Ausstellung

Berlin Biennale: Weg mit den alten Helden

Die Berlin Biennale feiert ihr 10. Jubiläum. Ein fünfköpfiges Team um die Südafrikanerin Gabi Ngcobo kuratiert sie. Ein Besuch.

Und Prost: Die Performerin Koleka Putuma tritt im Rahmen des Biennale-Eröffnungswochenendes am 10. Juni auf

Und Prost: Die Performerin Koleka Putuma tritt im Rahmen des Biennale-Eröffnungswochenendes am 10. Juni auf

Foto: Mawande Sobethwe

Berlin. Schloss Sanssouci steht jetzt vor der Akademie der Künste (AdK) am Hanseatenweg. Ein wuchtiges, schroffes Teil Architektur. Ziemlich schrabbelig sieht die Fassade aus, die Putti haben die besten Tage hinter sich. Eher ein Geisterschloss. Auf jeden Fall ein Gegensatz zur klaren Architektur der Adk, entworfen von Werner Düttmann. So soll es sein, es geht um das Erzählen von Geschichten, um Verbindungslinien, um Wissen. Ein Ansatz der 10. Berlin Biennale, die nächste Woche, am 9. Juni, eröffnet. Die Akademie ist ein Spielort neben dem „Mutterhaus“, den Kunstwerken in der Auguststraße. Auch der winzige Volksbühnen-Pavillon gehört dazu, neu dabei ist das ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit.

46 Künstler nehmen dieses Jahr teil

Die Künstlerin Firelei Baez hat die Schloss-Kulisse entworfen. Wer weiß schon, dass es auch in Haiti ein Sans-Souci-Palais gibt. Dass sich dieser Bau klar an der Potsdamer Architektur orientierte. Aber weniger als Lustschloss, sondern als repräsentativer Bau. Nach einem Erdbeben blieb er Ruine, heute zählt er zum Unesco-Weltererbe. Und: In Haiti gab es einen Helden der Revolution mit dem Namen Jean-Baptiste Sans-Souci. Als Ex-Sklave führte er 1791 Guerillatruppen in den Kampf gegen die französische Kolonialmacht. „So finden wir Verbindungen der Historien, die von Berlin bis nach Haiti reichen“, erklärt Yvette Mutumba die Idee von Firelei Baez. Die Brisanz: Die altehrwürdige AdK ist exklusiv, sehr lange war sie dem weißen, europäischen Künstler vorbehalten. Vor der Akademie empfängt uns Mutumba, sie gehört zum fünfköpfigen Kuratorenteam um die Südafrikanerin Gabi Ngcobo, die die diesjährige Biennale leitet.

Ngcobo, Jahrgang 1970, gibt gerade drinnen im Café ein englisches Interview. Am Nebentisch sitzen die Kuratoren Nomaduma Rosa Masilela, Serubiri Moses, Thiago de Paula Souza. So kurz vor dem Start des Kunstfestivals sind sie komplett, was nicht immer einfach war im letzten Jahr bei Wohnorten von New York bis Kampala/Uganda. Ngcobo, die aus Johannesburg kommt, wohnt in der Phase der Vorbereitung in Berlin.

Für Yvette Mutumba ist es ohnehin ein Heimspiel, sie hat an der Freien Universität Kunstgeschichte studiert, gibt hier das Kunstmagazin „Contemporary And“ heraus. Für Ngcobo war es klar, dass sie nur im Kollektiv antritt. So, wie sie es eigentlich immer macht, seit sie in Johannesburg die Plattformen NGO („Nothing Gets Organised“) und „Center for Historical Reenactments“ mitbegründete. Die fünf Biennale-Mitglieder sind schwarz, sie verbindet, dass sie irgendwann – in verschiedenen Konstellationen – schon einmal zusammengearbeitet haben. Yvette kuratierte mit Ngcobo die Ausstellung „A Labour of Love“ im Weltkulturen-Museum in Frankfurt am Main.

Es geht um Machtstrukturen und Wissenssysteme

Zum Wesen einer Biennale gehört, dass sie sich kritisch mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen und globalen Fragestellungen auseinandersetzt. Der Titel „We Don’t Need Another Hero“ – nach einem Song von Tina Turner – gibt dieses Jahr die Marschrichtung vor. Weg mit den alten Helden – und neu denken. Die Welt im Kopf einmal umdrehen. Negativ aber möchte Yvette Mutumba das gar nicht deuten.

„Es geht uns nicht darum, einen neuen Kanon oder neue Hierarchien aufzusetzen, sondern darum, frei und subjektiv unsere Ideen vorzustellen.“ Die Themen, um die es sich dreht: Machtstrukturen, Wissenssysteme und verschiedene Historien. „Wir stellen Fragen. Wie geht man etwa mit Machtstrukturen um? Wie bricht man sie auf.“ Nach dem Super-Kunstjahr 2017 mit Documenta, Biennale in Venedig und den Skulpturen-Projekten in Münster haben die fünf entschieden, sich zu fokussieren. 46 Künstler nehmen teil, darunter auch Kollektive wie Las Nietas de Nonó. „Wir wollten keine globale Megaschau“, erzählt Yvette Mutumba.

Dafür aber feiert die Biennale jetzt ihr 10. Jubiläum. 1998 wurde sie in den Kunstwerken in der Auguststraße gegründet, die ersten Direktoren hießen Klaus Biesenbach und Ulrich Obrist. Heute steht die Biennale finanziell gut da, die Bundeskulturstiftung hat sie längst zum „kulturellen Leuchtturm“ befördert, drei Millionen Euro fließen pro Ausgabe. Immer wieder entdeckte die Biennale versteckte Orte und Plätze, Ruinen, die ein sentimentales Berlin-Gefühl konservierten: ein marodes Kaufhaus, einen alten Pferdestall, ein Schiff.

Wir erinnern uns auch gut an den polnischen Ausstellungsmacher Adam Szymczyk, der sich 2008 mit seiner kargen Schau dem Publikum verweigerte. Im letzten Jahr verführte das New Yorker Künstlerkollektiv DIS seine Besucher im vermeintlich schönen Schein der Werbeästhetik. Mal sehen, was uns das Jubiläum bringt.

Berlin Biennale: 9.6.–9.9.2018. Spielorte: Akademie der Künste, Kunstwerke, Volksbühne Pavillon, ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik und Hebbel am Ufer. Öffnungszeiten: Mi.–Mo. 11–19 Uhr, Do. 11–21 Uhr. Informationen: berlinbiennale.de

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