Am Leipziger Platz

So zeigt das Berliner Spionagemuseum die Welt der Spionage

Auf 14 Stationen erfahren Besucher alles über das „zweitälteste Gewerbe“ - von der ersten ägyptischen Chiffre bis zu Edward Snowdon

Spionage ist ihre Passion: Kurator Franz-Michael Günther (l.) und Museumsdirektor Robert Rückel (r.)

Spionage ist ihre Passion: Kurator Franz-Michael Günther (l.) und Museumsdirektor Robert Rückel (r.)

Foto: Jörg Krauthöfer

Durch eine Wand aus 80 Monitoren, die Überwachungskamera-Straßenszenen aus London, New York, Moskau und aus Berlin simulieren, betreten Besucher eine Sicherheitsschleuse, die in das europaweit größte Spionagemuseum am Leipziger Platz führt. Auf insgesamt 14 Stationen erfahren sie anschließend alles über das „zweitälteste Gewerbe der Welt“, wie Kurator Franz-Michael Günter erzählt, „von der ersten ägyptischen Chiffre bis zu Edward Snowdon. Der jugendlich in Jeans und Sneakers gekleidete 50-Jährige beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit der Idee eines Spionagemuseums.

Sein enzyklopädisches Fachwissen und seine Leidenschaft für das Thema sind bei einem Rundgang durch die zwei Etagen der ehemaligen DB-Schenker-Verwaltung spürbar. Zu jedem der rund 300 Exponate weiß er eine spannende Geschichte. Zum Beispiel über den Nachbau einer Miniatur-Kamera in Micro-Batterie-Format, die vom US-Geheimdienst CIA für einen Topspion entwickelt wurde. „Das ist das einzige Exemplar auf der Welt!“ Wie sie funktioniert, wird in einem Videoclip erklärt. Oder ein paar Wanzenabsatz-Schuhe, die als angesagte Botschaftsempfangs-Fußbekleidung en vogue waren. In einen Absatz ist eine Wanze eingebaut, wie sie der sowjetische Geheimdienst KGB verwendete. Das Exponat wurde extra für 3000 Dollar in Chicago angekauft, dann wurde nachträglich von Spezialisten eine Wanze eingebaut. „Über 90 Prozent unserer Ausstellungsstücke sind Originalexponate“, erklärt Günther stolz.

Der ehemalige Fernsehjournalist, der für öffentlich-rechtliche Fernsehsender Dokumentationen und Sendungen produzierte, hatte schon früh sehr unangenehme Kontakte mit dem Geheimdienst der DDR. Mitte der 80er-Jahre stellte er nicht nur einen Ausreiseantrag nach West-Berlin, sondern verweigerte 1987 auch noch in Ost-Berlin den Dienst in der Nationalen Volksarmee. „Die Verhöre waren massiv, und die Überwachung kontinuierlich“, sagt er.

Kurz vor dem Mauerfall durfte er nach West-Berlin ausreisen

Ein Highlight der Ausstellung ist ein von der Stasi umgebauter Trabi, in dessen Türverkleidung Infrarot-Blitzgeräte mit extern ansteuerbarer Kamera für hochauflösende Fotos eingebaut wurden – Kosten der Überwachungstechnik: 215.000 DDR-Mark. Mit solchen präparierten Trabis wurden unter anderem Treffen der Friedenbewegung oder Dissidenten observiert. Mitte 1989 durfte Günther mit seiner Frau nach West-Berlin ausreisen. Seither hat ihn das Thema Spionage und Überwachung nicht mehr losgelassen. Vor zwölf Jahren hatte er zum ersten Mal die Idee eines Spionagemuseums. Berlin als Standort empfindet er bis heute als prädestiniert. „Nirgends sonst auf der Welt gab es derart viele Spionageaktivitäten. Und wir hatten durch den Zusammenbruch der DDR die Möglichkeit, sehr viele Kenntnisse über die Arbeit der Staatssicherheit zu erhalten.“ In der Ausstellung sind nun Exponate wie eine Streichholzschachtelkamera oder Koffer mit raffinierter Ausstattung zur Postkontrolle zu sehen. Eine eigene Sektion beschäftigt sich mit dem Thema „Stasi und Rote Armee Fraktion“.

