Berliner Philharmoniker

Bye-bye, Simon Rattle! „Er hat sich seinen Humor bewahrt“

Auftakt unserer Serie zum Abschied von Simon Rattle: Die Hornistin Sarah Willis spricht über 16 Jahre mit dem Chefdirigenten.

Langjährige Freundschaft bei den Berliner Philharmonikern: der britische Chefdirigent Simon Rattle und die Hornistin Sarah Willis

Langjährige Freundschaft bei den Berliner Philharmonikern: der britische Chefdirigent Simon Rattle und die Hornistin Sarah Willis

Foto: Monika Rittershaus

Berlin. „In einer Pause sind Simon und ich einmal über die Potsdamer Straße gelaufen, um bei Starbucks einen Kaffee zu holen“, erzählt Sarah Willis, Hornistin der Berliner Philharmoniker: „Wir standen an der Ampel, vor uns machte ein Taxi eine Vollbremsung und hupte. Wir zuckten zusammen. Dann ging die Scheibe herunter und ein vermutlich türkischer Taxifahrer rief Sir Simon zu: Du bist toll! Dann fuhr er weiter. Daran habe ich gemerkt, was Simon Rattle den Berlinern bedeutet. Er ist der Zugängliche, der Offene.“

Wie in jeder Ehe kennt man Lieblingssprüche auswendig

Wenn Simon Rattle in der Waldbühne am 24. Juni sein allerletztes Konzert als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker leitet, dann blickt er auf eine 16-jährige Amtszeit zurück. Das ist eine sehr lange Zeit – und die Musiker kennen alle Stärken, Schwächen und Marotten ihres Chefs. Es sei wie in jeder Ehe, sagt Sarah Willis, viele Sprüche höre man gern, aber manchmal stöhne man auch darüber. „Wenn er etwas ein bisschen schneller haben möchte, dann sagt er ,einen Espresso mehr bitte‘. Oder er sagt: ,Spielen Sie bitte nicht die Aufnahme, die Sie zu Hause haben, kommen Sie mit mir‘. Es ist die britische Art, bestimmte Dinge nett einzu­packen.“

Offiziell hat Rattle bereits zu Saisonbeginn seine neue Chefposition beim London Symphony Orchestra angetreten, manchmal hilft die Amerikanerin dort aus, wenn Sir Simon dirigiert. In den Proben dort sage sie manchmal voraus, „was er jetzt sagen wird“. Diese Vertrautheit findet sie witzig. Es sei aber auch schön beim Musikmachen. „Man spürt sofort, wenn er etwas anders haben will.“

„Ich war eine der wenigen Frauen“

„Simon kam und hat viele unglaublich abenteuerlustige Programme mitgebracht“, erinnert sich die Hornistin an den Berliner Start 2002. Sie selbst war noch vom Vorgänger Claudio Abbado verpflichtet worden. „Ich finde schon, dass es nach 16 Jahren ein Rattle-Orchester ist. Als ich kam, war es ein Karajan-Abbado-Orchester. Das blieb es in Simons ersten Jahren. Dann fing es an, sich weiter zu verjüngen. Ich war eine der wenigen Frauen, jetzt sind wir 20.“ Die Besetzung ist inzwischen sehr international, 58 Philharmoniker stammen nicht aus Deutschland. „Der Standard ist sehr hoch“, so Sarah Willis: „Das ist Rattle.“

Er habe die Philharmonie und die Philharmoniker weltweit noch stärker profiliert. „Natürlich waren wir vorher schon weltberühmt, aber Simon hat die Türen geöffnet. Er hat es mit seinen Konzerten, auf Reisen, mit der Digital Concert Hall und seinem Education-Programm getan. Er hat allen das Gefühl gegeben, dass wir eine große Family geworden sind.“

Rattle begann selbst als Schlagzeuger

Musikalisch sind sich alle einig, dass er das Repertoire der Philharmoniker bereichert hat. Aber man möchte ihn gar nicht als Spezialist für irgendeinen Komponisten oder Stil festmachen, sagt Sarah Willis, er dirigiere alles – von Rameau bis Thomas Adès. Sie genieße es besonders, wenn er etwas Rhythmisches wie „Sacre du printemps“ dirigiert. „Vielleicht hängt es damit zusammen, dass er selbst als Schlagzeuger begonnen hat. Aber ihm liegt auch die französisch-filigrane Musik. Und ich liebe es auch, wenn er Haydn dirigiert.“

Ihre Antwort auf die Frage, was denn für sie der künstlerische Höhepunkt war, überrascht schon. „Es war eine einfache Erste von Brahms auf Tournee, die jeden Abend besser und besser wurde. Und wir spielen die Sinfonie wirklich oft. Aber in Barcelona hatte ich Tränen in den Augen.“

Auf den Tourneen fand immer ein britischer Abend statt. „Matthew McDonald durfte als Australier dabei sein, gehört doch zum Commonwealth.“ Die lustigen Treffen sollen fortgeführt werden. „Simon geht jetzt, aber er bleibt in Berlin wohnen und wird uns weiter dirigieren.“ Sarah Willis betont, mit Simon befreundet zu sein. Zum Abschied melden sich vor allem die Weggetreuen zu Wort. „Aber natürlich gab es auch Kolleginnen und Kollegen, die etwas Traditionelleres wollten als das, was Simon vorhatte“, sagt sie. „Am Ende sind wir alle Profis und spielen gemeinsam. Orchester und ihre Chefdirigenten sind wie eine Familie. Es gibt Tage, an denen wir uns mögen, an anderen weniger.“

Abschiedsparty nach dem „Late Night“-Konzert

Es habe sich gar nicht wahnsinnig viel an ihm verändert, sagt Sarah Willis. „Seine Haarfarbe vielleicht. Und Simons Deutsch ist besser geworden. Er ist noch genauso frisch und voller neuer Ideen wie zu Beginn. Er hat sich nie aufgegeben, obwohl es für einen Chefdirigenten gar nicht einfach ist, so viele neue Stücke zu einem Orchester zu bringen, das sich als traditionsreich versteht. Er hat sich seinen Humor, seine Liebe und viel Geduld bewahrt.“

Am Ende des heutigen „Late Night“-Konzerts in der Philharmonie wird Rattle „ein sehr persönliches Geschenk überreicht“, sagt Sarah Willis, die Zeremonienmeisterin dieser Abschiedsfeier. „Wir können ihn auch nicht gehen lassen ohne eine Party.“

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