Am Ende tropft der Schweiß von der Decke. Klingt nach Klischee, ist aber so. Restlos ausverkauft ist die Columbiahalle, so voll mit Menschen zwischen 15 und 30, dass nach zwei Stunden Konzert nicht viel Luft zum Atmen bleibt. Mädels mit Rastas hüpfen neben Jungs mit Dutt und Bart auf und ab, aber auch philosophiestudentisch dreinblickendes Klientel ist da, friedlich am Tanzen neben Typen, die privat eher harten Rap zu bevorzugen scheinen. Wer dieses lockere, wenn auch dicht gedrängte Zusammentreffen produziert ist der Schauspieler Robert Gwisdek, Sohn von Michael Gwisdek und Corinna Harfouch – den Gästen des Abends besser bekannt als Käptn Peng.

Mit Peng hat Gwisdek eine Kunstfigur geschaffen, die die irrwitzigsten Kabolze schlägt, von Theorierap über Dada bis Radioappeal. Mit seiner virtuosen Band Die Tentakel von Delphi hat er eben das dritte Album veröffentlicht: „Das nullte Kapitel“. Und um es laut zu sagen: Keiner bringt zur Zeit Überflieger-Lyrics, die mehr als nur einen Löffel Quantenmechanik gefrühstückt haben, so gekonnt mit fetten Beats und trockenem Humor zusammen wie Peng. Wie ein Kobold kreiselt er über die Bühne, im schwarzen Schlabbershirt, mit Bart und Che-Guevara-Käppi – ein Comandante des Seltsamen, der gleich nach dem zweiten Song konstatiert, alle müssten sich jetzt bitte erst mal vorstellen, sonst bekäme er Angst vor so einer Menschenmasse. Da schreien alle ihre Namen, oder wie immer sie in einer Peng-Welt genannt werden wollen: eine große kakophonische Sekunde. Und Peng antwortet nüchtern: „Aha.“ Dann kann der Spaß beginnen.

Hip-Hop-Funk-Ska mit viel Percussion, Gitarre und Standbass

Die Band spielt ihren Hip-Hop-Funk-Ska vollakustisch, mit viel Percussion, Gitarre und Standbass. Als hätte sich Frank Zappa am Wochenende irgendwo im tiefen Neukölln verlaufen. Das ist ziemlich weit entfernt von den klugen, vergleichsweise straighten Beats, die Peng mit seinem Bruder Johannes aka Shaban um 2012 herum produzierte. Trotzdem wird das Duo-Set, das die beiden zusammen in der Mitte des Konzerts platzieren, mit am heftigsten gefeiert. Wenn sie ihren Hit „Sie mögen sich“ wie ein Schülertheater zelebrieren, mit Fuchsmasken und Papp-Einhörnern auf der Stirn, kann fast jeder im Saal fast das ganzen Lied mitsingen. Und der hat echt viel Text, denn es geht um „die Geschichte, wie sich zwei Leute in Füchse verwandeln / und was danach geschah“. Ein herzzerreißendes Liebeslied, verkleidet in eine Kinderei, in der die Liebenden immer asynchron zueinander ihre Identitäten wechseln: vom Fuchs zum Albatros zum Reh zum Lurch zum Kreis. Griechische Mythologie meets Blödelei.

Tatsächlich ins Peng am stärksten, wo seine Songs am albernsten sind. Manchmal geht der Kosmos-Erklärungswahn mit ihm durch, und dann hagelt sehr viel Urknalltheorie plus Improvisationen über die metaphysische Bedeutung von Pi – Stichwort: „Das Nichts und das Licht haben Liebe gemacht. In ihrem Bauch wächst eine liegende Acht.“ Aber er kann auch ganz klassisches Hip-Hop-Verhalten imitieren: „Ihr seid Hipster dissende Hipster, die Hipster dissen, doch Hipster dissen ist nicht hip, seit alle Hipster Hipster dissen.“ Wer die volle literarische Wunderbarkeit seiner Lyrics goutieren will, muss sich allerdings das Album kaufen, da sind sie poesieheftdick abgedruckt. Der Sound in weiten Teilen der Columbiahalle macht das Textverständnis schwierig. Da hilft es wenig, dass auch die Zuhörer ziemlich redselig sind. Aber sie kamen ja auch nicht für eine Dichterlesung. Sie sind am Ende durchgetanzt und jubeln, was das Zeug hält. Wenn so eine Band ein so großes Publikum generiert, ist die Welt vielleicht noch nicht ganz verloren. Peng macht zum Abschied ein Herzzeichen mit den Händen, dann lässt er es explodieren.