Gewissermaßen ist dies das Stück zur Stunde: In Friedrichshain-Kreuzberg sollen die Bewohner darüber abstimmen, ob in den bezirklichen Kantinen und Mensen demnächst auch ein veganes Menü angeboten werden muss. Vor ein paar Jahren noch von der fleischessenden Mehrheitsgesellschaft zunächst belächelt, gibt es mittlerweile in Berlin vegane Supermärkte und Restaurants. Und jetzt mit "Einfach tierisch" auch eine Komödie zum Thema, das die Gesellschaft bewegt.
Besonders Familien, in denen der Impuls zu einer Auseinandersetzung nicht selten von den Kindern kommt. So auch auf der Bühne des Schlosspark Theaters. Jacqueline von Klickel ist eine erfolgreiche Anwältin, ihr Sohn Hans-Dieter (Marc Laade im Mink-de-Ville-Outfit) gibt den devoten Assistenten. Sie ist das Oberhaupt der Familie, der Hartz IV so fremd ist wie einem Metzger Tofu.
Sie haben kein Problem damit, Tiere zu essen. Im Wohnzimmer hängen Jagdtrophäen, auf dem Boden liegt ein Tigerfell samt Kopf - und ja, die Einladung zur Stolpernummer à la "Diner for one" nimmt Mario Ramos als haushütender, kochender und servierender Ehemann dankbar an – und sorgt für einen der zahlreichen Lacher in dieser knapp zweistündigen Inszenierung von Thomas Schendel: Der Regisseur bringt die Komödie auf Temperatur, wirft ein paar fette Klischees in den Topf und bereitet daraus eine flotte Farce.
Fleischlos für die Fischers
Der Familientrott wird gestört durch die 25-jährige Tochter Christine, die Soziologie studiert und noch zu Hause wohnt. Sie will unbedingt an einem humanitären Hilfsprojekt in Afrika teilnehmen, das die Eltern eines Freundes leiten. Deshalb lädt sie dessen Familie zum Abendessen ein. Einziges Problem: Die Fischers sind nicht nur Gutmenschen, sondern auch Hardcore-Veganer. Nicht nur das Wohnzimmer muss umdekoriert werden. Für den emotionalen Moment besorgt Christine (Teresa Schergaut) auch noch ein taubblindes Zwergkaninchen.
Daria Kornysheva (Bühne und Kostüme) hat die offenbar spaß- und lustfeindlichen Veganer in Rollkragenpullover und in bis zum obersten Knopf geschlossene Hemden gesteckt. Der Plan der Gastgeber, in puncto Sozialengagement und Ablehnung alles Fleischlichen die Fischers zu übertrumpfen, scheint aufzugehen.
Auch wenn Jacqueline von Klickel (eine Paraderolle für Marion Kracht) in ihrer egofixierten Art mächtig dick aufträgt und dabei die Gäste auch noch als Familie Hase bezeichnet. Aber dann kommt Marie Fischer (Anne Rathsfeld als personifizierte Lustfeindlichkeit) mit der Gabel an die Eiernudeln – ein Fauxpas des Kochs – und bekommt einen heftigen, pseudoallergischen Anfall.
Es kommt es, wie es genrebedingt kommen muss: Die Fischers können nicht mit dem Rad nach Hause fahren, sie übernachten im Gästezimmer. Eine Nacht des Coming-outs. Erst offenbart sich Sohn Rudolf Fischer Christine. Später, hungerbedingt, Vater Fischer (Oliver Nitsche) der Hausherrin und am nächsten Morgen gibt es dann das große Finale mit einem tollen Schluss – und einem akustischen Gastauftritt des Hausherren Dieter Hallervorden. Der hat "Einfach tierisch" in Paris entdeckt, übersetzt und "Nelson", so hieß das Stück von Jean Robert-Charrier im Original, als deutschsprachige Erstaufführung an sein Schlosspark Theater geholt. Eine Entdeckung.
Schlosspark Theater: Schlossstraße 48, Berlin-Steglitz, nächste Vorführungen 24. bis 28. Oktober, Tickets sowie weitere Informationen unter http://schlosspark-theater.de/








