Film

Action auf engstem Raum: "The Commuter" mit Liam Neeson

Das Erfolgsduo Jaume Collet-Serra und Liam Neeson lässt es wieder krachen. Diesmal im Zug. Über Logik darf man dabei nicht nachdneken.

Die tägliche Heimfahrt vom Büro wird zur Höllentour: Michael MacCauley (Liam Neeson) im Zug

Die tägliche Heimfahrt vom Büro wird zur Höllentour: Michael MacCauley (Liam Neeson) im Zug

Foto: studiocanal

Der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra ist ein hemmungsloser Verfechter des US-Genrekinos. Er verbindet die Tugenden der 70er-Jahre-Thriller mit den technischen Möglichkeiten von heute und macht aus seiner Verehrung von Alfred Hitchcock keinen Hehl. Nie wurde das deutlicher als in "The Commuter", in dem er einmal mehr einen Durchschnittstypen in ein mörderisches Verschwörungsszenario verstrickt.

Bereits zum vierten Mal hat sich Collet-Serra nach dem Berlin-Thriller "Unknown Identity" (2011), dem Flugzeug-Kracher "Non-Stop" (2014) und dem Mafiakrimi "Run All Night" (2015) den im Alter erfolgreich vom Charaktermimen zum Actionstar mutierten Liam Neeson vor die Kamera geholt. Und erneut erweisen sich die beiden als unschlagbares Team für temporeiches Spannungskino, das sich anstelle von allzu viel Tiefgang auf trickreiche Wendungen, rasante Kamerafahrten und robuste Prügeleien verlässt.

Die Fremde im Zug, frei nach Hitchock

Neeson ist diesmal der Versicherungsvertreter Michael MacCauley, der sich seit zehn Jahren Tag für Tag von Frau (Elizabeth McGovern) und Sohn verabschiedet und mit dem Pendlerzug von einem tristen Vorort nach New York fährt. Die Monotonie des Alltags wird noch im Vorspann imponierend deutlich. Im Zeitraffer fliegen die Jahre vorbei. Bahnhof Tarrytown, Zugfahrt mit der Metro North Hudson Valley Line, Ankunft in der Grand Central Station von Manhattan, Büro, Grand Central, Zugfahrt, Bahnhof, zuhaus. Wieder und wieder.

Als dem finanziell klammen Familienvater eines Tages überraschend gekündigt wird, gerät seine heile Welt aus den Fugen. Kredite wollen getilgt sein. Der Sohn will aufs College. MacCauley ertränkt seinen Frust in einer Bar, bevor sich der Pendler (was "The Commuter" auf Deutsch heißt) auf die Heimfahrt macht. Doch sein Schicksalstag hat mit der Kündigung erst begonnen. Denn im Zug trifft er auf Joanna (Vera Farmiga), die ihm ein Angebot macht, das er nicht ablehnen kann - obwohl er das nur zu gern würde.

"Was wäre, wenn ich Sie darum bitte, eine kleine Sache zu erledigen?" fragt sie ihn. Als Belohnung bietet sie ihm 100.000 Dollar an. Die könnte er gut gebrauchen. Michael, der die meisten Passagiere des Pendlerzugs kennt, soll noch vor Erreichen des Bahnhofs Cold Springs eine Person ausfindig machen, die sonst nie mit diesem Zug fährt. Und einen Peilsender in ihrer Tasche platzieren. Die Sache ist, wie sich bald herausstellt, nicht verhandelbar. Die Warnung ist unmissverständlich: "Zwingen sie mich nicht, jemandem weh zu tun, den sie lieben!"

Dass man ausgerechnet ihn ausgewählt hat, ist kein Zufall. Früher war MacCauley nämlich bei der New Yorker Polizei. So ermittelt er sich quer durch die Waggons, versucht dennoch, seine einstigen Polizeikollegen Murphy (Patrick Wilson) und Hawthorne (Sam Neill) zu erreichen. Grober Fehler, denn er wird von den mysteriösen Auftraggebern ständig überwacht. Das Ganze hat wohl mit einem Zeugenschutzprogramm zu tun.

Die Situation spitzt sich zu. Immer wieder wird MacCauley in Prügeleien verstrickt, bei denen er jede Menge einstecken muss. Letztlich drohen die feisten Unbekannten, den ganzen Zug in die Luft zu jagen. Dabei weiß MacCauley immer genau so viel wie der Zuschauer, was den Film hochgradig spannend macht – auch wenn man die Sache mit der Logik hie und da einfach mal vergessen sollte.

Liam Neeson ist hier einmal mehr der moralisch integre Familienmensch, der sich in einer Extremsituation behaupten muss. Wie Kameramann Paul Cameron die Enge eines Zuges für ausgebuffte Einstellungen nutzt, ist bewundernswert. So mancher Computereffekt des Finales riecht allerdings doch etwas nach Low-Budget. Egal. "The Commuter" ist solides Action-Kino, das in nahezu Echtzeit seinem explosiven Finale entgegenrast.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.