Das ist schon ein besonderer Moment. Rocksänger Peter Maffay sitzt am Dienstagabend mit Akustikgitarre auf der Bühne des Wintergarten Varietés. Und singt „Lay Lady Lay“, jene Countryballade, die Bob Dylan 1969 auf seinem Album „Nashville Skyline“ erstmals veröffentlicht hatte. Unterstützt von Gitarrist Carl Carlton legt er sich mit seinem weichen Bariton ganz in den Song, macht ihn sich zu eigen, ohne sich unnötig vom Original zu entfernen. Und er schickt „Don’t Think Twice (It’s Allright“) gleich hinterher.

Es ist der Geburtstagsgruß an einen Musiker, der wie kaum ein anderer die populäre Musik der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts geprägt hat. Es ist der Tag, an dem Bob Dylan 75 Jahre alt wird. Deshalb hat der Wintergarten in seiner „Spotlight“-Reihe zu einem Abend geladen, an dem sich höchst unterschiedliche Musiker und Musikerinnen auf sehr persönliche Weise den Liedern von Bob Dylan nähern.

Das Varieté-Theater ist prall gefüllt, als sich der rote Vorhang mit Dylan-Projektion öffnet und Carl Carlton, der ostfriesische Rock-Gitarrero, mit „When The Ship Comes In“ von 1964 auf die so abwechslungsreiche wie hochmusikalische Reise durch die Liederwelt des großen Grantlers einstimmt. Der Berliner Kabarettist und Sänger Manfred Maurenbrecher führt durch den Abend, nicht ohne selbst seinen Beitrag zu leisten.

Er singt am Klavier mit „Ewiger Kreislauf“ eine deutsche Fassung von „Eternal Circle“, 1963 entstanden aber erst 28 Jahre später veröffentlicht. Er singt kantig, charmant vernuschelt, wuchtet breite Akkorde in den Flügel. Wenn Maurenbrecher Dylan singt, klingt das immer ein bisschen wie Tom Waits. Doch man spürt, wie nahe er Dylan steht. Auch dann, als er mit „Welt ist am Durchdrehen“ ein eigenes Stück singt, zu dem ihn nach eigener Aussage Dylans „Political World“ inspirierte.

Musiklegende Bob Dylan wird auch als Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur gehandelt
Musiklegende Bob Dylan wird auch als Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur gehandelt© dpa | Domenech Castello

Mit dem Berliner Singer/Songwriter Max Prosa steht dann gleich der jüngste Gratulant des Abends im Rampenlicht. Man hat den Mittzwanziger nach seinem vor vier Jahren erschienenen Debüt-Album „Die Phantasie wird siegen“ mit dem jungen Dylan verglichen. Und wie er da so steht, mit Gitarre und umgehängter Mundharmonika, und sich „Chimes Of Freedom“ hingibt, wirkt er tatsächlich wie ein junger Dylan, der sich in einem New Yorker Folkclub der frühen Sechziger Jahre erste Anerkennung ersingt.

Zu einem Höhepunkt wird im Anschluss der Auftritt von Sängerin, Schauspielerin und Musicalstar Helen Schneider. Begleitet von Jazzgitarrist Jo Ambros umarmt sie mit ungeheurer Intensität Dylans „Just Like A Woman“. Eine Ballade unter Hochspannung. Es knistert im Saal. Eine bewegende Interpretation.

Die Chansonsängerin Barbara Thalheim wiederum hat sich mit dem Sänger und Songschreiber Christian Haase und Kontrabassist Felix Jacobi zusammengetan für eine treibende, strenge, französische Fassung von Dylans „Dignity“, bevor Carl Carlton das Publikum nach „The Times They Are A-Changing“, dem elektrifizieren Slideguitar-Kracher „Highway 61“ und „I Shall Be Released“ samt Gästen in die Pause schickt.

Und nach der Pause kommt Maffay. Selbst wer mit dem mitunter etwas knödelig klingenen Sänger nicht viel anfangen kann, ist geläutert nach seinem so schlichten wie bewegenden Auftritt. Der letztlich einstimmt auf die amerikanische Grand-Dame des Folksongs: Judy Collins. Sie war dabei, als in den 60er-Jahren der Folkboom losbrach. Sie hat als erste Leonard Cohens Song „Suzanne“ aufgenommen, stand mit Dylan auf der Bühne, landete Hits mit Klassikern wie „Amazing Grace“. Sie wurde 1969 mit einem Grammy für die „Beste Ethnofolk oder traditionelle Folk-Aufnahme“ gekürt. Sie war auch dabei, so erzählt die so elegante wie eloquente Lady, als Dylan in seinem Haus in Woodstock „Mr Tambourine Man“ geschrieben hat. Natürlich singt sie das Stück auch zur 12-saitigen Gitarre, begleitet von Russell Walden am Flügel, neben eigenen älteren und neuen Songs.

Judy Collins erzählt gern. Sie tut das mit lebensgereift rauchzarter Stimme. Sie habe damals ja kaum Drogen genommen, sagt sie einmal, weil sie dachte, dass sich das nicht mit ihrem Alkoholkonsum vertragen würde. Doch wenn sie singt, ist da dieser glockenhelle Sopran, der die Seele wärmt und klingt, als wären die mehr als 50 Jahre ihrer Karriere spurlos an ihr vorübergegangen. Und der dankbare Applaus gilt längst nicht mehr dem Geburtstagskind im fernen Kalifornien, sondern einer Zeitzeugin, die die frühen Aufbruchsjahre im New Yorker Greenwich Village hautnah miterlebt und mitgeprägt hat.