Wer das Zeughaus-Foyer des Deutschen Historischen Museums betritt, erblickt die fast vier Meter hohe Marmorstatue der Siegesgöttin Viktoria. Mit ihren weit gespannten Flügen und dem wehenden Gewand ist sie eine beeindruckende Erscheinung. Im Jahr 1885 von Fritz Schaper geschaffen, stand sie hier einst flankiert von den Bronzestatuen des Großen Kurfürsten und Kaiser Wilhelm I. in der „Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußischen Armee“.
Heute zeugt ihr Anblick längst nicht mehr Willen deutscher Herrscher zum Triumph. Die Skulptur ist nicht mehr vollständig. Der in Siegerpose ausgestreckte Arm fehlt. Ironie des Schicksals. Derart lädiert, erinnert die Viktoria an den Preis von Eroberungen durch Krieg. Sie erinnert an Leid und an Tod – ein passendes Sinnbild für die wechselvolle Geschichte unseres Landes und damit für das Deutsche Historische Museum (DHM).
„Es geht um historische Urteilskraft"
Seit April diesen Jahres ist der Historiker Raphael Gross Präsident des Hauses. 1966 in Zürich geboren, war der promovierte Historiker Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main und Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte an der Universität Leipzig. Seine Erfahrungen mit der Leitung eines Geschichtsmuseums sind dringend nötig nach den eher glücklosen Jahren seines Vorgängers Alexander Koch.
Denn als Leiter des DHM hat er ein bedeutende Rolle in der Museumslandschaft. Wenn er nicht zum Spielball politischer Interessen wird. Gross hat nicht die Absicht, sich instrumentalisieren zu lassen. Ihm geht es nicht darum, Jubiläen und Gedenktage abzuarbeiten. Wichtig ist ihm ein inhaltliches Profil des Hauses, wie er betont: „Es geht um historische Urteilskraft. Also um das, was man aus Geschichte und Politik für die Gegenwart lernen kann.“
Gut 1500 Jahre Vergangenheit auf 8000 Quadratmetern
Für die Neuausrichtung bedarf es auch einer Überarbeitung der Dauerausstellung, die nunmehr seit elf Jahren läuft und daher vor allem Touristen, aber kaum noch Berliner lockt. Unter dem Titel „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“ zeichnet die Schau auf 8000 Quadratmetern anhand von rund 7000 Exponaten ein Bild von gut 1500 Jahren Vergangenheit.
Chronologisch gegliedert, gibt der Rundgang einen Überblick über die deutsche Geschichte. Beginnend im Obergeschoss mit dem frühen Mittelalter um das Jahr 500, geht es geht es durch neun Epochenbereiche. Dabei begegnet man vielen berühmten Zeitgenossen. Im Zeitalter von Reformation und Dreißigjährigem Krieg natürlich Martin Luther, porträtiert 1529 von Lucas Cranach d. Ä.. In der Epoche „Fürstenmacht und Allianzen in Europa“ von 1650 bis 1789 ist der Uniformrock von Friedrich II. ein Blickfang unter den vielen Objekten.
Im Erdgeschoss nehmen die Themen „NS-Regime und Zweiter Weltkrieg“ sowie „Geteiltes Deutschland und Wiedervereinigung“ den größten Raum ein. Während es im Obergeschoss gelingt, Alltagsgeschichte mit politischen Ereignissen und Kulturgeschichte zu verknüpfen, ist es für Besucher schwer, im Erdgeschoss einen guten Überblick zu bekommen – die Objekte sind teils eng gestellt und gehängt.
„Wir zeigen Geschichte nicht nur aus einem Aspekt"
Raphael Gross kennt das Problem. Für ihn einer der Gründe für eine komplett neue Ausstellung. „Es ist schwierig, einfach Veränderungen in der bestehenden Dauerausstellung vorzunehmen, da sie nicht modular aufgebaut ist“, erklärt er. Daher trifft er sich einmal in der Woche mit den 17 Leitern der Fachsammlungen, unter anderem für Militaria, Handschriften, Alltagskultur und Dokumente.
Für Gross hat das DHM den Anspruch, Generalist zu sein. „Wir zeigen Geschichte nicht nur aus einem Aspekt, sondern aus vielen und untermauern diese mit einer fantastischen Sammlung von fast einer Million Objekten“, sagt er. Die meisten Exponate der Sammlung lagern in Depots. Bis zu 9000 sind in der Dauerausstellung zu sehen. Andere in Wechselausstellungen. So spannend wie die Geschichte in den Museumsräumen, ist auch die des Gebäudes selbst.
Das Programm ist bereits bis 2019 geplant
Mit seinen 300 Jahren ist das Zeughaus Berlins bedeutendster erhaltener Barockbau und das älteste Gebäude Unter den Linden. Erbaut wurde es als Waffenarsenal zwischen 1695 und 1729. Nachdem es im 19. Jahrhundert mehrere Sammlungen beherbergt hatte, ließ Kaiser Wilhelm I. es von 1877 bis 1880 zur „Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußischen Armee“ umbauen. So entstand ein Museum der preußischen Geschichte mit militärhistorischer Sammlung. Die DDR brachte 1950 das Museum für Deutsche Geschichte unter. Nach der Wiedervereinigung gingen Gebäude und Bestände an das 1987 gegründete DHM.
Heute verfügt das Museum neben Bibliothek und Kino über einen modernen Bau für wechselnde Sonderausstellungen, entworfen vom chinesisch-amerikanischen Architekten I. M. Pei. Bis 2019 ist das Programm dort geplant. Danach kann Gross eigene Ausstellungen gestalten. Er weiß: „Seit seiner Gründung steht das Museum im Kontext der europäischen und internationalen Geschichte. Das impliziert immer auch eine politische Dimension und Diskussion.“ Das soll sich auch künftig in den Ausstellungen widerspiegeln.


