Maria Furtwängler ist vor allem als „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm bekannt geworden. In der Philharmonie wird die Schauspielerin am heutigen Donnerstag in einer ungewohnten Rolle zu erleben sein. In Daniel Barenboims „Festtage“-Konzert mit der Staatskapelle tritt sie als Sprecherin in Claude Debussys „Le Martyre de Saint Sébastien“ auf. Im Interview spricht sie über ihren Vorfahren, den Dirigenten Wilhelm Furtwängler, und das familiäre Verhältnis zu Daniel Barenboim. Und natürlich über ihre Nähe zur Musik.

Eigentlich würde man Sie bei einem Gedenkkonzert zum 100. Todestag von Claude Debussy in der Philharmonie nicht erwarten.

Maria Furtwängler: Wieso nicht? Für mich ist es ein Riesenprivileg, so etwas machen zu dürfen. Als Schauspielerin ist es für mich ein Ausflug in eine ungewohnte Welt. Es gibt wenig Vorbilder für so eine Arbeit. Ich bin in der Philharmonie inmitten des Orchesters und ich spreche die französischen Texte von d’ Annunzio auf die Musik. Das ist ungewohnt für unsere Ohren. Aber es ist sehr reizvoll!

Wie kam es dazu?

Daniel Barenboim hat mich vor etwa zwei Jahren gefragt. Ich sagte ja, was ich immer tue, wenn etwas nach einer Herausforderung klingt. In den letzten Wochen ist mir erst klar geworden, dass das „Martyre“ von Debussy ein ziemlich dickes Brett ist. Normalerweise hätte ich gerade einen „Tatort“ gedreht und wäre erst kurz vorher zur Probe gekommen. Ich muss ja nur ein paar Texte lesen, dachte ich, das kann ja nicht so schwer sein. Das war von größter Naivität.

Sie haben den Dreh abgesagt?

Nein, er wurde zum hundertsten Mal verschoben, und ich kann diesmal nur von Glück sprechen. Diese Texte erfordern eine intensive Auseinandersetzung.

Barenboim ist als Musikchef Wilhelm Furtwänglers Amtsnachfolger an der Staatsoper. Haben Sie mit ihm über das Thema gesprochen?

Es gibt bei Daniel Barenboim eine große Verehrung für Wilhelm Furtwängler. Ich glaube, meine Großmutter war sogar dabei, als Daniel als Knabe Furtwängler auf dem Klavier vorgespielt hat. Ich habe ihn ja nicht mehr gekannt. Meine Großmutter lebte stark in den Erinnerungen an ihren Mann, und Daniel Barenboim war eine dieser wichtigen klingenden Erinnerungen. Es gab also immer eine Nähe. Und ich habe Barenboim einfach vertraut, als er mich fragte und bedauere es nicht.

Sie sind die Großnichte Wilhelm Furtwänglers. Ihre Mutter ist Schauspielerin, Sie sind ursprünglich promovierte Ärztin geworden. Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zur Musik?

Ich habe von Kindheit an ein sehr inniges Verhältnis zur Musik. Mit Musik verbinde ich meine frühesten Erlebnisse von tiefer Ergriffenheit, von der Sehnsucht nach etwas Erhabenen. Daher ist auch die Auseinandersetzung mit dem Werk so spannend. Es zwingt mich, mich mit meinem eigenen Glauben, mit meiner Vorstellung von Göttlichkeit auseinanderzusetzen. Ich komme in der Musik und in der Natur dem Zustand der Ekstase am nächsten. Debussy hat sehr schön formuliert: „Musik beginnt da, wo das Wort unfähig ist auszudrücken.“

Haben Sie selbst eine Musikausbildung?

Es gibt einen großen Schmerz, was das Klavier betrifft. Ich werde irgendwann wieder anfangen. Wenn ich die Zeit finde, wirklich. Darüber hinaus bin ich nachhaltig zornig auf meine Gesangslehrerin. Ich habe eigentlich eine hübsche Stimme, einen Mezzosopran. Aber die Gesangslehrerin, zu der mich meine Mutter damals in München geschickt hat, hat mich in die höchsten Töne gescheucht, ohne mir die richtige Technik beizubringen. Ich habe Angst vor der Höhe bekommen, und die wird man lange nicht los. Demnächst werde ich in einem Fernsehfilm einen Rockstar spielen und dann auch singen, darauf freue ich mich schon.

Das Genialische an Wilhelm Furtwängler war auch, dass er so unstrukturiert dirigiert hat. Es hatte immer etwas Unberechenbares. Gibt es eigentlich ein Furtwängler-Gen?

Das weiß ich nicht. Wenn, dann ginge es vielleicht um eine Offenheit, den Raum zu schaffen, damit sich etwas ereignen kann. Das ist die Herausforderung, das Paradoxon der Arbeit eines Künstlers. Einerseits muss man sehr gut vorbereitet sein, alles über das Werk, die Figur, den Kontext wissen, um dann im entscheidenden Moment völlig loslassen zu können, damit sich etwas ereignen kann. Wilhelm Furtwängler war darin ein großer Meister, sowohl im intellektuellen durchdringen der Werke, als auch im sich ereignen lassen.

Wenn sich die Furtwänglers treffen, wird dann etwas über den Wilhelm erzählt, was wir anderen besser nicht wissen sollen?

Ja, es gibt etwas Süßes, was ich von meiner Großmutter gehört habe. Ihr erster Mann war ja im Krieg gefallen, und Wilhelm Furtwängler hat in der damaligen Zeit sie, eine Witwe mit vier Kindern, geheiratet. Aber er hat es sich genau überlegt. Einmal ist er spazieren gegangen und hat sich die im Garten spielenden Kinder angeschaut. Er wurde dann von den Kindern Vati genannt. Wenn es ein Furtwängler-Gen gibt, dann ist es der sportliche Ehrgeiz, das Gewinnenwollen. Das zieht sich tatsächlich durch die Generationen. Meine Mutter erzählte, dass er mal beim Ping Pong spielen gegen sie verloren hat und sich darüber so aufgeregt hat, dass er den Schläger hingeschmissen hat und weggelaufen ist. Darüber hinaus war er sehr großzügig und liebevoll zu den Kindern.

Berlin spielt in Ihrer Familie eine große Rolle. Ihre Urgroßmutter Katharina von Kardorff-Oheimb hatte in ihrem Haus am Kurfürstendamm 181 einen politischen Salon eröffnet.

In der „Weltbühne“ war ein Gedicht von Kurt Tucholsky erschienen mit einer kleinen Überheblichkeit „Kathinka, gutes Kind!“ Er machte sich ein bisschen über ihre intellektuellen Ambitionen lustig. Dabei war sie eine tolle Frau. Sie soll so streng und unberechenbar gewesen sein. Sie war extrem modern, sie hat früh einen Automobilclub für Frauen gegründet und eben den Salon, damit Frauen politisch geschult werden, nachdem sie in Deutschland das Wahlrecht bekommen hatten. Sie hat viel getan, um Frauen voranzubringen im Kampf um Gleichberechtigung. Meine Tochter und ich fühlen uns da in einer echten Familientradition.