Theater

Sandra Hüller mit großer Solo-Nummer in Berlin

Sie hat lange in Berlin gelebt, hat aber nie hier Theater gespielt. Jetzt kommt Sandra Hüller mit einem Gastspiel in die Volksbühne.

Im Kino kann man sie in „Fack ju Göhte 3“ bewundern, in der Volksbühne auch live: Sandra Hüller

Im Kino kann man sie in „Fack ju Göhte 3“ bewundern, in der Volksbühne auch live: Sandra Hüller

Foto: Getty Images / Getty Images Entertainment/Getty Images

So hat man sie noch nie gesehen. Im Kino überrascht Sandra Hüller derzeit in "Fack ju Göhte 3" als ziemlich unangepasste Lehrerin. Eine, die es mit Elyas M'Barek locker aufnehmen kann, sowohl was die Lust an Feten als auch politische Unkorrektheit angeht.

Eine Ebenbürtige, und doch eine, die nicht am Ende im Arm des Mannes landet, sondern ganz autark ist und das auch bleiben will. Eine so starke Frauenfigur, das gibt es ja sonst in einer deutschen Komödie gar nicht. Das ist Meilen entfernt von jener verhuschten Lehrkraft, die Karoline Herfurth in den ersten "Fack ju Göhte"-Filmen spielen musste.

Ganze neue Seiten des "Toni Erdmann"-Stars

Und ausgerechnet Sandra Hüller! Die ist eine Ikone des deutschen Arthouse-Kinos und hat im vergangenen Jahr mit Maren Ades "Toni Erdmann" für Furore gesorgt, ist aber eher für sperrige Figuren und Filmdramen bekannt. In einer Mainstreamkomödie war sie noch nie zu sehen. Wie ist sie da überhaupt reingeraten? Die Frage erstaunt sie. Ganz einfach: Man hat sie gefragt. Da gab es keinen Dünkel bei ihr. Es kam nur bislang keiner auf die Idee.

Man sollte sie einfach öfter fragen. Denn obwohl die 39-Jährige lange in Berlin gelebt hat und vor allem Theater spielt, war sie hier, von einer kleinen Ausnahme abgesehen, nie wirklich auf einer Bühne zu erleben. Und auch hier gilt: Sie hätte schon gewollt. Aber erst als sie mit ihrer Familie nach Leipzig gezogen war, seien entsprechende Angebote gekommen. Aber da hat es eben nicht mehr gepasst.

Nun kann man sie doch einmal live auf einer Hauptstadtbühne erleben. Am Donnerstag und Freitag in der Volksbühne, mit "Bilder deiner großen Liebe". Es ist die Theaterfassung von Wolfgang Herrndorfs letztem, unvollendeten Roman. Eine Art Weiterführung seines Erfolgsbuchs "Tschick", nur spielen Tschick und sein Freund Maik hier Nebenrollen. Es geht um das Mädchen Isa, das sie unterwegs auf einer Müllkippe kennen gelernt und mit dem sie verabredet haben, dass sie sich in 50 Jahren wiedersehen werden.

Isa ist danach zwischenzeitlich in der Psychiatrie gelandet. Und jetzt steht sie hier und spricht und flüstert und schreit ihre Einsamkeit heraus. Und all die Themen, die den an einem Hirntumor erkrankten Autor beim Schreiben beschäftigt haben müssen. Am Ende greift sie zu einer Pistole, so wie es Herrndorf selbst getan hat.

Eine Mischung aus Konzert und Performance

Als Isa geht Sandra Hüller auf eine emotionale Achterbahn. Eine einzige große Solonummer. Vor allem aber singt sie auch. Die Schauspielerin weiß deshalb selbst nicht genau, wie man den Abend bezeichnen soll: Stück, Konzert oder Performance. "Wir haben irgendwann gesagt, es ist ein Konzert", erläutert sie.

