Wer an Kunst aus China denkt, assoziiert damit sofort den Namen Ai Weiwei, der in Berlin das geworden ist, was ihm in China versagt blieb: ein gefragter Künstler mit Ausstellungen weltweit. Seit 2015 lebt er in der Stadt, hat eine Professur an der UdK und sein Studio in Prenzlauer Berg. Repressalien, Zensur, Gefängnis – der Chinese hat dies alles erlebt. Natürlich ist chinesische Kunst mehr als Ai Weiwei, der dortige Kunstmarkt ist einer der am stärksten wachsenden. Doch wie frei ist die Kunst in China wirklich?

Mit dieser Frage im Kopf betreten wir die Schau „Arbeiten in Geschichte“, die aktuelle chinesische Fotografie und historische Fotos der Kulturrevolution im Museum für Fotografie präsentiert. Sie möchte zeigen, wie junge Fotografen mit dem Bildnachlass der sogenannten Roten Jahre umgehen. Nun ist es so, dass wir Malerei aus dem Land der Mitte bereits aus einigen Ausstellungen kennen, Fotografie hingegen ist unbekanntes Terrain für die Öffentlichkeit. Alle Werke waren in China bereits in Ausstellungen zu sehen, versichert Yu Zhang, Präsidentin der Gesellschaft für Deutsch-Chinesischen Kulturellen Austausch in Berlin. Yu Zhang, die seit 25 Jahren in Berlin lebt, fungiert als Mittlerin zwischen Berlin und Peking.

Vielleicht ist die westliche Erwartungshaltung gegenüber den Positionen aus Peking zu groß, auffallend ist, dass die zeitgenössische Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution auf den ersten Blick recht harmlos, wenig politisch wirkt. Massaker, Hunger, Haft unter schlimmen Bedingungen – diese Schrecken des kommunistischen Chinas bleiben bildlich undokumentiert.

In der Wissenschaft werde das Thema diskutiert, in der Gesellschaft sei es „noch nicht angekommen“, das immerhin erklärt Wang Huangsheng, Präsident der Akademie in Peking. Die Schau ist eine von sechs Sonderausstellungen der Staatlichen Museen zum 45. Jubiläum der deutsch-chinesischen Beziehungen. Da also sind die Fäden der Diplomatie fein gesponnen.

Für die Fotografie, egal ob private Aufnahmen oder Pressebilder, bedeutete die Kulturrevolution (1966–1976) vor allem eins: eine Überproduktion von Propagandabildern nach sowjetischem Vorbild. Im Zentrum steht immer nur einer: Mao, Mao und noch mal Mao, schwimmend (athletisch), im Bademantel (volksnah) und mit erhobener Hand grüßend (agitierend) – und natürlich immer wieder jubelnde Menschenmassen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Wandzeitungen wie Fotos dienten der Mobilisierung der Massen.

Bei den privaten Aufnahmen sieht man, wie Propaganda wirkt, der große Vorsitzende wurde immer „mitgedacht“. Er prägt den Hintergrund, selbst als gesticktes Porträt. Die Selbstzensur wirkte, das ist unschwer zu erkennen.

Historische Fotografien werden aktuell „manipuliert“

Seit zwölf, 13 Jahren sammelt der chinesische Künstler Cai Dongdong Fotos aus der Zeit der zehnjährigen Kulturrevolution. Im ganzen Land hat er Leute darauf angesetzt, in Kellern, auf Dachböden und in privaten Fotoalben zu schauen, ob es noch Material gibt. China ist groß, und so sind mittlerweile 600.000 Fotos zusammengekommen. Nicht jedes Bild tauge, um daraus eine Fotoinstallation zu machen. „Die reine Oberfläche reicht mir nicht“, erzählt er uns. Der 39-jährige Künstler ist derzeit Stipendiat in Berlin und einer von 16 Künstlern der Gruppenschau im Kaisersaal.

Cai Dongdong setzt sich ironisch mit der Agitation von einst in seiner „Schießübung“ auseinander. Als Grundlage dienen ihm historische Fotos, die er „manipuliert“, also bearbeitet. Eine Anspielung auf Maos Überwachungsapparat. Pressefotografen wurden die Filme streng zugeteilt, die vollen wieder eingesammelt, damit nur „sauberes“ Material veröffentlicht wurde.

Cai Dongdong zeigt einen Soldaten, der seiner Schülerin demons­triert, wie sie das Gewehr halten muss. Schräg gegenüber ist ein Spiegel platziert – das Spiegelbild zeigt zwei auf sich selbst zielende Menschen. In der Installation daneben stehen zwei bewaffnete Soldatinnen mitten in der Karibik, mit Meer und Palmen im Hintergrund – die beiden tragen Wintermäntel. Einen echten Wasserhahn hat der Künstler rechts ins Bild montiert. Schöne, verkehrte Mao-Welt!

Am bekanntesten in Europa dürfte die hyperrealistische Fotografie von Zhang Kechun sein: eine riesige Traube von Schwimmern mit orangfarbenen Schwimmkissen überquert den Gelben Fluss – einer von ihnen hält (wieder) ein Mao-Porträt in die Höhe. Ein Mythos lebt weiter.

Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Di., Mi., Fr., Sbd., So. 11–19 Uhr. Do. 11–20 Uhr. Bis 7. Januar 2018. Katalog: 38 Euro