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Aus der Liebe zum Buch

Es ist eine Institution des Berliner Westens: Seit 40 Jahren gibt es die Autorenbuchhandlung am Savignyplatz. Ein Besuch

Christian Dunker muss ein Gedächtnis wie ein Elefant haben. Natürlich vergisst auch er mal Details, sagt er. Meist dann, wenn ihn der Stoff nicht genug packt. Die Bücher aber in der Autorenbuchhandlung, die vor 40 Jahren in Charlottenburg gegründet wurde, dort, wo der 45-Jährige arbeitet, sind eigentlich nur jene, die in irgendeiner Form Besonderes bei ihm hinterlassen haben.

Der Buchhändler steuert also jedes Mal zielstrebig auf ein Buch zu, nimmt es in die Hand, liebevoll und doch bestimmt, und erzählt seinem interessierten Gegenüber völlig frei darüber. Auch davon, was der Autor oder die Autorin dieses Romans so speziell macht, wie die Sprache klingt und wieso man die Worte lesen sollte.

Ein begeistertes Nicken lässt ihm aber kaum Ruhe. Vielleicht gibt es da noch eine passendere Geschichte? Er schreitet weiter zum nächsten Buch und erzählt wieder voller Ruhe bei gleichzeitigem Enthusiasmus wie zuvor vom Plot und dem Drumherum. Meist drei, vier Mal geht das so, dann lässt er den Kunden seine kurzen, aber scharf getroffenen Inhaltsangaben verdauen.

Man könnte stundenlang nur so dasitzen und Dunker dabei beobachten, wie er sich leichtfüßig durch das Geschäft im Else-Ury-Bogen bewegt. Wie er aus den Büchern zitiert und seine Sätze fast wie in einem Hörbuch formuliert. Wie klar und entspannt er von Protagonisten erzählt, von Kontexten und Lebensumständen, ohne auch nur in einem Augenblick zu viel zu verraten.

Es gibt kaum eine Situation, in der jemand ohne Buch aus dem Laden geht. Es ist ja auch so: Lust kann anstecken, auch die auf ein Buch. Dunker jedenfalls kann das gut, jemandem eines schmackhaft machen. Mit packender Attitüde redet er, ganz ohne dabei aufdringlich zu wirken. Immer bedacht darauf, was wohl die Stimmung seines Gegenübers gerade treffen könnte. „Es ist ähnlich wie in einem Klamottenladen: Einer breiten Person würde ich auch kein quer gestreiftes Oberteil empfehlen.“ Nur dass da die Optik deutlich schneller verrät, was so passt.

Anders als in den sogenannten Kulturkaufhäusern wird hier, furchtbar pathetisch gesprochen, die besondere Liebe zum geschriebenen Wort deutlich. Das liegt eben auch daran, dass Dunker und seine Kollegen, die Besitzer der Autorenbuchhandlung Joachim Fürst und Marc Iven sowie Kollegin Katharina Schwarze, so ziemlich jedes Buch im Laden selbst gelesen haben. Was man in großen Betrieben nicht von jedem Mitarbeiter erwarten kann. Allein schon wegen der überbordenden Auswahl nicht.

Hier aber ist sie persönlich und bewusst kuratiert. Neben dem klassischen Literaturkanon gibt es deshalb nicht zwingend jeden Bestseller, der sich in Listen auf den obersten Rängen platziert, weil er am meisten verkauft wurde. Alles ist deutlich zwangloser, schöngeistiger. Das ist grob gezeichnet die Philosophie der Autorenbuchhandlung.

Im September 1976 wurde diese Form der Buchhandlung, die sich auch noch 40 Jahre danach gegen das Gewohnte stemmt, in der Charlottenburger Carmerstraße eröffnet. Damals gab es im Westen der Stadt 144 Buchhandlungen, heute sind es 95, und 50 im ehemaligen Ostteil. Wie der Name sagt, wurde sie von Autoren selbst gegründet. Solche wie Heinrich Böll, Elfriede Jelinek, Günter Grass und andere waren es, die sich damit gegen Großkonzerne des Buchgeschäfts und das schnelllebige Konsumentenverhalten wehren wollten.

Die Autorenbuchhandlung ist deshalb so interessant, weil sie noch immer ein Zeichen gegen das Verramschen von Literatur setzt. Sie stellt sich gegen die Ausdünnung der Sortimente in Buchläden, die sich weniger um eine geschätzte als viel- mehr um eine leicht verkäufliche Auswahl bemüht. Damit haben sich die Gründer einen eigenen Ort erschaffen, um genau das in die Welt zu tragen, was sie selbst beeindruckt, inspiriert, unterhält. Es gilt, immer das Besondere unter all den Veröffentlichungen herauszufiltern.

