Konzert

„Eine Familie ist wie ein Kleinunternehmen“

Anna Loos und Ritchie Barton gehen mit der neuen Platte von Silly auf Tournee – Ein Gespräch über Alltag, Politik und Bananen.

Demnächst auf Deutschland-Tournee: Schauspielerin und Sängerin Anna Loos und Bandkollege Ritchie  Barton

Demnächst auf Deutschland-Tournee: Schauspielerin und Sängerin Anna Loos und Bandkollege Ritchie Barton

Foto: Reto Klar

Anna Loos ist eine Frau der klaren Ansage. 20 Minuten hätten wir für unser Gespräch über Sillys Deutschland-Tour mit dem neuen Album „Wutfänger“. Punkt. Ganz klar, der Tag der Schauspielerin, Sängerin und Mutter zweier Kinder ist straff durchorganisiert. Bandkollege Ritchie Barton sitzt neben ihr und lässt sie machen. Ab kommenden Freitag ist die Band unterwegs, am 20. November spielt sie in der Berliner Columbiahalle. Wir trafen die beiden zum Milchkaffee vorab im Büro der Plattenfirma Universal.

Als ich den Song „Wutfänger“ hörte, ging es mir so, dass ich sofort „Wutbürger“ assoziierte. Wie politisch will Silly denn sein mit den Songs?

Anna Loos: Mit Wutbürger hat Wutfänger nun gar nichts zu tun. Ein Wutfänger ist jemand, der die Wut fängt. Es geht um Extremismus – und der existiert schon seit vielen Jahrzehnten. Ich wehre mich dagegen, eine Bedienungsanleitung zu den Songs zu geben. In jedem Kopf passiert etwas anderes, aus jedem Liebesbrief macht ja auch jeder etwas anderes.

Ritchie Barton: Die Songs sollen die Fantasie des Zuhörers beflügeln.

Den Großteil der Texte haben Sie geschrieben. Wie stelle ich mir das vor, eine Anna Loos zu Hause am Küchentisch, die schreibt?

Loos: Ja, am Küchentisch sitze ich auch mal. Wir arbeiten eng zusammen, das haben wir bei „Alles Rot“ schon versucht. Doch dann habe ich gesagt, bei meinem ersten Album konzentriere ich mich lieber auf das Singen. Ich habe im Keller ein kleines Studio, da sitzen wir oft die Nächte durch. Bei gutem Wetter geht es auch mal auf die Terrasse, mal ins Wohnzimmer. Oder wir sitzen bei Ritchie zu Hause am Klavier. Am Ende landen wir natürlich im Studio, dort wird produziert.

Barton: Beim „Wutfänger“-Album sind Text und Musik wirklich parallel entstanden und nicht wie bei den Vorgängeralben nacheinander.

Wie schaffen Sie, Frau Loos, den Spagat zwischen Schauspielerei, Musikmachen und Familie? Zumal Ihr Ehemann Jan Josef Liefers auch oft unterwegs sein dürfte?

Loos: Manchmal leidet das eine unter dem anderen, klar, meistens leidet allerdings mein Schlaf. Aber meine Mutter hat es auch geschafft, sie kommt aus dem Osten, war Oberschwester, hatte zwei Kinder, ein Haus und einen Haushalt. Mein Vater hat viel gearbeitet. Ich sehe die Familie als Kleinunternehmen, das man organisieren muss. Und ich bin gut organisiert. Ohne unsere Eltern würde es wohl nicht gehen. Wenn wir beide weg sind, und nicht immer kann man nach Hause kommen, – dann müssen meine Eltern ran fürs Herz.

Im neuen Album klingen viele heiße Themen an wie Krieg, Missgunst, Geld, Abschied.

Loos: Es ist nicht so, dass wir uns konkrete Themen für das Album vornehmen. Wir verbringen viel Zeit mit reden. Wir sind ...

Barton: ...alles erwachsene Menschen ...

Loos: ...haben alle Kinder, auch kleine Kinder, haben den täglichen Alltagswahnsinn um uns herum und schauen uns die Welt an. Mittlerweile ist die Band auch wie eine Familie, wir reden über das, was uns beschäftigt, werten das aus, fragen, was der andere denkt. So kristallisieren sich unsere Themen.

Wie stark wird Politik denn bei Ihnen zu Hause diskutiert?

Loos: Schon sehr stark. Bei uns allen. Unsere Kinder gehen auf die internationale Schule, dort ist die ganze Welt versammelt. Wir sind anders aufgewachsen. In der DDR gab es das Problem, dass wir nicht reisen durften, Bananen gab es auch nicht. Heute haben die Kinder ganz andere Probleme. Dieser Satz „Es wird niemals Krieg geben in unserem Europa“ ist heute nicht mehr selbstverständlich. Natürlich gab es damals diese extreme Kalte-Krieg-Phase, da war es kipplig.

