Es sind nur drei Buchstaben. Und die wenigsten wissen, wofür sie eigentlich die Abkürzung sind. Aber alle wissen, wofür sie stehen. Drei Buchstaben: Bei jedem läuft da ein innerer Film ab. Marlene auf dem Fass. Hans Albers auf der Kanonenkugel. Die Maschinenfrau aus „Metropolis“. Siegfrieds Kampf gegen den Drachen. Drei Männer, die an einer Tankstelle „Ein Freund, ein guter Freund“ schmettern. Man denkt an Stars wie Lilian Harvey, Willy Fritsch, Heinz Rühmann, Zarah Leander, Marika Rökk, Johannes Heesters, Ilse Werner. An große Regisseure wie Fritz Lang, Ernst Lubitsch, F. W. Murnau.
Und wenn man unsere Oma noch fragen könnte, was sie mit den drei Buchstaben verbände, würde sie leise „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“ vor sich hin summen, den Schlager aus „Der Kongress tanzt“. Die Ufa: Das ist nichts weniger, nichts anderes als Deutschlands Hollywood, die Traumfabrik von Berlin und Potsdam, der Garant für Stars, Glamour und gute Unterhaltung.

Aber auch dafür steht die Ufa: für martialische Kriegswochenschauen, für Leni Riefenstahls unsägliche Führer-Idealisierung in „Triumph des Willens“, für Hetzfilme wie „Jud Süß“ und Durchhalte-Epen wie „Kolberg“, mit dem das Publikum noch für den totalen Krieg mobilisiert werden sollte, als schon längst alles verloren war. Die Ufa, das ist ein Januskopf. Traum- und Albtraumfabrik zugleich. Sie weckt Nostalgie und die Lust zum Träumen. Aber sie provoziert auch Empörung, Protest und Widerstand. Denn von Anfang an war die Universum Film AG – so der vollständige Name – unselig verquickt mit der hohen Politik und dem Einfluss der Banken.
Nun wird die Ufa 100. Ein stolzes Alter. Sie wird das eigentlich erst im Dezember. Aber schon jetzt wird gefeiert. Die alljährlichen Ufa-Filmnächte waren vor anderthalb Wochen quasi der Auftakt. Auf Arte ist eine Ufa-Filmreihe gestartet, auch im Kino Babylon-Mitte läuft seit dieser Woche eine große Retrospektive bis Anfang Oktober. Diese Reihen zeigen Filme der klassischen Phase, also bis zum Zusammenbruch 1945. Am 24. November startet dann die Deutsche Kinemathek in Berlin die große Ausstellung „Ufa – Geschichte einer Marke“, die den Konzern weiter und bis in die Gegenwart beleuchtet. Und bereits am 15. September feiert die Ufa eine große Sause im Palais am Funkturm.

Nur eines gibt es nicht: einen Jubiläumsfilm. Zum 25sten Geburtstag der Ufa wurde, man erinnere sich, „Münchhausen“ gedreht. Ein Film voller Stars und verblüffender Tricks. Aber ein Film über einen Lügenbaron, wobei das Drehbuch von dem verfemten Autor Erich Kästner stammte, dessen Name nicht genannt werden durfte. Lug und Trug überall. Nein, die Ufa war wohl gut beraten, auf einen Jubiläumsfilm zu verzichten.
Es war eine fatale Allianz, die sich da zusammentat an jenem 18. Dezember 1917 in Berlin, nicht weit entfernt vom Reichstag. In den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges glaubte Erich von Ludendorff, des Kaisers General, wie man den Krieg vielleicht doch noch gewinnen könnte: durch die Macht der Bilder. Er trieb deshalb die Gründung eines zentralen Filmkonzerns an, „um eine planmäßige und nachdrückliche Beeinflussung der großen Massen im staatlichen Interesse zu erzielen“. Die Gelder kamen von Bosch, AEG und der Deutschen Bank, letztere übernahm auch die Leitung. Auch das Kaiserreich war, höchst geheim, beteiligt. Die Politik also und das große Geld.
Künstlerischer Aderlass auf Jahrzehnte
Der Krieg ging bekanntlich dennoch verloren, und ironischerweise beglückte der gegründete Konzern nun die erste deutsche Republik. Mit Unterhaltungsfilmen, Monumentalepen, Filmkunst, die eine ernsthafte Konkurrenz für Hollywood war. Aber Filme von nationaler Bedeutung, dieser Grundimpetus der Gründung, war immer in der DNA der Ufa enthalten. So entstanden Werke wie „Nibelungen“ über den deutschesten aller Mythen oder die „Fridericus Rex“-Reihe. Auch ein Hauch von Größenwahn war dem Konzern immer eigen. Mit „Nibelungen“ schrieb man so drachenblutrote Zahlen, dass man danach einen Knebelvertrag mit den Hollywoodstudios Paramount und MGM schließen musste.
Bis Alfred Hugenberg, Medienmogul und Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei, den vom Bankrott bedrohten Konzern 1927 aufkaufte und vom amerikanischen Einfluss befreite. Künstler hatten nicht länger das Sagen, fortan herrschte ein klar nationaler Geist. Schon 1933 stellte Hugenberg die Ufa offen für Goebbels’ Propagandazwecke zur Verfügung. In vorauseilendem Gehorsam wurden jüdische Künstler entlassen und vertrieben, ein künstlerischer Aderlass, von dem sich das deutsche Kino nie erholen sollte.

