Konzert in Berlin

So war's bei Aerosmith in der Waldbühne

Keine Frage des Alters: Zum Saisonauftakt in der Waldbühne feiert die Band Aerosmith um Sänger Steven Tyler Abschied.

Verdächtig faltenfrei: Sänger Steven Tyler von der amerikanischen Rockband Aerosmith

Verdächtig faltenfrei: Sänger Steven Tyler von der amerikanischen Rockband Aerosmith

Foto: dpa

Sie waren laut und rüde, obszön und selbstverliebt. Sie waren der Inbegriff von Sex & Drugs & Rock & Roll. Kaum eine Band außer den britischen Stones und den Beatles hat so viele junge Rockmusiker inspiriert und beeinflusst wie die Bostoner Rockhaudegen von Aerosmith. 1970 gegründet, waren sie im Laufe ihrer langen Karriere fast am Boden zerstört, rauften sich in den 80er-Jahren aber doch wieder zusammen und feierten in den Neunzigern ein grandioses Comeback.

Nun aber soll Schluss sein. Zum Saisonauftakt in der Waldbühne wird Abschied gefeiert. „Aero-Vederci“ hat die Truppe um Sänger Steven Tyler und Gitarrist Joe Perry wortspielerisch ihre vorgeblich letzte Tournee getauft und lässt am Dienstagabend das bestens gefüllte, wenn auch längst nicht ausverkaufte 22.000-Plätze-Amphitheater in Erinnerungen schwelgen. Und sie können diese routiniert inszenierten 90 Minuten nahezu ausnahmslos mit Hits füllen, ein Best-of-Programm zum Finale sozusagen.

Rock ’n’ Roll ist keine Altersfrage

Nach dieser Show fragt man sich freilich schon, warum sie den Job, den sie immer noch so gut machen, an den Nagel hängen wollen. Rock ’n’ Roll ist doch längst keine Altersfrage mehr. Wie einst die großen schwarzen Bluesvorbilder sind deren junge weiße Nachfahren inzwischen gereift. Und gerade Aerosmith sind eine der wenigen 60-plus-Bands, die immer noch (oder eben wieder) in Originalbesetzung auf der Bühne stehen. Sie haben nicht das Problem, dass sie plötzlich ohne Aushängeschild dastehen. Wie Queen. Oder wie AC/DC. Sie sind das Original.

Als Vorprogramm haben sie die rifflastigen, retroorientierten Rival Sons aus Kalifornien mitgebracht. Zum Glück. Beim Konzert in München musste das Publikum noch Foreigner ertragen, auch so eine frühe Erfolgscombo, von der aber nur noch Gitarrist Mick Jones übrig geblieben ist. Den 2008 gegründeten Rival Sons merkt man ihre Vorliebe für die 70er-Jahre an, doch verpassen sie dem harten Gitarrensound jede Menge frische Energie. Und mit Jay Buchanan hat das Quartett einen charismatischen Sänger an vorderster Front, der eine gewisse Nähe zu Led Zeppelins Robert Plant nicht verleugnen kann. Ein großartiger Auftakt.

Ein bisschen Pomp und Pathos darf sein

Gegen 21.30 Uhr ziehen zu lautstarken Klängen von Muddy Waters‘ „Mannish Boy“ und Carl Orffs wuchtigem „O Fortuna“ aus der „Carmina Burana“ Schatten der Vergangenheit über die gewaltig Leinwand auf der Bühne. Die klassischen Plattencover. Bilder von frühen Auftritten. Das animierte Aerosmith-Logo. Ein bisschen Pomp und Pathos darf schon sein. Und dann stehen sie da und geben gleich mit dem ersten Stück die Richtung vor: „Let The Music Do The Talking“ vom 85er-Album „Done With Mirrors“. Bloß nicht zu viel reden. Hier geht es Schlag auf Schlag.

Ein Laufsteg führt mitten ins Publikum. Tyler und Perry, wegen ihres immensen Drogenkonsums vergangener Jahrzehnte als „Toxic Twins“ berüchtigt, stehen Seite an Seite ganz vorn auf dem Podest, in langen Mänteln und hippiesker Garderobe. „Wie geht’s, Berlin?“ ruft Steven Tyler auf Deutsch in die Menge. Später sagt er auch Worte wie „affengeil“ und erklärt: „My grandma was german, so keep that in mind!“ Mit durchtrainiertem Körper, wallender Mähne und verstörend faltenlosem Gesicht reißt er sein breites Mundwerk immer wieder so weit auf, als wolle er das Mikrofon am Stück verschlingen. Ganz wendiger Poseur, ganz die Rock-Diva, immer in Bewegung, dabei wird er im kommenden Jahr 70 Jahre alt.

Bestens bei Stimme

Zu „Young Lust“ holt Tyler erstmals die Bluesharp hervor, die er gekonnt beherrscht, schließlich haben Aerosmith ihre Karriere mit gestandenem Bluesrock begonnen. Gitarrist Brad Whitford, Bassist Tom Hamilton und Schlagzeuger Joey Kramer, allesamt Mittsechziger, bleibt der Platz auf der Bühne vorbehalten. Mit Buck Johnson aus Nashville gehört zusätzlich ein Keyboarder zur Tourneebesetzung. Ein eingespieltes Team, das die alten Erfolge mit rauer Energie in die nur leicht verregnete Open-Air-Arena fräst. Von „Cryin“ und „Livin‘ On The Edge“ über „Love In An Elevator“ und „Sweet Emotion“ bis zu „Jaded“ und „Dude (Looks Like A Lady)“ als großes Finale.

Dazwischen überraschen sie mit kraftstrotzenden Coverversionen. Joe Perry hat sein Solo mit Fleetwood Macs „Stop Messin‘ Around“, gefolgt von „Oh Well“. Und auch „Come Together“ der Beatles bekommt eine völlig neue Klangfärbung. Steven Tyler ist bestens bei Stimme, schafft es bewundernswert bis in kreischende Höhen. Die Fans sind mit ihren Idolen gereift. Die Menge tobt, jubelt, singt mit. Aerosmith ist eine Band wie aus einem Guss. Also warum eigentlich aufhören, wenn es noch funktioniert? Langeweile scheint sie jedenfalls nicht zu plagen. Ist es Gesundheit wegen? Man weiß es nicht.

Die beiden größten Erfolge haben sich Tyler und Konsorten für die Zugaben aufbewahrt. Ein weißer Flügel wird auf den Laufsteg bugsiert. An und auf ihm singt Tyler von Nebelkanonen umringt „Dream On“, jene Ballade, die zwar schon 1973 auf dem Debütalbum „Aerosmith“ zu finden war, aber erst Jahre später die Charts stürmte. Und natürlich, einer fehlt noch. „Walk This Way“ von 1975, mit dem genialen Gitarrenriff von Joe Perry, sorgte Mitte der Achtziger durch die von Rick Rubin angezettelte Coverversion der Hip-Hopper Run-D.M.C. für das furiose Comeback von Aerosmith. Nun schicken sie ein glückliches Publikum mit diesem pumpenden Jahrhunderthit in die schwüle Berliner Nacht.

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