Barton: Doch da waren wir Kinder und konnten es nicht so realisieren. Heute macht man die Nachrichten an, egal ob im Radio oder Fernsehen, überall schlechte Nachrichten und die Kinder kriegen das alles mit.

Loos: Die Kinder sind viel mehr Einflüssen ausgesetzt als früher. Man muss ihnen viel erklären. Da mache ich mir als Mutter schon manchmal Sorgen, wo die Kinder da bloß reinwachsen.

Barton: Das schließt den Kreis zu der Frage, wie politisch wir sind und sein wollen. Wir leben in einer Zeit, wo so viele Fragen auftauchen, etwa wie es so weit kommen kann, dass die Welt so aus den Fugen geraten ist. Wenn wir als Band authentisch sein wollen, müssen solche Themen aufs Album.

Loos: Wir haben lange überlegt, ob „Kampflos“ die erste Single sein soll. Im Deutschrock gibt es fast keine politischen Themen. Da gibt es Songs über den Lieblingsmenschen. Songs, die die Leute hören, wenn sie ins Auto steigen und die Nachrichten ausgemacht haben, weil sie vergessen wollen. Doch wir wollten, dass das Album nicht auf Mainstream-Kompatibilität ausgerichtet ist, sondern das rauf kommt, was in uns drinsteckt.

Wird bei Ihnen zu Hause eigentlich häufig gesungen?

Loos: Ja, wenn wir Musik machen, ist das Teil des Lebens. Wir sitzen unten im Keller, also zu Hause, da lebt man dann mit Musik.

Barton: Bei uns auch, meine Frau singt im Chor. Alle Bandmitglieder-Kinder haben übrigens einen Part auf dem neuen Album. Sie waren mit uns im Studio und haben bei „Mona-Lisa“ mitgesungen.

Anna Loos, Sie haben vor der Schauspielerei immer schon Musik gemacht.

Loos: Ich wollte Musik studieren, wollte Opernsängerin werden, das war meine absolute Leidenschaft. Das hat nicht geklappt. Dann bin ich abgehauen aus dem Osten. Ich habe immer Musik gemacht, hatte Bands, aber nie so professionell. Als Silly vor über zehn Jahren auf mich zukam, dachte ich: Wahnsinn.

Waren Sie eigentlich Silly-Fan?

Loos: Tamara Danz und Silly waren in meiner Jugendzeit meine Helden. Und jetzt haben wir schon das dritte Album zusammen gemacht. Aber es braucht eine Zeit, bis eine Band sich in der neuen Konstellation zusammenschiebt.

Barton: Wir haben uns schon fast erschrocken, dass es zehn Jahre sind. Es fühlt sich an wie fünf oder sechs Jahre. In den ersten vier Jahren ging es noch nicht um das Songschreiben. Da ging es erst einmal darum eine gute Schwingung aufzunehmen, um authentisch sein zu können.

Silly ist für viele immer noch die alte Ostrockband. Dabei spielt Silly mit 20 Jahren mittlerweile länger im Westen als im Osten.

Loos: Ach, es stört nicht. Ich liebe den Osten, ich liebe Brandenburg, große Teile der Familie leben da noch. Ich bin sehr heimatverbunden. Die Zeit in der DDR – Ritchie wird das unterschreiben – hat uns auch im positiven Sinn geprägt. Im Gegensatz zum heutigen Optimierungswahn, schaffen wir es manchmal, uns zurückzulehnen und zu fragen: Was brauchst du tatsächlich zum Leben? Wer gehört dazu? Was bedeutet dieser luxuriöse Überfluss? Darüber muss man doch mal nachdenken. Ich bezeichne mich als Wossi, ich habe 17 Jahre im Osten gelebt, den Rest i Gesamtdeutschland.

Barton: Nach Tamaras Tod gab es zehn Jahre Pause. Die Texte unserer Songs im Osten waren sehr mit Metaphern angereichert, weil wir, was wir sagen wollten, an der Zensur vorbei jonglieren mussten. Heute schreibst du anders, machst anders Musik, bist direkter. Von Album zu Album findet dann eine kleine Häutung statt. Die Ostrocklegende tut nichts mehr zur Sache, die Zeit ist vorbei. Es gibt natürlich alte Fans, die bedauern, dass die Zeit vorbei ist.

Loos: Das sind dann oft diejenigen, die auch bedauern, dass die DDR längst vorbei ist.