Zunächst leisteten die Schriftsteller eine einmalige finanzielle Einlage und brachten ihre eigenen Titel ein. Außerdem machten sie die Buchhandlung zu einem Veranstaltungsort für Lesungen, womit eine Art neuer Salonkultur entstehen konnte. Eine, die Leser, Autoren und auch die Buchhändler stark miteinander vernetzte. Ein kultureller Austausch unter Gleichgesinnten.

„Heute würde man dazu vielleicht ‚Think Tank‘ sagen“, sagt Dunker. Weil hier zu einem bestimmten Thema Menschen zusammenkommen und miteinander Sachverhalte diskutieren, im Bestfall mit Lösungsansätzen. Auch jetzt ist das noch so, vor allem in Form der Lesungen, bei denen Fürst, Iven und Dunker meist Schauspieler einladen, die gemeinsam mit dem jeweiligen Verfasser oder alleine aus einem Buch lesen. „Wir alle haben schon früh während der Lektüre eine Stimme, eine Tonlage im Kopf – danach suchen wir uns dann den Lesenden aus.“

Das kann Katja Riemann sein, die aus der Anthologie von Joachim Sartorius liest oder Devid Striesow aus einem Roman Philipp Meyers. Aber auch der Fotograf Jim Rakete erzählt mal mit Gero von Boehm von Begegnungen mit Menschen aus Kunst und Kultur.

Helma von Kieseritzky und Thomas Kühne gründeten damals nach Münchner Vorbild diese sich von der Masse abhebende Buchhandlung. Dort und in Frankfurt, wo sich ebenso Autoren zusammentaten und gemeinsam eine Autorenbuchhandlung eröffneten, sind sie allerdings kaum mehr existent. Jedenfalls nicht in der Intensität und Größe wie in Berlin.

Dunker, das merkt man, ist stolz darauf. Auch dass er und die Kollegen so stark involviert sind, dass sie mit ihrer Tätigkeit ernst genommen werden innerhalb der intellektuellen Szene. Dass zu ihrem weiten Bekanntenkreis Namen wie Friedrich Christian Delius oder Péter Esterházy gehören. „Loriot, einer der Mitbegründer damals, kam mal zu uns und sagte: ‚Bei euch ist es aber lustig!‘ Und das von dem König des Humors“, erzählt Dunker fast etwas beseelt. Sie ehrt es auch, dass Diane von Fürstenberg ihre Einladung annahm, um mit ihnen über Literatur zu sprechen. Dass manche Autoren zu ihnen kommen, um ihnen Lese­proben zu geben. Oder sie ihre Agenten in der Kaffeebar der Buchhandlung treffen. Da sind Zugehörigkeit, Akzeptanz und Vertrauen.

Vertrauen hatten 2008 auch von Kieseritzky und Kühne in ihre Nachfolger Marc Fürst und Joachim Iven, die ihnen schon seit Mitte der 90er-Jahre als Buchhändler aus der Akademie der Künste bekannt waren. Sie wussten, wie sie mit Büchern umgehen und empfanden sie als würdige Erben. Seitdem sorgen sie mit Dunker für ein Literaturverständnis in der heutigen Zeit, ohne dabei in Bücklingsgesten zu verfallen. Auch wenn die Aufgabe, das Hinterlassene würdig weiterzuführen, eine große Herausforderung war und bis heute ist.

Dunker ist es wichtig zu betonen, dass sie zu dritt vor allem daran gearbeitet haben, die Schwellenangst abzubauen, die viele empfinden, weil sie vielleicht nicht intellektuell genug seien. Nur sind Bücher ja für alle da. „Und ob man sich für haptisches oder digitales Lesen entscheidet, ist dabei völlig egal“, sagt Dunker.

Genauso sind auch die Lesungen, die sie regelmäßig organisieren, für jeden da. „Niemand braucht hier eine Klubzugehörigkeit, um daran teilzunehmen oder muss sich darauf vorbereiten und geht mit einem Seminarschein nach Hause.“

Knapp vier Jahre nach der Übernahme kam der Umzug in den Else-Ury-Bogen am S-Bahnhof Savignyplatz. Das daran anschließende Literaturcafé und die Papeterie kamen dazu. Mittlerweile erstreckt sich die Buchhandlung auf drei S-Bahnbögen.

