An der Deutschen Oper findet gerade ein Aufmarsch der großen Verdi-Sänger statt. Bei den „Verdi-Tagen 2018“ werden bis zum 27. Mai insgesamt sechs Opern – mit rund 20 gewichtigen Partien – und ein Galakonzert präsentiert. „Wir sind das einzige Opernhaus in Berlin, das ein so großes Repertoire hat und das solche Thementage anbieten kann“, sagt Operndirektor Christoph Seuferle. Insgesamt verfügt die Charlottenburger Oper über 55 Titel. Pro Saison werden davon 36 Opern inklusive der Premieren gezeigt. Seuferle vergleicht das Repertoire mit einem Museumsarchiv, das aus seinem großen Bestand regelmäßig Wechselausstellungen anbieten kann.

Verdi-Opern versprechen auch eine Begegnung mit den Starsängern. Das Konzert mit Angela Gheorghiu und Anja Harteros’ Auftritte in „Don Carlo“ und „Maskenball“ sind für den Operndirektor die Highlights. Angela Gheorghiu sei eine der kapriziösesten Sängerinnen des Business überhaupt. Seuferle ist sich ziemlich sicher, dass sie zum Galakonzert kommt. Anja Harteros stehe „für die perfekte, engelsgleiche, noble Sopranstimme. Auf der Bühne in ,Don Carlo‘ sieht sie aus, wie man sich eine Königin vorstellt.“ Und auch im „Maskenball“ verkörpert sie eine noble Dame.

„Don Carlo“ mit Anja Harteros als Elisabeth von Valois und Etienne Dupuis als Rodrigo
„Don Carlo“ mit Anja Harteros als Elisabeth von Valois und Etienne Dupuis als Rodrigo © ©Bettina Stöß | ©Bettina Stöß

Spitzenstars singen nur rund 40 Vorstellungen pro Jahr

Die Verdi-Tage wurden bereits vor drei Jahren zusammengestellt. Sechs Operninszenierungen innerhalb von vier Wochen ordentlich geprobt auf die Bühne zu bringen, ist eine logistische Herausforderung. Und natürlich müssen die Sänger verpflichtet werden. „Die Terminkalender von einigen Sängern sind sehr voll“, sagt Seuferle. „Wir sind in Konkurrenz zu zehn bis 20 anderen Opernhäusern in der Welt, die alle die Planungssicherheit haben, um frühzeitig ihre Sänger zu buchen.“ Spitzensänger machen nicht mehr als 40 bis 50 Vorstellungen pro Jahr. Und so muss um sie gebuhlt werden.

Arien von Verdi und Mozart seien der schwierigste Gesang überhaupt. „Der Sänger ist vollkommen nackt“, sagt Seuferle. Bei Puccini kann der Sänger, wenn mal etwas danebengeht, theatralisch schluchzen. Das Orchester spielt nicht selten die gleiche Phrase mit. All das schützt den Sänger. „Bei Verdi sind fast alle Arien so angelegt, dass der Sänger alleine ist mit einer diskreten Orchesterbegleitung.“ Hinzu kommt, dass viele Verdi-Hits so populär sind, dass jeder im Publikum bemerkt, wenn etwas schiefgeht. Heutzutage finden sich die Patzer in Internetforen aufgelistet wieder. Es setzt die Sängerelite immer mehr unter Druck. Seuferle meint, er verstehe Anja Harteros, wenn sie lieber eine Vorstellung absagt, als an schwächeren Tagen zu viel zu riskieren.

Der umtriebige Rigoletto: Markus Brück singt die Titelpartie in der Regie von Jan Bosse
Der umtriebige Rigoletto: Markus Brück singt die Titelpartie in der Regie von Jan Bosse © ©Bettina Stöß | ©Bettina Stöß

Bei Verdi gibt es noch eine besondere Hürde. „Viele Verdi-Arien haben am Ende einen langen Ton“, erklärt Seuferle. „Vom Atem her ist das schwierig, den Ton rein zu halten. Oft erlebt man, dass der letzte Ton einen Tick zu tief ist. Aber genau diese letzten drei Sekunden entscheiden über den Erfolg einer Arie beim Publikum.“ Für bestimmte Hauptpartien wie die Amelia oder Leonora gibt es nur drei, vier Sänger, die weltweit als Spitzenbesetzung gelten. Aber genau genommen wird es immer schwieriger zu ermitteln, wer ein Star ist. „Früher gab es noch regelmäßig Operngesamtaufnahmen mit den jeweils besten Sängern der Periode“, erklärt Seuferle. Aber die CD-Produktionen haben keine Relevanz mehr. „Die Sänger haben fast keine Plattform mehr außerhalb der Opernhäuser. Für sie ist es am besten, regelmäßig einmal in New York, an der Scala, in Paris, London, Berlin und München zu touren, damit man in den Opernzentralen weiß, derjenige ist immer noch gut und verfügbar.“

Der Operndirektor sieht in der Entwicklung auch eine Chance, Partien mit guten Sängern zu besetzen, die noch keinen Namen haben. Und damit Aufbauarbeit zu leisten. Seuferle nennt das Bespiel Etienne Depuis, der seit 2011 regelmäßig an der Deutschen Oper singt und sich Hauptpartien erarbeitet. Er ist jetzt in „Don Carlo“ zu erleben. Und Markus Brück, der umtriebige Rigoletto, sei ein echter Lokalstar. „Ich muss ihm schon manchmal sagen: Wir brauchen dich“, sagt Seuferle, damit er weniger in New York macht. „Aber solche Karrieren ehren uns ja.“ Für 2019 plant die Deutsche Oper Wagner-Tage, für 2020 Meyerbeer-Tage.

Verdi-Tage 2018:

Rigoletto 11. und 17. Mai. Herzog: Stephen Costello am 11., Rigoletto: Simon Keenlyside am 11., Markus Brück am 17. Mai, Gilda: Albina Shagimuratova am 11. Mai. Regie: Jan Bosse 2013

Ein Maskenball 13. Mai. König Gustaf III: Dmytro Popov, Graf René Anckarström: Luca Salsi, seine Gattin Amelia: Anja Har­teros. Regie: Götz Friedrich 1993

Der Troubadour 12. Mai (zum letzten Mal). Leonora: Angela Meade, Ferrando: Marko Mimica, Azucena: Anita Rachvelishvili, Manrico: Murat Karahan. Regie: Hans Neuenfels 1996

La Traviata 16. und 19. Mai. Violetta Valéry: Maria Agresta, Alfredo Germont: Attilio Glaser. Regie: Götz Friedrich 1999

Don Carlo 18., 21. und 27. Mai. Elisabeth von Valois: Anja Har­teros, Philipp II.: Ildebrando D’Arcangelo, Don Carlo: Yosep Kang, Rodrigo: Etienne Dupuis. Regie: Marco Arturo Marelli 2011

Nabucco 20. und 24. Mai. Nabucco: Zeljko Lucic, Abigaille: Ekaterina Metlova, Fenena: Judit Kutasi. Regie: Keith Warner 2013

Konzert mit Angela Gheorghiu und Saimir Pirgu am 25. Mai

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel.: 343 843 43