Ab 1937 wurde die Ufa quasi verstaatlicht, 1942 mit kleineren Firmen wie Bavaria, Terra oder Tobis zur Ufa Film GmbH, kurz Ufi, verschweißt. Filmen als Staatsmonopol: Wovon Ludendorff nur geträumt hatte, das sollte sich jetzt erfüllen. Ein einziger, großer Filmkonzern als williges Propagandawerkzeug des Nazi-Terrors. Mit Hetzfilmen. Aber vor allem mit Unterhaltung, die von den Nöten des Kriegs ablenken sollte.
Nach dem Krieg wurde die Ufa geteilt. Die größten Filetstücke lagen im Osten. Die Sowjets, die auch um die Macht der Bilder wussten, trieben in Babelsberg die Gründung der Defa voran, die wieder die Interessen des Staates, diesmal des sozialistischen, propagieren sollten. „Die Mörder sind unter uns“ war 1946 der erste deutsche Nachkriegsfilm. Die westlichen Alliierten waren eher daran interessiert, ihre eigenen Filme auch in Deutschland auszuwerten.
Sie erarbeiteten eine „Lex Ufi“, die die Zerschlagung des Konzerns zum Ziel hatte. Das aber wusste die Adenauer-Regierung trickreich zu verhindern. Wieder saß dabei die Deutsche Bank mit im Boot. 1956 wurde die Ufa neu gegründet, „Ist Mama nicht fabelhaft?“ war 1958 der erste neue Film, aber ein Flop. Ist die Ufa nicht fabelhaft? Nein, trotz aller Versuche, mit Werken wie „Das Totenschiff“ an die glanzvolle Zeit anzuknüpfen, saßen die Deutschen längst lieber in ihren Fernsehsesseln. 1961 wurde die Kinoproduktion schließlich eingestellt.

Kann man da eigentlich 100 Jahre feiern? Die Studios in Babelsberg haben ein solches Jubiläum schon vor fünf Jahren begangen, sie waren aber wirklich ohne große Unterbrechungen in Betrieb. Die Ufa dagegen hatte Zeiten der Agonie. Und hat sich dann gehörig gehäutet. Bertelsmann kaufte sie 1964 auf, und so entstand ein ganz anderes Geflecht, das sich des alten Namens lange nur bediente.
Die jüngeren Ufa-Produktionen, sie stehen nun fürs Fernsehen, große Event-Mehrteiler, die gerade auch die finstersten Jahre der deutschen Geschichte thematisierten, die die Ufa seinerzeit mit verklärt hat. Aber auch Daily Soaps wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“.

Die drei Buchstaben verband man nicht unbedingt damit. Zu verzweigt, zu unübersichtlich waren die vielen Subfirmen. Bis man sie 2013 umstrukturierte und vereinfachte zu Ufa One: mit nur noch drei großen Produktionsbereichen Ufa Fiction, Ufa Serial Drama und Ufa Show. Jetzt dreht man auch wieder verstärkt Kinofilme wie „Der Medicus“ oder „Ich bin dann mal weg“. Produziert, als Marktführer, pro Jahr 4500 Stunden TV-Programm für 20 Sender. Und nutzt im digitalen Zeitalter längst auch andere Nutzungskanäle. Ganz aktuell, seit 1. September, ist Nico Hofmann der alleinige Geschäftsführer in Babelsberg.
Die Politik mischt sich bei der Ufa zum Glück schon lange nicht mehr ein. Und nationale Bedeutung, das gilt heute höchstens noch für die Stoffwahl, aber längst nicht mehr fürs Publikum. Die Serie „Deutschland 83“ etwa war weltweit ein Riesenerfolg, nur ausgerechnet im Herkunftsland machte sie keine Quote. Der Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ über Ost-Romeos in West-Berlin wurde schon nicht mehr fürs Inland produziert, sondern gleich für den internationalen Markt.


