Ein Regiekollege hatte Heiner Carow noch geraten, zur Premiere ein Parteiabzeichen anzustecken. Der fand das Ansinnen absurd. Aber dann behängten er und sein Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf sich doch mit Orden und Parteiabzeichen. Um Linientreue zu signalisieren. Als am 29. März 1973 der Defa-Film „Die Legende von Paul und Paula“ im Kino Kosmos in der Karl-Marx-Allee Premiere hat, reagierte erst mal den ganzen Film über keiner.

Am Ende brandete Applaus auf, aber nur auf den hinteren Plätzen. Die geladenen Gäste vorn, die aus der Partei, rührten keine Hand. Als das Team danach im Künstlerklub „Die Möwe“ saß, war allen klar: Der Film wird verboten. Carows Frau brachte es auf den Punkt: „Morgen ist der Film weg.“

Aber dann geschah das Unglaubliche. Auch wenn sich die Partei-Oberen tatsächlich für ein Verbot einsetzten, entschied der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker: „Der läuft“. Also lief „Paul und Paula“. Und wurde zum größten Film-Hit der DDR. Obwohl oder gerade weil er so viel sagte über die Verhältnisse im damaligen Ost-Berlin. Längst ist der Film wirklich Legende.

Lasst Blumen sprechen: die berühmte Flower-Power-Liebesszene
Lasst Blumen sprechen: die berühmte Flower-Power-Liebesszene © picture alliance / United Archiv | dpa Picture-Alliance / United Archives/IFTN

Es gibt Theater- und Opernversionen. Es gibt zahllose Kinder, die Paul und Paula getauft wurden. Sogar ein Filmpreis heißt nach der Paula. Und das Straßenschild „Paul und Paula Ufer“ in der Rummelsburger Bucht, wo eine Schlüsselszene des Films gedreht wurde, ist eins der meist geklauten der Hauptstadt. „Paul und Paula“ ist Kult. Am Dienstag wird er nun noch einmal in der „Hauptrolle Berlin“ gezeigt, die Filmreihe, in der der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt.

Was machte den mitreißenden, teils urkomischen Film, der scheinbar der Zeit entrückt und doch ganz in ihr verhaftet ist, so außergewöhnlich? Es war natürlich die neue erotische Freizügigkeit jener Jahre. Es war die Titelheldin, eine autarke, alleinerziehende Frau, die ein neues Frauen-Ideal vorlebte. Es waren die Hauptdarsteller, Angelica Domröse, die schon ein Star war, und Winfried Glatzeder, der zum „Belmondo des Ostens“ wurde. Und es waren die Songs der Puhdys, eine junge, frische Band, die für den Film entdeckt wurde und ihm einen eigenen Sound verlieh. Das alles traf den Nerv der Zeit.

Angelica Domröse musste um ihre Rolle kämpfen

Aber es war auch die ungewohnte Ehrlichkeit, mit der hier in einem Defa-Film die DDR-Gesellschaft dargestellt wurde. „Da gab es dieses berühmte Loch in der Kulturpolitik, als keiner so richtig wusste, was kommt denn, nachdem Ulbricht weg ist und Honecker noch nicht so richtig da war“, erinnerte sich Plenzdorf. Da hätten sie einfach die Stunde genutzt für diese Story, die sonst nicht möglich gewesen wäre.

Denn Paul und Paula, das ist ein Treibhauspaar, und das im Jahr 12 der Mauer! Paul ist ein angepasster, etwas steifer DDR-Genosse, der es zu was bringen will und sich planmäßig verhält. Paula aber ist eine unkonventionelle, autarke, alleinerziehende Frau, die ihren unbedingten Glücksanspruch lebt. Sie wohnen direkt gegenüber, laufen sich öfter über den Weg, gehen aber ganz verschiedene Wege. Beide verlieben sich auf dem Rummelplatz – aber nicht ineinander, sondern in Schaubudensteller.

Eine autarke, selbstbewusste, alleinerziehende Mutter, das gab es vorher nicht im Defa-Film
Eine autarke, selbstbewusste, alleinerziehende Mutter, das gab es vorher nicht im Defa-Film © picture alliance / United Archiv | dpa Picture-Alliance /

Paula wirft ihren Lover bald wieder raus, als der sie betrügt. Paul dagegen lässt sich verheiraten, auch wenn seine Frau ebenfalls nicht treu ist. Aber dann, nach einem guten Drittel des Films, prallen die zwei doch aufeinander. Entbrennt die große Liebe. Und der so stramme Vertreter der neuen Gesellschaft, er lässt sich plötzlich gehen. Man bringt ihn zur Räson. Für kurze Zeit. Als er sich dann doch für seine große Liebe entscheidet, muss er sie erst noch einmal erobern.

Eine unangepasste Frau wie diese Paula, das gab es zuvor nicht in einem Defa-Film. Deshalb wollte, deshalb musste die Domröse sie unbedingt spielen, auch wenn sie mit 34 Jahren für die Rolle der Anfang 20-Jährigen eigentlich zu alt war und buchstäblich darum kämpfen musste: „Ich bin die Paula.“ Auch Winfried Glatzeder wollte das unbedingt spielen: „Endlich hatte eine Geschichte mit dem wirklichen Leben zu tun.“ Für beide sollten „Baul und Baula“, wie das auf Sächsisch klang, die Rolle ihres Lebens werden. Und Heerscharen von Zuschauern identifizierten sich mit ihnen.

Vom Verlust der Tradition und dem Ungehagen darüber

Was den Film auch heute noch so faszinierend macht – neben den herrlichen Dialogen, dem Puhdys-Sound und dem 70er-Jahre-Flower-Power – , das ist vor allem die Art, wie diese Liebesgeschichte auch über die Stadt erzählt wird. Denn es geht ja um zwei Lebenseinstellungen. Die Paula steht für das alte, ursprüngliche Berlin, die Domröse hat sie auch gehörig mit Berliner Schnauze versehen, ergo muss Paula in einem Altbau leben und wird noch mit Hinterhof-Attributen wie Kittel und Kohleneimer ausgestattet.

Paul dagegen wird Repräsentant der neuen Gesellschaft. Sein Altbau wird schon bald gesprengt, an die Stelle tritt ein moderner Plattenbau. Überhaupt zeigt der Film recht drastisch und häufig, wie überall in der DDR-Hauptstadt Häuser abgerissen werden. Der Film wurde überwiegend in der Friedrichshainer Singerstraße gedreht, wo seinerzeit tatsächlich eine Seite noch aus klassischen Berliner „Mietskasernen“ bestand und auf der anderen Seite schon aus den modernistischen Zeilenhochhäusern.

So erzählt die so romantische „Legende“ doch auch ganz präzise von dem Unbehagen über die enormen städtebaulichen Umwälzungen jener Jahre – und den damit einhergehenden Verlust von Tradition und Geschichte. Auch in diesem Sinne ist der Film ein absolutes Zeitdokument. Dessen Ende damit auch vorgegeben ist. Wenn Paula eine Vertreterin dieses alten, untergehenden Berlins ist, ist ihr Tod ebenso unausweichlich wie das Verschwinden ganzer Stadtviertel.

Zoo Palast, 5. Dezember, 20 Uhr, in Anwesenheit des Schauspielers Winfried Glatzeder.