Regisseur Tom Schneider, mit dem sie lange befreundet ist, hat ihr Robert Koalls Bühnenfassung zugeschickt. Sie hat erst mal das Buch gelesen. Und wollte es sofort machen. Sie haben dann zwei befreundete Musiker gesucht. Und sich zurückgezogen, nicht auf eine Probenbühne, sondern in ein Konzertstudio. Dort fingen sie an, sich dem Text zu nähern. Und Musik zu schreiben.

Sandra Hüller singend, da muss man natürlich sofort wieder an "Toni Erdmann" denken. Und an die herzzerreißende Szene, in der sie ausgerechnet "Greatest Love of All" von Whitney Houston singt. Im Film ist das eher eine tragikomische Einlage. Dass Sandra Hüller wirklich singt, und das einen Abend lang, auch das scheint wieder eine völlig neue Seite an ihr. Aber auch das mag sie so nicht gelten lassen. "Ich mach das halt manchmal. Mir macht das großen Spaß. Und vielleicht kann ich das auch ein bisschen." Dann erklärt sie doch noch ein bisschen: "Wenn man nicht gleich Musical macht oder einen reinen Liederabend, dann gibt es wenige Gelegenheiten, das am Theater zu tun. Und das ist jetzt eine."

Eine Frau, die alles gibt und alles aus sich herauslässt, das sei zwar sehr verausgabend, gibt sie zu, habe aber auch etwas sehr Befreiendes. Mit der Produktion, die für das Züricher Theater am Neumarkt entstand, geht sie auch gern mal an andere Theater. Sie haben das Stück extra mit möglichst wenig Bühnenaufwand entwickelt, weil früh die Idee aufkam, damit auf Reisen zu gehen. Jetzt stehen gleich drei Städte hintereinander auf dem Programm. Und sie sind gerade dabei, das Ganze auch aufzunehmen, als "Hörbuch, Hörspiel oder wie immer man da nennen will."

Nach Berlin kommt sie damit nun an die Volksbühne, in der ersten Woche nach deren Neueröffnung. Chris Dercon und sein Konzept sind ja ziemlich unter Beschuss geraten, wie ist es da, ausgerechnet hier aufzutreten? An dieser Stelle wird Sandra Hüller plötzlich sehr schmallippig. Dazu möchte sie gar nichts sagen.

Das überrascht. Man kann ja verstehen, dass ein Künstler nicht in das ewige Hickhack der hauptstädtischen Kulturpolitik hineingeraten will. Aber natürlich sind Gastspiele mit solch prominentem Namen genau das, was Dercon sich für seine neue Volksbühne vorstellt – und das, was seine Kritiker als "Eventbude" schmähen.

In beiden Kunstformen zu Hause

Und das einzige Mal, das Sandra Hüller doch in Berlin Theater gespielt hat, 2009, das war ja auch in der Volksbühne, damals noch unter Frank Castorf. Aber das alles sei kein Statement. Man hat sie gefragt. Und sie hat zugesagt. Punkt. Das klingt freilich auch ein bisschen so, als sei es der Schauspielerin letztlich egal, wo sie auftritt, Hauptsache, sie kann ihr Stück aufführen.

Sandra Hüller taut erst wieder auf, als wir sie fragen, für welches Medium ihr Herz denn höher schlägt. Mit "Toni Erdmann" hat sie immerhin alle möglichen Filmpreise gewonnen. "Fack ju Göhte 3" sahnt dafür an der Kasse ab und ist jetzt schon der meistbesuchte deutsche Film des Jahres. Trotzdem hat sie das Kino mal einen Flirt genannt und die Bühne ihre große Liebe.

Bleibt es dabei? "Ja. Ich habe am Theater gelernt, deshalb ist es mir natürlich sehr viel näher. Aber ich höre nie auf, Filme zu machen." Und dann relativiert sie ihren so oft zitierten Spruch von dem Flirt und der großen Liebe doch ein bisschen: "Ich hoffe, dass ich in beiden Kunstformen zu Hause bleibe."

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