Theatertreffen 2017

Klassische Stücke haben beim Theatertreffen kaum eine Chance

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Stefan Kirschner
Carol Schuler, Werner Eng und Axel Wandtke (v.l.) in „Pfusch“ an der Volksbühne

Carol Schuler, Werner Eng und Axel Wandtke (v.l.) in „Pfusch“ an der Volksbühne

Foto: imago stock / imago/Martin Müller

Klassische Stücke sind die Ausnahme, Performances und Überschreibungen dominieren das Berliner Theatertreffen 2017.

Eine Pressekonferenz ist keine Unterhaltungsveranstaltung. Aber bei der Vorstellung der aus 377 Inszenierungen ausgewählten zehn Produktionen, die zum Berliner Theatertreffen 2017 eingeladen werden, hätte es schon etwas heiterer zugehen können. Humor freilich scheint nicht zu den prägenden Eigenschaften der siebenköpfigen Kritikerjury zu gehören. Das legt auch die Begründung der Auswahl nahe, in der von „Gottesdienst“, „heiligem Ernst“, „Requiem“, „Wende-Oratorium“ und „Rosenkränzen“ die Rede ist, von der „Würde der Leidenden“, „Stilübungen in der Kunst des Scheiterns“ und einer „Meditation zur allgemeinen Weltverwirrung“.

Zugegeben, die Verfasstheit der Welt ist nicht die beste – war sie das überhaupt schon mal? – und die Sehnsucht eines Teils des Publikums nach großem Schauspielertheater und klassischen Stücken muss man als unabhängige, neuen Ästhetiken und dem Zeitgeist verpflichtete Jury nicht berücksichtigen. Möglicherweise wird man in fünf Jahren sagen, wie vorausschauend diese Auswahl war, wenn landauf, landab die eingeladenen Regisseure, Kollektive und Konzepte die Spielpläne dominieren. Aber wenn die Auswahl als gute Mischung bezeichnet wird, wie das Festspiele-Intendant Thomas Oberender am Dienstag bei der Vorstellung getan hat, dann darf man schon eine Bühne wie das Wiener Burgtheater vermissen.

Die Tschechow-Dialoge neu verfasst

Oder die Münchner Kammerspiele, die eigentlich ins Beuteschema gepasst hätten. Intendant Matthias Lilienthal hat dort mit neuen Darstellungsformen für einen handfesten Theaterstreit in der bayrischen Landeshauptstadt gesorgt. Eingeladen wurde das Residenztheater. Mit einem Klassiker, dem einzigen der diesjährigen Auswahl: Schillers „Die Räuber“ hat der erstmals zum Theatertreffen eingeladene Ulrich Rasche inszeniert, an diesem „opernhaften, düsteren Abend verdichten sich die Durchbruchsfantasien und die Kritik der Instanzen, die Schillers ProtagonistInnen entflammen, zum apokalyptischen Mahnmal“, so die Begründung der Einladung.

Das Hamburger Thalia Theater ist mit der Dramatisierung des Storm-Romans „Der Schimmelreiter“ dabei, den Johan Simons laut Jury „düster und repetitiv“ inszeniert hat, „da gibt es nichts zu lachen“. Und die Volksbühne ist vertreten mit Theatertreffen-Darling Herbert Fritsch und seinem „Pfusch“, einem virtuosen Abend, dem die Jury sogar einen Kalauer gönnt: „Fritsch weiß wie kein Zweiter: ,Timing ist kein Ort in China’“.

Die sieben anderen Produktionen für das 54. Theatertreffen, das vom 5. bis 21. Mai stattfindet, stammen aus Städten, die seltener eingeladen werden wie das Schauspiel Dortmund. Kay Voges stellt in Berlin seine multimediale Installation „Die Borderline Prozession – Ein Loop um das, was uns trennt“ vor. Über dem „atmosphärischen Stillleben“ liegt ein „Musik-Medley und Zitatengewitter“, so die Jury.

Aus Leipzig kommt Claudia Bauers sich mit der Wende auseinandersetzende Inszenierung „89/90“ nach dem Roman von Peter Richter. Das Staatstheater Mainz gastiert mit „Traurige Zauberer“ von Thom Luz, der es auch auf die Bühne gebracht hat. Regisseur Ersan Mondtag stellt sein gemeinsam mit Olga Bach erarbeitetes Werk „Die Vernichtung“ vor, eine Produktion des Konzert Theater Bern. Ebenso wie Mondtag – und natürlich Fritsch – war auch Simon Stone bereits im Vorjahr dabei, er bringt „Drei Schwestern“ (Theater Basel) mit, „eine der radikalsten Tschechow-Überschreibungen“, so die Jury. Die Dialoge hat Stone komplett neu geschrieben. Der Schweizer Regisseur Milo Rau ist mit seiner internationalen Koproduktion „Five Easy Pieces“ vertreten, die Sophiensäle in Berlin waren ein Partner. Und die britische Künstlergruppe Forced Entertainment um Tim Etchells, das Berliner HAU ist einer der Koproduzenten, zeigt „Real Magic“.

Die aus der Auswahl abzulesenden Trends könnten lauten: Regisseurinnen hatten ein schlechtes Jahr (nur eine ist dabei), die Stadttheaterszene lebt, klassische Stücke interessieren junge Regisseure weniger, angesagt sind Überschreibungen oder Performances – und ohne Loops geht’s kaum.