Schon äußerlich ist der Martin-Gropius-Bau außergewöhnlich: Von Weitem wirkt das backsteinrote Gebäude etwas trutzig, je näher man kommt, desto filigraner erscheint es. Gereon Sievernich kann sich gut an seine erste Ausstellung erinnern, die er 1982 in dem damals frisch renovierten Haus durchführte. „Das Horizonte-Festival 1982, Lateinamerika gewidmet. Die Ausstellung hieß ,Mythen der neuen Welt‘. Die Ausstellungsstücke wurden über die Niederkirchner Straße angeliefert. Auf der Mitte der Straße, direkt vor dem Eingang, verlief die Mauer. Aber einen Meter davor begann schon das Staatsgebiet der DDR. Zwei US-Offiziere sicherten dann die Anlieferung.“ Knapp 20 Jahre später wurde er nach der grandiosen, von ihm co-kuratierten Millenniumsausstellung „Sieben Hügel“ im Jahr 2001 Direktor des Hauses.
Das befand sich nach dem Mauerfall wieder im Zentrum der Stadt. Auch wenn davon damals noch nicht viel zu sehen war. Weder war der Preußische Landtag zum Abgeordnetenhaus Berlins ausgebaut, noch war eine Baugrube am Potsdamer Platz ausgehoben.
Das imposante Gebäude wurde 1881 von Martin Gropius, einem Großonkel von Walter Gropius, und Heino Schmieden auf einer Fläche von 70 mal 60 Metern und 28 Meter Höhe im Stil der italienischen Renaissance fertiggestellt. „Damals gab es noch keine elektrische Beleuchtung im Haus, deshalb hat es diese riesigen Fenster. Für einen Museumsbetrieb bedeutet das einige Herausforderungen“, sagt der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Sievernich.
Fast 30 Jahre lang fungierte das um einen riesigen Lichthof errichtete Gebäude als Kunstgewerbemuseum. „Heute würde man sagen, ein Showroom der Kunsthandwerker der Stadt“, erläutert Sievernich. „Interessierte konnten das, was sie sahen, Treppen, schmiedeeiserne Geländer, Holzarbeiten, Decken, Stuckarbeiten, sozusagen nach Ansicht bestellen.“ Neben dem Lichthof mit Säulengang schwärmt Sievernich vom „Schliemann-Saal“ im ersten Stock. Elf Meter hoch wölbt sich die Kuppeldecke, erhalten sind Teile des Stuckfrieses und ein riesiges, schmiedeeisernes Tor. „Nachdem Schliemann seine Ausgrabungen aus Troja nach Berlin gebracht und der Öffentlichkeit geschenkt hatte, erhielt er diesen Raum, den er mit seiner Frau persönlich ausgestaltet haben soll“, berichtet Sievernich. „Hier wurde ,Der Schatz des Priamos‘ erstmals in Deutschland gezeigt, von 1881 bis 1885.“ Ab dem 29. September wird in diesem Flügel die Ausstellung „Old Food“ des zeitgenössischen Künstlers Ed Atkins gezeigt.
Seit 1965 steht der Bauunter Denkmalschutz
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Kunstgewerbemuseum in das Berliner Stadtschloss verlagert. In den Bau zogen das Museum für Vor- und Frühgeschichte und die Ostasiatische Kunstsammlung. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude so stark zerstört, dass ein Abriss der Ruine geplant war. Auf Intervention von Walter Gropius wurde es 1965 unter Denkmalschutz gestellt und von 1978 bis 1981 wieder instand gesetzt. „Allerdings noch ohne Klimaanlage“, sagt der 68-jährige Direktor. „Bei einer Ausstellung Anfang der 80er-Jahre stellten wir ein Wasserbassin in den Lichthof, um genügend Luftfeuchtigkeit für die Gemälde sicherzustellen“, erinnert er sich. Mittlerweile entspricht die Infrastruktur modernsten musealen Anforderungen. Nach dem „Sieben Hügel“-Projekt, Sievernich spricht nicht von einer Ausstellung, sondern von einem Dompteurakt mit sieben Kuratoren, überzeugte der gebürtige Frankfurter die Verantwortlichen mit seinem multifunktionalen Ausstellungskonzept für den gesamten Martin-Gropius-Bau, der Mitte bis Ende der 90er-Jahre im ersten und zweiten Geschoss die Berlinische Galerie beherbergte. Mit dem Mix von archäologischen Ausstellungsthemen, moderner und zeitgenössischer Kunst wie auch Fotografie gelang es Sievernich und seinem Team von 25 festen und bis zu 100 freien Mitarbeitern, den Martin-Gropius-Bau als Stätte hochqualitativer Ausstellungen in Berlins Museenlandschaft zu verankern. 60 Prozent der 400.000 bis 500.000 Besucher jährlich kommen nicht aus Berlin, ein Drittel reist aus dem Bundesgebiet an, ein Drittel aus dem Ausland.
Die große Herausforderung besteht für den Martin-Gropius-Bau darin, dass es keine eigene Sammlung gibt. Viele Ausstellungen finden deshalb mit hochkarätigen Kooperationspartnern wie dem Louvre, MoMa und anderen internationalen Häusern statt, so auch die im Erdgeschoss präsentierte Schau „Der Luthereffekt“, eine der drei zentralen Ausstellungen zum 500. Jubiläum des Thesenanschlages des großen Reformators in Deutschland. Das Deutsche Historische Museum realisierte sie mithilfe der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und einer Förderung des Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes.
Besonders freut Sievernich, dass durch den Ausstellungsmix auch viel junges Publikum das Haus besucht. Rund 190 Ausstellungen fallen in seine 16-jährige Amtszeit, die Ende Januar 2018 endet. „Ich befinde mich sozusagen im Ausklingbecken“, sagt er. Als letzte Ausstellung wird er Anfang Dezember „Juden, Christen und Muslime – Im Dialog der Wissenschaften 500–1500“ eröffnen.

