Musical in Berlin

"Sister Act", der Käfig voller Nonnen im Theater des Westens

Jeder kennt den Film mit Whoopi Goldberg. Jetzt gibt es „Sister Act“ auch in Berlin. Mit tollem Disco. Doch die Pointen zünden nicht.

Deloris (Aisate Blackman, v.l.) bringt den ganzen Chor durcheinander. Die Mutter Oberin (Daniela Ziegler) verzweifelt

Deloris (Aisate Blackman, v.l.) bringt den ganzen Chor durcheinander. Die Mutter Oberin (Daniela Ziegler) verzweifelt

Foto: Rainer Jensen / dpa

Um das nur gleich zu sagen: „I Will Follow Him“ wird hier nicht gesungen. Nicht dass hinterher jemand enttäuscht ist. Die Handlung von „Sister Act“ zu erzählen, ist wohl überflüssig. Jeder kennt den wunderbaren Film, in dem Whoopi Goldberg als Nachtclubsängerin Zeugin wird, wie ihr Geliebter einen Mord begeht, sie gegen ihn aussagen soll und bis zum Prozess untertauchen muss – in einem Kloster.

Bestmöglicher Ort, weil sie hier keiner vermuten würde. Schlimmstmöglicher Ort, weil die unangepasste, freizügige Deloris van Cartier hier permanent gegen den strengen Regel- und Moralkodex verstößt. Und als einzige schwarze Frau unter lauter Nonnen in schwarzen Kutten auch einsam hervorsticht. Am Ende aber sangen sie alle in trauter Eintracht jenes „I Will Follow Him“.

Der Film war 1992 so erfolgreich, dass schon ein Jahr später eine Fortsetzung folgte, die aber nicht ans Original heranreichte. Dennoch wird derzeit ein dritter Teil entwickelt – auch wenn Whoopi Goldberg schon 2014 bekannt gab, dabei nicht mehr mitzumachen. So ganz ohne Nonnenkutte kann sie aber auch nicht. 2006 hat sie das gleichnamige Musical mitproduziert. Das folgt dem Film in bekannter Manier. Mit zwei entscheidenden Veränderungen.

Die Musik stammt von Alan Menken, dem mehrfach oscar-gekrönten Disney-Komponisten, der seine Scores zu Trickfilmen wie „Die Schöne und das Biest“, „Der Glöckner von Notre Dame“ und „Arielle, die Meerjungfrau“ später alle zu Musicals umformte. Nur stammte der Soundtrack von „Sister Act“ eben nicht von ihm. Das macht das Musical schon mal zu etwas Neuem, Eigenständigem. Es wäre rechtemäßig aber wohl auch ziemlich teuer geworden, die Originallieder zu übernehmen. Selbe Story also, aber neuer Sound.

Deshalb hat man das Stück auch von Reno 1991 ins Philadelphia des Jahres 1978 verfrachtet. Willkommen in der Disco-Ära. Das macht gleich fetzig Tempo, wenn Aisata Blackman als Deloris mit zwei Sängerinnen den Eröffnungssong „Zeig mir den Himmel“ hinlegt, als wären sie Donna Summer und die Supremes. Discokugel inklusive. Im Konvent prallen dann Welten aufeinander: Sex-Appeal und Zügellosigkeit gegen Keuschheit und Enthaltsamkeit, Disco gegen Choral.

Der Chor klingt erst mal grauenhaft, die Nonnen, die alle auf den Namen irgendeiner Mary hören, singen so herzallerliebst falsch dass es Szenenapplaus gibt. Die pummelige Schwester Mary Patrick (Maren Somberg) mit dem quirligen Temperament und die schüchterne Mary Robert (Abla Alaoui) mit der großen Stimme sind dabei fast film-identisch gecastet. Beim Chor kehrt sich der Spieß dann um. Hier ist es Deloris, die der Singeschar Disziplin und Einklang beibringen muss. Es geht also um die Schule des Singens: Ein genuines Thema für ein Musical.

Im Gegensatz zum Film singen aber nicht nur die Nonnen. Die anderen dürfen auch. Allen voran die Mutter Oberin. Maggie Smith durfte im Kino nur böse gucken, Daniela Ziegler aber – die die Rolle schon bei der deutschen Erstaufführung in Hamburg spielte und der einzige Star in dieser Produktion ist – singt gewaltig gegen den frischen Wind in ihrer Kirche an. Um sich dann doch, zur Gaudi für alle, irgendwann tamzend einzureih’n.

Singen darf auch der Polizist (Gino Emnes), der Deloris versteckt und hier gar in sie verliebt ist: Er bekennt seine heimliche Liebe als souligen Mix aus „Shaft“-Soundtrack und Marvin-Gaye-Ballade. Und die drei Schergen des Gangsterbosses geben treffliche Einlagen in Jackson-Five-Manier. Am Ende kann der Chor nicht nur himmlische Gospels schmettern, die Nonnen dürfen dann auch Glitter auf ihren Kutten tragen, die Discokugel kreiselt selbst in der Kirche. Und der Dirigent Shay Cohen gibt als Papst aus dem Orchestergraben seinen Segen.

Nonnen gab es beim Musical bisher nur in „Non(n)sens“. Mit „Sister Act“ kommt nun ein zweites Stück dazu. Leider, leider aber hat Alan Menken dafür nicht so eingehende Hits gefunden wie in seinen früheren Musicals. Außer „Zeig mir den Himmel“, der noch mal als großer Gospelchor wiederholt wird, bleibt nichts recht im Ohr hängen, was man noch in der U-Bahn auf dem Heimweg vor sich hinsummen würde. Und die deutschen Liedtexte wollen auch nicht so recht zu den Gospels und dem Discosound passen.

Geradezu platt aber sind die Dialoge dazwischen. Der Witz will dabei nicht immer recht zünden. Und das ist die eigentliche Krux dieses Abends: Aisata Blackman ist zwar eine kraftvolle Soulsängerin mit großer Ausstrahlung. An Witz kann sie aber Whoopi Goldberg in keiner Weise das Weihwasser reichen. Und weil das Deutsch nicht die Muttersprache der Niederländerin mit karibischen Wurzeln ist, verschleppt sie auch noch ein paar Pointen. So ganz himmlisch ist dieser Spaß am Ende deshalb doch nicht geraten.

Stage Theater des Westens, Kantstr. 12. Tel.: 0180 5 4444. Termine: Di., Do., Fr. 19.30 Uhr, Mi. 18.30 Uhr, Sbd./So. 14.30 und 19.30 Uhr. Bis 25. Februar 2017.