Eine Tafel ist in diesen Wochen das wichtigste Requisit im Büro von Yvonne Büdenhölzer. Darauf komponiert die Leiterin des Berliner Theatertreffens den Spielplan. Der unterliegt verschiedenen Phasen. Ein Abgleich der Wünsche mit dem Machbaren. Denn am Anfang steht ein Idealentwurf, am Ende das, was technisch, finanziell und organisatorisch möglich ist. Schließlich müssen ja komplette Bühnenbilder von beispielsweise Wien nach Berlin transportiert und aufgebaut werden. Die passenden Aufführungsorte gefunden werden. Und die Schauspieler zu den Wunschterminen verfügbar sein, also nicht gerade Drehtermine oder andere Verpflichtungen haben. Ein Besuch im Büro der Chefin des Theatertreffens, gewissermaßen im Zentrum des Organisations-Orkans.

„tt dispo“ steht ganz oben auf der Tafel, horizontal darunter Aufführungsorte wie Haus der Berliner Festspiele, Kassenhalle, Bar und externe Orte. Vertikal auf der linken Seite eine Datumsleiste, die vom 6. bis 21. Mai reicht – in diesem Zeitraum findet das diesjährige Theatertreffen statt. Am 13. April wird der Spielplan veröffentlicht, am 22. April startet der Vorverkauf.

„Die Räuber“ kommen nicht, weil die Technik in Berlin fehlt

„Bis der Flyer rauskommt, sollte alles stehen“, sagt Yvonne Büdenhölzer. Das ist eine große logistische Herausforderung, die Anfang Februar beginnt. Nämlich dann, wenn die siebenköpfige Kritikerjury die zehn bemerkens­wertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum ausgewählt hat. An der entscheidenden Schluss­sitzung, die oft so lang ist wie eine Inszenierung von Frank Castorf, nimmt Büdenhölzer teil. Zur Diskussion stehen dann zwei bis drei Dutzend Inszenierungen, im Idealfall hat die Theatertreffenleiterin sie alle gesehen. Und kann einschätzen, was schwierig werden könnte. Was aber, darauf legt sie viel Wert, keinen Einfluss auf die Auswahl habe.

So wie bei „Die Räuber“. Vor zwei Wochen mussten die Festspiele mitteilen, dass die am Münchner Residenztheater herausgekommene Inszenierung von Ulrich Rasche nicht live beim Theatertreffen gezeigt werden kann. Das Bühnenbild sei technisch zu anspruchsvoll, hieß es. „Es gibt in Berlin nur ein Theater“, erläutert Yvonne Büdenhölzer, „das über“, sie schaut in ihre Unterlagen, „eine Zylinderdrehbühne mit Versenkeinrichtung verfügt“: die Volksbühne. Weil aber die Hubpodien dort andere Maße haben, hätte das Bühnenbild nicht eins zu eins eingebaut werden können. Rasche platziert seine Akteure auf riesigen Laufbändern, die wie Panzerketten rotieren, sich gen Himmel heben und gen Abgrund neigen. Zehn Tage hätte man die Volksbühne zur Verfügung haben müssen für Einrichtung, Proben, zwei Vorstellungen und den Abbau. Weil sich aber das Haus von Frank Castorf gerade in der Abschiedssaison befindet und deshalb einen eng getakteten Spielplan hat, ließen sich die „Räuber“ nicht realisieren.

Dabei hätten sie dort so schön hingepasst. Schließlich begann die Ära Castorf Anfang der 90er-Jahre mit einer maßstabsetzenden Inszenierung von eben diesem Schiller-Drama. Stattdessen gibt es jetzt am letzten Tag des Festivals als Preview eine Fernsehaufzeichnung von 3sat im Festspielhaus, in Anwesenheit des Ensembles und anschließender Party, also genauso wie bei den anderen eingeladenen Werken.

Die Absage einer Aufführung kommt gelegentlich vor. Als Christoph Marthaler 2008 im „Hotel Waldhaus“ in Sils-Maria ein Stück inszenierte, konnte man sich die Aufführung ebenfalls nur am Ort der Entstehung ansehen.

Eine Halle in Schöneweide als Aufführungsort

Bei einer anderen Produktion hat die Transformation dagegen geklappt: „Die Borderline Prozession“, eine Musik-, Kunst-, Theater- und Filminstallation vom Schauspielhaus Dortmund unter der Regie von Kay Voges, wird beim Theatertreffen in den Rathenau-Hallen in Schöneweide im Südosten der Stadt gezeigt. Vier Wochen dauern die Aufbauarbeiten. In Dortmund kam die Inszenierung, die in einem Zehn-Zimmer-Gebäudekomplex spielt, im ehemaligen Megastore des örtlichen Fußball-Bundesligisten heraus.

Aber nicht nur Locations, auch die Beteiligten beeinflussen die Spielplangestaltung. So dürfen die Kinder, die in Milo Raus „Five Easy Pieces“, einem Theaterstück über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux, auf der Bühne stehen, wegen der Schulpflicht nur sonnabends und sonntags auftreten. Die Produktion wird deshalb nicht hintereinander, sondern an zwei Wochenenden gezeigt.

Am schwierigsten ist natürlich die Eröffnung des Festivals. Ein Aberglaube besagt: So wie der Auftakt läuft das ganze Festival. „Ich sitze im Saal und warte bange auf die Art des Schlussapplauses“, sagt Büdenhölzer. Eine „Setzung“ zu Beginn, das wünscht sie sich. Schließlich sitzen viele geladene Gäste im Zuschauerraum, Politiker, Intendanten, Schauspieler – die Erwartungen sind hoch. Diesmal sind die Voraussetzungen gut, die Leiterin hat das Stück, das sie sich im Februar als Eröffnung gewünscht hatte, auch bekommen: Mit den „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow geht es los. Regisseur Simon Stone hat die dramatische Struktur und die Figurenkonstellationen beibehalten, die Handlung in die Gegenwart versetzt – und die Dialoge neu geschrieben. Tschechow reloaded.

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