Dirigenten-Serie, Teil 2

Wie Simon Rattle das Orchester-Repertoire erweiterte

Serie zum Abschied von Simon Rattle, Teil 2: Der Dirigent begnügte sich nie mit den immer gleichen Stücken. Rattle war ein Abenteurer.

Verlässt Berlin und die Philharmoniker: Sir Simon Rattle

Verlässt Berlin und die Philharmoniker: Sir Simon Rattle

Foto: dpa Picture-Alliance / Henry Lin / picture alliance / dpa

Berlin. Eine breite Woge der Sympathie schlägt Sir Simon Rattle nach Mahlers Sechster Sinfonie entgegen – nach jener Sinfonie also, die er sich für sein letztes Chefdirigenten-Konzert in der Philharmonie ausgesucht hat. Und das aus gutem Grund. Denn mit Mahlers Sechster Sinfonie hatte Rattle vor etwas mehr als 30 Jahren bei den Philharmonikern debütiert und damals nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Und wenn Rattle nun noch einmal diese Sechste Sinfonie von Mahler auffährt, dann erlebt man ein Werk, das dem scheidenden Chefdirigenten noch immer sehr nahe liegt.

Mahlers Sechste in einer obsessiven Interpretation

Es ist eine obsessive Interpretation des Engländers – kompromisslos vorwärtsdrängend, heftig in den Tempo-Umschwüngen, packend artikuliert. Nur im Andante des zweiten Satzes lässt Rattle ab und zu die Zügel locker. Im spektakulären Finale mit den berüchtigten Holzhammerschlägen gewinnen die Philharmoniker noch einmal an Drive und Dichte. Und schaffen es, dass man ihnen bis zum Ende vollständig gebannt zuhört. Stellt sich nur die Frage: Warum hat Rattle eigentlich nicht viel mehr Mahler in seiner Amtszeit dirigiert? Warum hat er ihn so oft anderen Dirigenten überlassen?

Die Antwort ist einfach – es liegt an Rattles unerschöpflichem Repertoirehunger, seiner Neugier auf Unbekanntes. Denn der 63-Jährige ist kein Dirigent, der alle zwei Jahre wieder die gleichen Stücke machen möchte. Das Abenteuer reizt ihn sehr viel mehr, ebenso das Probieren und Experimentieren. 40 Uraufführungen von insgesamt 31 zeitgenössischen Komponisten in 16 Jahren sprechen da eine deutliche Sprache: Rattle ging es in erster Linie um Vielfalt und Breite. Und das nicht nur im Bereich Neue Musik, sondern auch ganz allgemein im 20. Jahrhundert.

Kaum einen wichtigen Komponisten gab es da, den Rattle nicht aufs Programm gesetzt hat. Unter ihm haben die Philharmoniker sogar zum ersten Mal in ihrer Geschichte Helmut Lachenmann gespielt – jenen unbequemen Alt-Avantgardisten, vor dem das Publikum einst in Scharen aus den Konzertsälen geflohen war. Und siehe da: Genauso wie sich die Philharmoniker an diesen Komponisten gewöhnen konnten, gewöhnte sich auch das Publikum bald daran. Allerdings machte Rattle es den Musikern und Hörern auch zunehmend einfacher mit der Moderne. Indem er nämlich die sogenannte Tapas-Reihe ins Leben rief: kurze zeitgenössische Werke von etwa vier bis acht Minuten Dauer und überschaubarem Schwierigkeitsgrad – sowohl was die technische Ausführung anging als auch die intellektuelle Herausforderung des Publikums.

Rattle bevorzugte dabei Komponisten, die in der Nachfolge von Gustav Mahler stehen. Komponisten wie Thomas Adès und Brett Dean, Unsuk Chin oder auch Jörg Widmann – mehr oder weniger raffinierte Klangzauberer, die aus dem gesamten Reservoir des 20. Jahrhunderts schöpfen. Vor einigen Tagen erst hatte Rattle drei „Tapas“-Uraufführungen hintereinander angesetzt, flankiert von Bernsteins sperrig-spektakulärer Sinfonie Nr. 2 und der klamaukigen Tom-und Jerry-Zeichentrickfilm-Musik von Scott Bradley. Ein weiterer Beweis dafür, was für ein weites Repertoireherz Rattle besitzt, zumal er danach auch noch Korngolds Filmmusik-Suite zu „Robin Hoods Abenteuer“ hinterherschickte.

In die Geschichtsbücher wird Rattle als Modernisierer eingehen

Und natürlich kann man Rattle für eine solche Programmzusammenstellung lieben, für seine Nähe zum Publikum, für den Spaß, den er schon vor seinem letzten Waldbühnenauftritt am kommenden Sonntag in der Philharmonie verbreitet. Man kann sich aber auch fragen, ob seine Vielfalt und Repertoirebreite nicht auch Nachteile hat. Denn innerhalb der vergangenen 16 Jahre schien es kaum einen Komponisten zu geben, den man in besonderem Maße mit Rattle in Verbindung bringen konnte. Kaum eine Sinfonie, die er überzeugender dirigierte als alle anderen. Andererseits wählten die Philharmoniker Rattle damals ja in erster Linie, um den Sprung ins 21. Jahrhundert zu schaffen und im digitalen Zeitalter anzukommen. Sie wählten Rattle, den Allrounder, den Macher.

Und in der Tat: Er wird in die Geschichtsbücher als Modernisierer der Philharmoniker eingehen. Als erfolgreicher Vorantreiber multimedialer Projekte und Education-Programme à la „Rhythm Is It“. Die Philharmoniker haben durch Rattle höheres Ansehen erlangt – in Berlin und in der Welt. Und doch ist den Philharmonikern unter ihm auch etwas verloren gegangen. Zum Beispiel: Brahms und Bruckner, zwei Komponisten, für die Rattles Vorgänger Karajan und Abbado ein besonderes Händchen hatten. Rattles Brahms- und Bruckner-Interpretationen der vergangenen Jahre dagegen klangen häufig nach Werkstatt, wirkten experimentell und vorläufig. Weder organisch noch architektonisch war sein Ansatz bei Bruckner, weder metaphysisch noch energetisch. Es war ein launisch aus dem Moment heraus gestalteter Bruckner, mit hohem Blutdruck und geballter Faust.

Nicht zuletzt deshalb freuen sich die Philharmoniker auf Kirill Petrenko, den Rattle-Nachfolger, von dem sie sich mehr Konzentration und Repertoiretiefe versprechen. Und trotzdem: Rattle war der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt. Von seinen Innovationsschüben werden die Philharmoniker noch viele Jahrzehnte zehren.

Mehr zum Thema:

Bye-bye, Simon Rattle! „Er hat sich seinen Humor bewahrt“

Dirigenten und Intendanten: Gute Abgänge sind schwer

Daniel Barenboim: "Leise Musik ist gut für die Waldbühne"