Als ersten Standort für das Museum hatte sich Franz-Michael Günther die Villa Schöningen auf der Ostseite der Glienicker Brücke ausgesucht. Doch Axel-Springer-Vorstand Mathias Döpfner habe einen besseren Preis geboten. Danach gestaltete sich die Suche schwierig. Erst vor drei Jahren eröffnete sich eine neue Perspektive. Das „Spy Museum“ eröffnete, allerdings mit einem Preisgefüge, das Günther nicht mittragen wollte. Nachdem es auch vom Publikum nicht wie geplant angenommen wurde, übernahm im Juli eine neue Betreibergesellschaft das Museum. Franz-Michael Günther wurde zurück ins Team geholt, das Konzept in Richtung „Wahrnehmung eines Bildungsauftrags“ aktualisiert und die Eintrittspreise von 18 auf zwölf, ermäßigt acht Euro, reduziert. Als Direktor der nun unter „Deutsches Spionagemuseum“ firmierenden Ausstellung wurde Robert Rückel gewonnen, Gründungsdirektor des „DDR-Museums“.

„Wir wollen ab sofort nicht nur gutsituierte Touristen ansprechen, sondern alle Bevölkerungsschichten“, erklärt der 32-Jährige. Schüler- und Studentengruppen zahlen sechs Euro. Gerade die Zusammenarbeit mit Schulen soll verstärkt werden. „Wir zeigen ja nicht nur Originale aus Bond-Filmen oder Interviews mit Top-Spionen wie Rainer Rupp, Deckname Topas, dem wichtigsten Spion der DDR im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Wir thematisieren auch die Datensammelwut von Google bis Facebook.“

Dies wird wie in der gesamten Ausstellung mittels Hightech-Screen dargestellt. Dazu sieht und hört man die Geschichte mit dem jungen Österreicher Max Schremms. Der hatte von Facebook die Herausgabe der über ihn gesammelten Daten verlangt. Sie wurden ihm auf 1200 DIN-A-4-Seiten zugeschickt. Im fünfminütigen Clip erzählt er seine Geschichte und gibt Tipps und Ratschläge, wie man sich vor der Datensammelwut der Informationsmultis besser schützen kann. „Durchaus auch ein Thema für Lehrer und Eltern“, meint Franz-Michael Günther.

Die Entschlüsselungsmaschine Enigma ist eines der Highlights

Damit sich in der hochtechnisierten Ausstellung mit neuester Screentechnologie auch weniger technikaffine Menschen zurechtfinden, gibt es immer auch die analoge Variante der musealen Wissensvermittlung, sprich Texte und Audio-Sequenzen über Kopfhörer. Die Generation Smartphone hingegen wischt zielstrebig über die Bildschirme und dringt so in die Tiefen der Spionagegeschichte ein. Eines der Highlights des Spionagemuseums ist eine originale Entschlüsselungsmaschine Enigma, mit der die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zahlreiche geheime Nachrichten der Alliierten dechiffrierte. Gerade für Berlinerinnen und Berliner interessant ist eine interaktive Berlinkarte, auf der Fluchtorte, Tunnel, Stasiaktivitäten bis 1989 zu sehen sind.

Fast von allen Familien, die das Museum besuchen, wird der Laser-Parcours absolviert. Wie in einem Bond- oder Mission-Impossible-Film muss eine Person in einem dunklen Raum durch Barrieren von Laserstrahlen kriechen, ohne einen Kontakt auszulösen. Die vierte und höchste Schwierigkeitsstufe hat bislang ein Kind absolviert.

Deutsches Spionagemuseum Leipziger Platz 9, Mitte, Tel. 20 60 38 50, täglich 10-20 Uhr, www.deutsches-spionagemuseum.de