Joaquin Phoenix war in der Stadt und Helen Mirren, Wes Anderson und Tilda Swinton auch. Alle haben ihre Filme bei den Filmfestspielen vorgestellt. Ganz nett, sagen meine Freundinnen und zucken mit den Schultern. Ganz nett? Ja, wüsste ich denn nicht, dass noch jemand anders erwartet wird?
Einer, der den Hollywoodstars am roten Teppich den Rang abläuft. Der nicht bloß von Filmliebhabern angehimmelt wird, sondern von so ziemlich jedem, der in den vergangenen drei Jahren mal sein Radio eingeschaltet hat. Und im Sommer das Olympiastadion füllen wird.
Klar, die Rede ist von Ed Sheeran. Dem britischen Popstar, der so gar nicht nach Popstar aussieht und vielleicht deswegen einer ist. Am heutigen Freitagabend wird eine Dokumentation über ihn auf der Berlinale Premiere feiern. Und man hofft – auch meine Freundinnen –, dass Sheeran kommt. Aber warum eigentlich? Eine Annäherung an das Phänomen in Fakten:
Gebrochene Herzen und erste Lieben
Dass es seine drei Alben so weit nach vorn in die Charts katapultiert hat – in Großbritannien sind alle auf Platz eins gelandet –, das liegt nicht bloß an seiner wandelbaren Stimme. Das liegt auch an den zuckerwattesüßen Zeilen voll Sehnsucht, Liebe und Tränen. Sheeran singt von Dingen, die jeder kennt. Oder die man sich, zumindest heimlich, auch im eigenen Leben wünscht: ewige Liebe („Thinking Out Loud“) und den einen, perfekten Partner („Perfect“). Er singt von Nostalgie („Castle on the Hill“) und von Kneipenlieben („Galway Girl“). Und manchmal auch, dass es ihm beschissen geht („I’m a mess“). Fakt ist: Auch wer kein Sheeran-Fan ist, singt doch die Songs im Radio mit.
60 Tattoos gegen das brave Image
Dass alle „Teddy“ so mögen, das liegt sicher auch an seinem Look, der Mischung aus Underdog und Lausbube. Rote Haare, blasse Haut, schmächtige Statur, das wirkt wenig popstarhaft. Vielleicht lässt er sich daher am ganzen Körper tätowieren, seinen Familienstammbaum zum Beispiel, einen Löwen, einen Teddy und 57 weitere: Weil er das Image mit Tinte ausmerzen will.
Der Sound entsteht auf der Bühne
Wer ihn schon mal auf der Bühne erlebt hat, in der Mercedes-Benz Arena vor einem Jahr oder in der Max-Schmeling-Halle, der weiß: Der Schein trügt. Ron Weasley verwandelt sich auf der Bühne in Robbie Williams. Da braucht Sheeran nicht viel. Keine Band, keine Background-Sänger. Bloß die Gitarre um den Hals und die Loop-Station auf dem Bühnenboden. Auf der spielt er jeden Song live ein, man kann dem Sheeran-Sound also beim Entstehen zugucken.
Er bricht alle Rekorde
2017 war sein Jahr: Sein drittes Album „÷“ verkauft sich in der ersten Woche so gut wie noch keines eines anderen Solokünstlers zuvor. Rekord. Den bricht er gleich noch mal. Denn alle 16 Stücke steigen in die Top 20 der britischen Charts ein. Auch in den deutschen landen auf Anhieb alle Titel, sechs davon sogar in den Top 20. Vier Mal hat er bisher das Wembley-Stadion ausgefüllt. Und auch sein Konzert im Olympiastation im kommenden Juli ist restlos ausverkauft.
Eine Gefahr mit dem Golfschläger
So lieb, wie er aussieht, ist er wohl nicht immer: Er hat Teeniestar Justin Bieber mal mit dem Golfschläger traktiert. Alles nur Spaß, wie der 27-Jährige später verriet. Sein Kumpel Bieber habe sich einen Golfball in den Mund gesteckt, den sollte Sheeran treffen. Nach einigen Bieren ging das aber wohl nicht mehr so gut. Zu seinen Freunden zählt auch Sängerin Taylor Swift, die ihn vor sechs Jahren als Vorband verpflichtet hat, sein Nachbar in London ist Ex-Profifußballer David Beckham.
Glück mit der Jugendliebe
Abseits der Bühne, auch das scheint ein Grund seines Erfolges, gibt er sich bodenständig. „Ich glaube, ich mache niemandem Angst. Ich bin ein echt netter Kerl“, beschreibt er sich selbst. Sheeran liebt Schnitzel, Katzen – und Bier. Vielleicht macht er deswegen in seinem Heimatort gerade einen Pub auf. Nun gab er die Verlobung mit seiner Freundin Cherry bekannt, die er seit Kindertagen kennt. Und, nun müssen die Fans stark sein, dass er sich aus dem Showgeschäft zurückziehen will, sobald er Vater wird.
Der Junge von nebenan
Das mit der Musik, das begann irgendwie mit seinem Markenzeichen, den roten Haaren. Weil er wegen denen in der Schule gehänselt wird, greift Ed oder wie Mama und Freunde ihn nennen, „Teddy“, zur Gitarre. Die Musik wird ein Rückzugsort für ihn, wenn es ihm nicht gut geht – daheim in Suffolk im Südosten Großbritanniens. In der Schule hält er es dann aber ohnehin nicht lange aus. Mit 16 Jahren bricht er sie ab, um in London zu singen, erst auf der Straße und in kleinen Clubs – eine Zeit voll Couchsurfing und wenig Geld und einigen Nächten in der U-Bahn –, bis Edward Christopher „Ed“ Sheeran 2011 der Durchbruch mit der Gitarrenballade „The A Team“ gelingt. Also dem Song, den er nach dem Besuch eines Obdachlosenheims geschrieben hat.
Jetzt auch im Kino
Mit „Songwriter“ feiert nun die erste Doku über den Sänger Premiere. Der Regisseur, sein Cousin Murray Cummings, hat ihn mit der Kamera überall hin begleitet und zeigt, wie er aus dem Nichts ein Lied entstehen lässt. Ob Sheeran zur Premiere kommt, weiß man nicht, ein Hotelzimmer ist zur Sicherheit gebucht. Aber man hofft.

