Geburtstag

Ungehemmt sentimental: Bob Dylan wird 75

Zum 75. Geburtstag gönnt sich der große Bob Dylan ein neues Album. Es ist auch eine Hommage an Frank Sinatra geworden.

Bob Dylan bei einem Auftritt 2012: Der Großmeister der Musik wird jetzt 75 Jahre alt.

Bob Dylan bei einem Auftritt 2012: Der Großmeister der Musik wird jetzt 75 Jahre alt.

Foto: Domenech Castello / dpa

Es gibt Menschen, die es Bob Dylan übel nehmen, dass er neuerdings Dinge passend macht, die überhaupt nicht passen. Zumindest nicht auf den ersten Eindruck. Aber was heißt neuerdings, Dylans Mythos fußt auf der großen, untypischen Vermengung: 1965 spielte er auf einem Festival den Folk erstmals mit Elektrikgitarre. Es war eines der ketzerischsten Manöver in der Geschichte der populären Musik. Davon kann bei der bislang letzten Wandlung des Pop-Gewaltigen Bob Dylan – neben Paul McCartney, Leonard Cohen, Neil Young und Bruce Springsteen ist er eine der letzten wirklichen Ikonen – natürlich nicht wirklich die Rede sein.

Volkslieder, Klassiker, denen er eigene Songs hinzufügt

Das neue Wagnis Dylans, der am heutigen Dienstag 75 Jahre alt wird, verblasst vor der frühen Ungeheuerlichkeit, es ist, wenn man so will, ja nur ein Spleen, den Dylan nun auf dem zweiten Album in Folge auslebt. Auf „Fallen Angels“, seinem 37. Werk, vertont der Meister wie auf dem von manchem Fan kritisch aufgenommenen Vorgänger „Shadows in the Night“ erneut das Great American Songbook, den Kanon an großen Songs also, die schon von vielen Künstlern gespielt und interpretiert wurden. Es sind allesamt alte Songs, sie stammen meist aus den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Volkslieder, Klassiker, denen Dylan als Originalgenie später eigene Songs hinzufügte.

Und wie auf dem ersten sind es auch auf diesem zweiten Tribut-Album allesamt Stücke, die einst von Frank Sinatra gesungen und berühmt gemacht wurden („All Or Nothing At All“), die sich Dylan vornimmt – bis auf eine einzige Ausnahme („Skylarc“). Größer könnten vokale Unterschiede nicht sein, wenn man sich den, nennen wir es mal: äußerst verhuschten Sänger Dylan anhört und anschließend den klaren Crooner Sinatra, der auf die Stimmkraft seine gesamte Karriere baute, und diese Hörerlebnisse dann miteinander vergleicht.

Aber siehe da: Perfektion und das Gegenteil davon können auf je ihre Weise zu glänzenden Ergebnissen führen. Und es ist ja auch nicht so, dass Dylan, der die Stücke mit seiner Tourband in Kalifornien einspielte, überhaupt nicht singen kann. Bei Dylan wird der Swing Sinatras wieder zu Folk und Country – dank wiegender Gitarren und Pedal Steel. Was nicht heißt, dass der Sinatra-Style weg wäre: „All Or Nothing At All“ ist ein hervorragender Schaukler, wie überhaupt der ganze Songreigen leicht und hell ist.

Aktuelle Dylan-Phase ist auch eine Hommage

Es sind Liedschreiber wie Johnny Mercer, Harold Arlen, Sammy Cahn und Carolyn Leigh, die jene berühmten Stücke einst schrieben: Die aktuelle Dylan-Phase ist auch eine Hommage an jene Komponisten.

Lieder wie „It Had To Be You“, „That Old Black Magic“ und „Maybe You’ll Be There“ locken den Romantiker in Dylan hervor. So ungehemmt sentimental ist Dylan in seinen eigenen Songs selten gewesen, aber man nimmt ihm den Schmelz dennoch gerne ab. „Fallen Angels“ ist in zweierlei Hinsicht vor allem auch ein erstklassiger Impulsgeber. Man hat Lust, „Blood On The Tracks“, Dylans legendäres Liebes- und Entfremdungsalbum aus dem Jahr 1975, mal wieder zu hören. Oder halt Sinatras Songs.

Ein Dylan-Jahr will sowieso angemessen begangen werden, also am besten mit Dylan-Sitzungen bei untergehender Sonne auf dem Balkon. Mal wieder in „Chronicles“ reinlesen, Dylans biografische Schrift. Oder „My life according to Bob Dylan“ lauschen, dem 32 Stücke umfassenden Dylan-Tribut des Kölner Musikers Ekki Maas, den manche als Bassist und Produzent der Gruppe „Erdmöbel“ kennen.

Öffentlichkeitsscheuer Musiker

Der Sänger der genannten Band, Markus Berges, hat zuletzt die Dylan-Literatur übrigens um das ungewöhnlichste Kapitel bereichert. Sein vorzüglicher, Popkultur und deutsche Geschichte verquickender Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ (Rowohlt Verlag) ist ein schönes Fundstück für Dylanologen. Der öffentlichkeitsscheue Musiker bekommt dort einen persönlichen Auftritt, wie man von ihm ohne die Mittel der Fiktion nie lesen würde.

Ganz und gar keine Fiktion ist die Bedeutung Dylans, der seit 30 Jahren unablässig tourt, für die Musik. Liebe Kids: Der oft schlecht gelaunt wirkende Mann, der die Idolisierung der eigenen Person stets skeptisch sah, ist das Vorbild all der Singer/Songwriter, zu denen ihr so gerne auf die Konzerte rennt.

Happy Birthday Bob Dylan , heute, Wintergarten, Potsdamer Str. 96, 20 Uhr, Es gratulieren in dieser Dylan-Hommage Peter Maffay, Helen Schneider und andere.

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