Es war die spektakulärste Aktion eines Lebens, das nie die Extreme scheute, und zugleich machte sie Willi Ruge weltberühmt. Im Jahr 1931 ließ sich der Berliner Fotograf nach Staaken hinausfahren, um dort seine Reportage „Ich fotografiere mich beim Absturz mit dem Fallschirm“ umzusetzen. Das hatte vor ihm noch kein Fotograf gewagt.

Längere Vorbereitungen waren dafür erforderlich gewesen. „Der Direktor der Fallschirmfabrik hörte sich unseren Plan interessiert, aber etwas skeptisch an. Einverstanden erklärte er sich erst, als ich ihm versicherte, dass ich als alter Flieger über genügende flugtechnische Kenntnisse verfüge“, schrieb er später. Sein Kollege, der aus einem zweiten Flugzeug Ruges Absprung ablichten sollte, und er hatten sich mit selbstauslösenden Schmalfilm-Apparaten ausgestattet. Dann ging es zum Absprung. „Die Gefühle zu beschreiben, als ich mit dem Kopf nach unten zur Erde schaute, ist fast nicht möglich“, schrieb Ruge. „Die Empfindung des Fallens, die Geschwindigkeit und des Gefahrvollens hatte ich fast nicht. Auf der scheinbar unendlich langen Zeit von 7 Minuten bis zur Landung fotografierte ich meine Beobachtungen.“

Es sind Bilder, die noch heute mit ungeheurer Gegenwart das Tempo des Sturzes in die Tiefe nachvollziehbar machen – selbst in unseren Zeiten, in denen die Selfie-Videos von Extremsportlern überall im Netz abrufbar sind. Sie erschienen auf einer dreiseitigen Reportage in der „Berliner Illustrirten Zeitung“, später auch noch in britischen und amerikanischen Publikationen. Ruge wusste genau, wie die nötige Atmosphäre zu schaffen war: Er ließ auch seine Frau mitsamt dem eben geborenen Sohn Armin auf dem Arm ablichten, die sorgenvoll den Blick zum Himmel erhoben hat, aus dem ihr Mann gleich fallen wird. Der Effekt blieb nicht aus: Plötzlich kannte fast jeder diesen waghalsigen Mann. Im selben Jahr hatte er sich als Beifahrer neben den berühmten Rennfahrer Rudolf Caracciola gesetzt und war mit ihm über die Avus gebrettert, so wie er vorher auch an der Seite des berüchtigten Jagdfliegers Ernst Udet durch die Luft gerast war. Ruge schaffte es mit seinen Bildern und Reportagen, ein völlig neues journalistisches Genre zu etablieren: Er war nicht mehr der vermeintlich neutrale Dokumentar des Geschehens, sondern er selbst war mit seinen Emotionen und Wahrnehmungen ein Teil desselben.

Das passte gut zur Popularität von Massenpublikationen wie der „Berliner Illustrirten“, die in jenen Jahren Millionenauflagen erzielten. Es passte vor allem aber gut zum Charakter dieses Mannes, dem C/O Berlin jetzt eine Ausstellung widmet. Diese Ausstellung ist umso erfreulicher, weil man nicht gerade mit ihr rechnen konnte: Am 22. November 1943 wurde Ruges Fotoarchiv in der Schöneberger Hohenstaufenstraße bei einem Bombenangriff zerstört. Die Kuratorin und Fotohistorikerin Ute Eskildsen hat nun die internationalen Archive und Sammlungen nach ihm durchsucht – und es so ermöglicht, sich heute wieder an einen der erstaunlichsten deutschen Fotografen des 20. Jahrhunderts zu erinnern.

Er war ein Mann, der das Abenteuer liebte und sich früh dazu berufen fühlte. Und vor allem zog es ihn in die Luft. 1892 in Berlin als Sohn eines Schneidermeisters für Damenmode geboren, begann er nach dem Realschulabschluss zunächst eine Optikerlehre und wechselte dann auf die Fotografenseite. Zur lebensprägenden Erfahrung wurde sein Einsatz als Fliegerschütze und Berichterstatter an West- und Ostfront im Ersten Weltkrieg – Gefahr und Geschwindigkeit sollten ihn sein Leben lang begleiten. Schon Anfang der 20er-Jahre machte sich Ruge mit seinem „Presse Verlag Photoaktuell“ selbstständig – und es zog ihn weiterhin an die Konfliktherde des Landes, ob es nun die Unruhen in Oberschlesien waren, der Spartakus-Aufstand oder die französische Besatzung des Ruhrgebiets. Damit nicht genug: Ruge besuchte die Auto- und Motorradrennen seiner Zeit, drehte Filme über die Fliegerei, dokumentierte 1922 die erste Hochgebirgslandung auf der Zugspitze – und ging immer wieder auf Reisen, zunächst durch Europa, später, in den Dreißigerjahren, auch nach Südamerika und Afrika. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die zur Emigration gezwungen waren, blieb Ruge auch nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Land. Zwar trat er nicht der NSDAP bei, wurde aber Mitglied der Volkswohlfahrt und des Reichsluftschutzbundes. Er fotografierte auch eindeutig propagandistisch getönte Reportagen wie etwa die über die „Legion Condor“ aus dem Jahr 1937. Ruge arrangierte sich mit der gleichgeschalteten Presse wohl nicht nur, um weiterhin sein Auskommen zu haben, sondern auch, um die Nähe zur Fliegerei nicht aufzugeben.

Von den Amerikanern erhielt er nach Kriegsende die Lizenz, seine Fotoagentur weiterzubetreiben, doch erwies sich die Auftragslage in Berlin als überaus schwierig. Ruge zog mit seiner Frau nach München, arbeitete als „Sonderberichterstatter“ der Illustrierten „Quick“, wo ein Teil der ehemaligen Redaktionsmannschaft der inzwischen eingestellten „Berliner Illustrirten“ eine neue Heimat gefunden hatte. Anfang der 50er-Jahre konnte er noch einmal mit dem Buch „50 Jahre Motorflug“ seiner Lebensleidenschaft nachkommen. Ruge starb 1961 in Offenburg. Über sein Privatleben ist wenig bekannt – „zwei oder vielleicht sogar drei Ehen, ein Kind, viele Umzüge und auch Hinweise auf die erbetene Geheimhaltung seiner Adresse – möglicherweise finanzielle Schwierigkeiten“, schreibt Ute Eskildsen in der Publikation, die anlässlich der Ausstellung im Steidl Verlag erscheint (siehe Kasten).

Ruge hat sich um etwas verdient gemacht, was hierzulande in der Historiografie gern kleingeredet oder gering geschätzt wird: um die Geschichte der Emotionen. Mit seinen zum Teil sehr lustigen experimentellen Montagen und Porträts erarbeitete er sich, auch dies zeigt die Ausstellung, außerdem eine unverwechselbare Handschrift, und so hat er in der Galerie der prägenden Fotografen des 20. Jahrhunderts seinen Platz. Menschen wie er haben die Medienwelt, wie wir sie heute kennen, weit stärker geprägt, als wir es uns in der täglichen Bilderflut ausmalen können.

Mehr zum Thema: