunst der Covergestaltung.
Den Gesangspart bei „This house...“ übernimmt John Pagano, der stimmlich rasend flink zwischen Frankie Valli, Johnny Mathis und Lionel Richie umschalten kann. Es heißt Elvis Costello, der den Song mitschrieb, hätte an diesem Abend als Überraschungsgast im Admiralspalast sein sollen. Als bei ihm dann Krebs diagnostiziert wurde, sei alles abgesagt worden.
Ein Oscar für „Raindrops keep fallin’ on my head“
Bacharach spielt „Raindrops keep fallin’ on my head“, den Oscar-prämierten Song aus dem ebenfalls Oscar-prämierten Soundtrack von „Butch Cassidy and the Sundance Kid“. Es ist einer seiner bekanntesten Songs, der nicht zuletzt deshalb so raffiniert ist, weil der Meisterpianist ihn so unkompliziert schrieb, als sei er mit der Gitarre komponiert.
Natürlich fehlt „What’s new pussycat“ nicht. Eine taumelnde Nummer im bleiernen 3/4-Takt, so durchgeknallt wie das meiste im Film, dessen Titelstück sie ist. Tom Jones dachte, er werde veralbert, als Bacharach ihm das Stück zum ersten Mal vortrug. Am Ende willigte der Tiger ein, die Hommage ans Pussykätzchen aufzunehmen. Sie sollte sein größter Hit werden.
Vor „My little red book“ aus dem selben Film erzählt Bacharach, dies sei sein kommerziell erfolgloser Versuch gewesen, Rock’n’Roll zu schreiben. Live zieht der Song mit dem manisch gehackten Klavierakkorden dennoch.
So wenig Teen-Pop Bacharachs Kompositionen immer waren, so erwachsen sind auch die Texte. Um im „Mad Men“-Bild zu bleiben: Don Draper hätte unterwegs zum nächsten Date im Radio seines 62er Cadillac Coupe de Ville gewiss „Promise her anything“ genossen: „Versprich ihr jeden Quatsch, den sie hören möchte.“ Seine Vorort-Ehefrau Betty indes wäre beim erschütternden „Anyone who had a heart“ dahingeschmolzen.
Texte aus einer anderen Zeit
Manche Inhalte sind heillos veraltet. „Wives and Lovers“, das Bacharach zunächst solo, dann mit schmetterndem Bebop-6/8-Takt-Mittelteil und Vollgas von Saxofonist und Flügelhornist spielt, ist eine Ermahnung an Hausfrauen, sich bittesehr hübsch zu machen, wenn der Gatte abends heimkommt. Er habe im Büro schließlich genug Auswahl an Ersatz-Girls. Texter David war sein Werk später peinlich.
Und „Do you know the way to San José“, eine Nummer über eine Frau, die ihr Städtchen verlassen hat, um in Los Angeles ihr Glück zu finden, nun aber desillusioniert zurückkehrt, funktioniert auch nicht mehr recht. Denn 2018 ist die Stadt Mittelpunkt von Silicon Valley, wo über Nacht aus jungen Menschen Millionäre werden und das weltweit dritthöchste Pro-Kopf-Einkommen gemessen wird.
Wie „Wives...“ singt Bacharach eine Menge Stücke selbst. Das war nie seine Stärke, doch das Publikum honoriert Mut und Leidenschaft des Mannes am Flügel mit neuerlicher Standing Ovation.
Wohl die erste bewusste Begegnung mit Bacharach hatten die meisten im Saal, als sie das Beatles-Debüt-Album „Please please me“ hörten. „Baby it’s you“ sangen John und Paul und machten mit ihrer Live-Aufnahme aus der glatten Nummer ein leicht verstimmtes Stück Beat-Keller-R’n‘B. Live interpretieren es die drei Sänger im Admiralspalast als pfiffige Doo-Wop-Nummer.
Wer dagegen in den 80er-Jahren groß wurde, begegnete Bacharach und David an nicht minder unerwarteter Stelle. Das Bombast-Pop-Album „Welcome to the pleasuredome“ von Frankie goes to Hollywood bot eine erstaunlich zurückgenommene Version von “Do you know the way to San José“. Sänger Holly Johnson umschmeichelte den Song wie ein Matinee-Crooner im englischen Seebad.
Melodien, die mitten ins Herz treffen
Live bleibt Bacharach den Originalaufnahmen treu. Seit seinem Album mit Ronald Isley von 2003 gibt es allerdings eine zusätzliche kleine Klaviermelodie im bald 50 Jahre alten „(They long to be) Close to you“, die auf tückische Weise direkt ins Herz trifft. Bacharach weiß das und hängt gleich noch ein paar Extratakte davon ran.
Nach den vorgesehenen zwei Konzertstunden macht er einfach weiter, wiegt sich auf seinem Klavierhocker, begleitet im Stehen, lehnt sich zurück und spielt wie schon als junger Mann mit ausgestrecken Armen. Bevor er die Bühne verlässt, sagt er noch, die Entscheidung, nach Berlin zu kommen, sei gut gewesen. „Ich bin froh, dass ich das gemacht habe“. Es sei, soweit er sich an 1960 erinnern könne, noch besser gewesen als damals mit Marlene.