Während Dunker das Vordergründige macht, kümmert sich Fürst um alles, was mit Zahlen zu tun hat, und Iven zusammen mit Schwarze um das, was backstage geklärt werden muss: Bestellungen, Sortiment. Und dann sind da noch die Barista Katja Priesnitz und die zwei Beagle, Tilda und Emily. Weiß, flauschig und ziemlich langsam auf den Beinen. Vielleicht färbt ihr Müßiggang auf einen ab, weshalb man sich gerne für ein paar Minuten länger in der Buchhandlung verliert und manchmal kurz auch die Zeit vergisst.

Dunker hat übrigens nicht immer so viel gelesen wie heute, sagt er. „Es gab auch Phasen, als anderes wichtiger war.“ Er denkt an seine Pubertät. Mittlerweile aber lesen er und die anderen ständig. Wie bitte behält man da den Überblick? „Oft helfen mir Cover und Titel, mich zu erinnern“, sagt er. Sein Gedächtnis ist sozusagen sein Handwerk. Während eine Fabrikarbeiterin genau weiß, wie weit sie ihren Arm bei jedem einzelnen Handgriff ausstrecken muss, weiß seine Kognition, welche Schublade in seinem Kopf, welchen Inhalt lagert, um ein Buch inhaltlich zusammenzufassen.

In diesen Augenblicken seines Alltags als Buchhändler schlägt er jedes Mal persönliche Brücken zu potenziellen Lesern. Man kann ihm dabei gar nicht nicht zuhören. Gerade weil er nicht alles stumpf herunterbetet, als hätte er nur auswendig gelernt. Vielmehr gibt er einem den Inhalt wieder, als hätte auch er eine spezielle Verbindung dazu. Schließlich weiß er ja auch, wovon er spricht. Das tut er immer wieder so, als würde er zum ersten Mal berichten, wie lesenswert jenes Buch ist. Nur mit ein paar wenigen Stichworten, die ihm vom Kunden hingeworfen werden, versucht er für denjenigen die bestmögliche, die idealste Erzählung aus den Bergen an literarischen Veröffentlichungen zu fischen.

Manchmal, sagt Dunker, lese er ein Buch auch nicht zu Ende. „Es darf ruhig Arbeit sein, aber nicht quälen“, findet er. Ob eins gut ist, macht er daran fest, ob man sich in der eigentlich unwirklichen Realität während des Lesens verliert. Dann, wenn man nicht mehr hinterfragt, was sich da auf den Seiten ergibt und es tatsächlich spürt. „Als würde man eine Schneekugel noch mal schütteln und alles neu justieren“, sagt er.

Sobald sich dann gravierende Fehler einschleichen, wird man sofort rausgeworfen. „Wenn zum Beispiel Hamburger in einer Zeit serviert werden, in der es so ein Essen noch nicht gab oder Städte falsch verortet werden.“ Dann fühlt man sich gehemmt, wirklich zu glauben, was man da liest. Schlecht recherchiert, nicht durchdacht genug. Dunker prüft ein Buch damit immer auf seine Lebens- und Überlebensfähigkeit. Ob eine Person durch das Buch marschiert, ohne dass ihr die Beine wegbrechen oder ob sie schon auf den ersten Seiten reanimiert werden muss.

Für ihn fühlt sich das geschriebene Wort etwa wie Musik an: „Manchmal fallen einem Melodien ein, einfach so.“ Genauso fallen ihm, dem Buchhändler, der sich immer und überall mit Geschichten auseinandersetzt, Textzeilen ein, die er entweder direkt zuordnen oder sich den ganzen Tag ärgern kann, dass es ihm nicht einfallen will.

Zu den meisten der Kunden hat Dunker eine Art Beziehung durch die Zeit hinweg aufgebaut, denn die meisten kommen nicht nur einmal. Er selbst sieht sich stellenweise als Lebensbegleiter. „Weil wir teilweise ins Vertrauen gezogen werden, wenn auch oft nur unbewusst und indirekt.“

Wie soll man das verstehen? „Wenn Paare plötzlich getrennt voneinander einkaufen. Oder wenn häufig nach Themen wie Trennung oder Verlust gesucht wird, kann man sich denken, was los ist.“

Kunden nämlich nehmen sich oft selbst mit ins Buch und manchmal, und das findet er besonders spannend, bricht ein Inhalt sogar etwas aus den Personen heraus – ganz unerwartet. Weil Bücher helfen und manchmal sogar heilen können.

Autorenbuchhandlung Berlin, Else-Ury-Bogen 600-601. Tel.: 313 01 51. Geöffnet: Mo.–Fr. 10.30 –20 Uhr, Sa. 10–19 Uhr.

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