Neuer Kinofilm

"Die Verlegerin": "Ohne Pressefreiheit ist alles nichts"

Steven Spielbergs neuen Film „Die Verlegerin“ konnten Morgenpost-Leser bereits vorab sehen. Davor wurde über Pressefreiheit diskutiert.

Christine Richter (l.) mit Julia Becker (M.) und Katarzyna Mol-Wolf

Christine Richter (l.) mit Julia Becker (M.) und Katarzyna Mol-Wolf

Foto: Joerg Krauthoefer

Berlin. Regisseur Steven Spielberg hat sich für seinen neuesten Film "Die Verlegerin" ein historisches Thema ausgesucht, das überraschend gut in die heutige Zeit passt. Der Film erzählt von der inzwischen 46 Jahre zurückliegenden Veröffentlichung der "Pentagon Papers" durch die "New York Times" und die "Washington Post". Die geheimen Dokumente, eine Studie des US-Verteidigungsministeriums, machten 1971 klar, dass die Öffentlichkeit von ihrer Regierung systematisch und für den Zeitraum mehrerer Präsidentschaften über die Vorgeschichte des Krieges in Vietnam getäuscht worden war. "Nicht wider Willen und schicksalhaft, sondern zielstrebig und provokativ, von Kommunismus-Angst besessen, haben drei Präsidenten der USA ihr Land in den Vietnamkrieg geführt", schrieb damals der "Spiegel" über die Veröffentlichung. Historiker zählen sie heute zu den Gründen, die schließlich zur Beendigung des Krieges in Vietnam führten.

Steven Spielbergs "Die Verlegerin" im Trailer

Kay Graham (Meryl Streep), Verlegerin der "Washington Post", sieht sich in dem Film vor die Entscheidung gestellt, entweder dem politischen Druck nachzugeben und die Publikation zu verhindern oder sie zuzulassen und damit die wirtschaftliche Zukunft ihres Unternehmens zu gefährden (ausführliche Filmkritik siehe unten). Der Film, der in der kommenden Woche in den deutschen Kinos anläuft, wurde in einer Sondervorführung am Montag im Charlottenburger Cinema Paris bereits Lesern der Berliner Morgenpost gezeigt. Und es passte gut zu seinem Thema, dass zuvor auf der Bühne drei Frauen ins Gespräch kamen, die ihrerseits in journalistisch-verlegerischen Führungspositionen tätig sind. Christine Richter, stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Morgenpost, befragte als Moderatorin Julia Becker und Katarzyna Mol-Wolf. Julia Becker ist seit 1. Januar dieses Jahres als Nachfolgerin ihrer Mutter Petra Grotkamp Aufsichtsratsvorsitzende und damit Verlegerin der Funke Mediengruppe, in der auch die Berliner Morgenpost erscheint. Katarzyna Mol-Wolf ist Geschäftsführerin des Emotion Verlags, in dem sie auch als Chefredakteurin des Frauenmagazins "emotion" tätig ist.

In dem Gespräch wurde gleich klar, wie aktuell das Thema des Films gegenwärtig ist. Die Pressefreiheit sieht sich derzeit überall auf dem Globus massiven Anfeindungen ausgesetzt: Julia Becker erinnerte an Deniz Yücel, den seit einem Jahr ohne Anklageschrift in der Türkei inhaftierten "Welt"-Journalisten. Und sie erwähnte die Querschüsse des unablässig twitternden US-Präsidenten Donald Trump, "der nicht müde wird, die Kritik an seiner Regierungsarbeit als Lüge abzutun".

Für die Drangsalierung und Denunziation journalistischer Arbeit sollte der Film später noch viele Beispiele zeigen. Julia Becker beschrieb die Pressefreiheit denn auch als "das zentrale Thema bei den Werten und Zielvorstellungen" ihrer verlegerischen Arbeit und verwies auf deren gesellschaftspolitische Verantwortung: "Ohne Pressefreiheit ist alles nichts." Ein Verlag müsse die Rahmenbedingungen schaffen, damit Journalisten frei von Repressionen ihrer Arbeit nachgehen können – und das auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen.

Katarzyna Mol-Wolf wies auf die Tugenden des Qualitätsjournalismus hin, die sich in der heutigen Zeit als besonders wichtig erweisen: auf gute Recherche und die Fähigkeit, die eigene Intuition zu trainieren. Dies gelte auch im journalistischen Umgang mit Whistleblowern, wie ihn der Film thematisiert, wie er aber auch in jüngster Zeit – etwa bei den viel zitierten "Panama Papers" – zum Thema wurde. Die sensible Prüfung der Quellen bezeichnete Julia Becker als ebenso zentral wie die Fähigkeit, auch bei für Regierungskreise unangenehmen Themen sehr genau hinzusehen und zu berichten.

Werben für mehr Kooperation in der Medienwelt

Dem nicht nur von Donald Trump, sondern auch hierzulande von rechtspopulistischen Kreisen gern erhobenen Vorwurf der Produktion von "Fake News" durch die sogenannten Mainstream-Medien ist so ganz sicher am besten zu begegnen – wie auch durch die Redlichkeit im Umgang mit eigenen Fehlern. Sowohl Katarzyna Mol-Wolf als auch Julia Becker warben für Offenheit im Umgang mit journalistischen Fehlern, die sich leider nicht immer vermeiden, aber immerhin transparent korrigieren lassen. Das Vertrauensverhältnis des Lesers zum Autor, die Geschäftsgrundlage, dürfe durch stillschweigendes Aussitzen solcher Fehler nicht unnötig belastet werden. Angesichts massiver Veränderungen in der Branche warb Julia Becker auch für mehr Kooperation in der Medienwelt. Die Umwälzungen erforderten neue Allianzen und weniger Scheu davor. Den Netzgiganten Google und Facebook dürfe nicht kampflos das Feld überlassen werden.

Veränderungen stehen allerdings auch auf anderem Feld bevor. Spielbergs Film zeigt, wie männerdominiert das Zeitungsgeschäft in den 70er-Jahren war. Auch heute noch ist die Branche, betrachtet man etwa die Besetzung der Spitzenpositionen, von Geschlechtergerechtigkeit weit entfernt. Katarzyna Mol-Wolf bildet hier eine Ausnahme, denn in ihrem Hamburger Verlag sind, wie sie zur Freude des Publikums berichtete, von 46 Mitarbeitern nur drei männlich. Auch Julia Becker hat sich in Sachen Gleichberechtigung für ihre Arbeit einiges vorgenommen: "Es gibt bei keiner der zwölf Tageszeitungen von Funke eine Chefredakteurin. Das will ich dringend ändern." Mitarbeiter und Beobachter der Zeitungsbranche dürfen sich also auf eine spannende Zukunft freuen.

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