Film

Johanna Wokalek: Die Kunst, frei zu sein

Schauspielerin Johanna Wokalek über ihre fünfjährige Auszeit, ihr Comeback mit einem neuen Film und den Mut, neue Wege zu beschreiten.

Foto: Stefanie Füssenich

Fünf Jahre lang, seit „Anleitung zum Unglücklichsein“, war Johanna Wokalek nicht mehr auf der großen Leinwand zu sehen. Weil sie mit Thomas Hengelbrock, dem Chefdirigenten des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters, eine Familie gegründet und ein Kind bekommen hat. Jetzt meldet sich die Schauspielerin mit dem Film „Freiheit“ zurück – in dem sie, ausgerechnet, eine Mutter spielt, die ihren Mann und ihre Kinder verlässt, um ganz frei zu sein. Soll uns das etwas sagen? Und wie definiert die 42-Jährige Freiheit eigentlich für sich? Wir haben sie getroffen.

Frau Wokalek, wie schön, Sie wieder im Kino zu erleben. Ist das jetzt eine Art Comeback?

Johanna Wokalek: Das sagen ganz viele zur Zeit. Ich habe halt eine Pause gemacht. Ich habe weiter Theater gespielt. Aber es stimmt schon, ich habe viel weniger gearbeitet, seit unser Sohn auf die Welt gekommen ist. Das habe ich auch ganz bewusst getan, weil ich für ihn da sein wollte. So genau habe ich das nicht überprüft, aber Sie haben schon recht, das war eine lange Pause.

„Freiheit“ ist ein sehr verstörender Film über eine Frau, die ihre Familie verlässt. Wie nähert man sich so einer Figur? Muss man trotzdem Sympathien zu ihr finden?

Ich muss eine Figur, die ich spiele, nicht sympathisch finden. Aber ich muss verstehen, was sie antreibt. Und verstehen kann ich’s. Das Gefühl, ich muss hier weg, kennt doch jeder. Nur ziehen wir gewöhnlich nicht die Konsequenz. Diese Nora tut es eben. Und der Film zeigt, was das für Folgen hat.

Sie haben gerade eine Familie bekommen, sind Mutter geworden. Ist eine Figur, die ihre Familie aufgibt, in der Situation nicht eigentlich eine Monsterrolle?

Nein. Familie zu haben, ist eine Riesenveränderung im Leben. Und je später man eine gründet, desto stärker empfindet man das wohl. Aber natürlich fängt man in dem Moment wieder anders an, seinen Freiheitsbegriff zu hinterfragen. Ich habe für andere Verantwortung zu tragen – und Gefühle, die ich so nicht kannte. Aber ich frage mich manchmal schon, wo ist denn jetzt die Freiheit, die ich 37 Jahre lang hatte?

Und was ist Freiheit für Sie?

Freiheit ist ein großer Begriff, der sich auch immer darauf bezieht, von was man frei sein will. Darüber könnte man endlos philosophieren. Ich komme immer mehr dahinter, dass Freiheit auf eine gewisse Art immer ein Kompromiss ist. Dass Freiheit in der Absolutheit, wie Nora sie im Film sucht, nicht lebbar ist. Ich fühle mich frei, wenn ich mich künstlerisch ausdrücken kann, wenn ich spiele. Auch diese Freiheit ist natürlich begrenzt. Es ist wie bei einem Bild, es gibt einen abgesteckten Rahmen, aber ich kann das Bild gestalten, kann die Farben bestimmen.

Die Nora im Film setzt einen klaren Schlussstrich. Sie haben das auch getan. Sie haben dem Burgtheater Ade gesagt.

Und ich war 15 Jahre im Ensemble. Aber ich habe gemerkt, ich brauche eine Veränderung als Schauspielerin. Um mich wieder neu erfinden zu können. Das war ein großer, sehr emotionaler Schritt. Aber ich habe noch andere Betätigungsfelder, in denen ich Projekte anschiebe, die ich mit anderen Künstlern entwickle. Die verlangen zwar viel mehr Eigeninitiative. Aber es ist auch eine große Bereicherung. Ich finde nichts langweiliger, als immer nur unter sich zu sein. Das ist auch nicht meine Vorstellung von einem künstlerischen Dasein. Dinge zu beenden, ohne zu wissen, was danach kommt, auch das ist eine große Freiheit. Man lässt ja nicht, wie die Nora im Film hofft, sein Leben zurück. Ich nehme mich ja mit, ich weiß manchmal noch nicht genau, wohin. Aber darauf kann ich trotzdem vertrauen.

Ist das auch der Grund, dass Sie sich in jüngster Zeit der Oper angenähert haben?

Die eine Produktion, „Dido und Aeneas“, habe ich zusammen mit meinem Mann entwickelt. Die andere war eine Uraufführung bei den Salzburger Festspielen. Ich liebe Musik. Musiker sind ganz anders als Schauspieler. Schauspieler sind eher lauter, die müssen sich auch mehr darstellen. Aber durch die Begegnung mit Musikern beginnt man noch mal anders aufeinander zu hören und sich wahrzunehmen.

Ihr Mann beendet seinen Posten auch vorzeitig im kommenden Sommer. Ist das ein ähnlicher Freiheitsdrang wie Ihr Abschied vom Burgtheater? Weg von der Sicherheit?

Das müsste jetzt mein Mann beantworten. Er verwaltet sein Metier, ich meins.

Aber bestärkt man sich nicht bei solch großen Entscheidungen? Ihr Mann sagt ja, Sie seien nicht nur seine Frau, sondern auch seine enge künstlerische Vertraute.

Klar spricht man darüber. Wir sprechen auch viel über seine Arbeit. Das ist sehr spannend, weil er von der Musik kommt und ich von der Sprache komme. Und wir Dinge daher mit ganz unterschiedlichen Worten beschreiben. Vor allem merke ich, dass alle Theaterstücke, alles was von der Sprache kommt, viel mit Rhythmus zu tun hat. Auch mit Melodie. Das ist auch im Film so: Wenn etwas nicht gut komponiert ist, wird es schwierig. So weit ist das alles nicht voneinander entfernt.

Werden Sie künftig noch mehr zusammen arbeiten? Oder sollte man Privates und Berufliches nicht zu oft mischen?

Wir können gut miteinander arbeiten. Zum Glück. Weil wir viele Dinge ähnlich empfinden, was ein großer Vorteil ist, aber auch zwei sehr starke Persönlichkeiten sind und auch keine Scheu haben, anderer Meinung zu sein.

Film gilt als ein sehr oberflächliches Gewerbe. Wenn man so lange weg war, muss man sich erst wieder ins Gedächtnis rufen? Ist man dann „raus“?

Es kamen schon immer Angebote. Nur habe ich in der Zeit viel abgesagt. Aber ich weiß nicht, wie lange man das so machen könnte. Ich habe schon auch Verwunderung erlebt – weil man das gewöhnlich nicht macht. Aber ich kann nur da sein, in dem, was ich tue, wenn ich damit völlig kongruent bin. Und das wäre ich zu der Zeit nicht gewesen.

Werden Sie jetzt wieder so präsent sein wie früher? Oder nehmen Sie sich die Freiheit, nur hier und da wieder zu arbeiten?

Ich habe Lust, wieder zu drehen und Theater zu spielen. Das findet sich gerade alles wieder. Aber bei „wie früher“ zucke ich schon zusammen. Für mich ist immer jetzt.

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