Schon wieder ein Film über Anne Frank? Erst im vergangenen Jahr lief ein Dokudrama im Fernsehen, und das war eine richtig gute Produktion. Und jetzt noch ein Kinofilm? Andererseits kann man sich die Geschichte gar nicht oft genug vor Augen führen, zumal „Das Tagebuch der Anne Frank“ im Schulunterricht nicht mehr so oft durchgenommen wird.

Dann trifft ein Film auf großer Leinwand noch mal viel unmittelbarer. Und das letzte Argument, falls es denn Argumente bräuchte, um ins Kino zu gehen, ist die neue Darstellerin von Anne Frank: Lea van Acken glänzt, dominiert und bestimmt diesen Film. Und das trotz ihrer gerade mal 16 Jahre.

Martyrium bis zum bitteren Schluss

Es ist gerade mal zwei Jahre her, dass dieses Mädchen wie aus dem Nichts auf die Leinwand trat. Und auf der Berlinale im deutschen Wettbewerbsbeitrag „Kreuzweg“ zu sehen war. Als junges Mädchen, das unter radikal bigotten Eltern lebt und dem ein Martyrium aufgezwungen wird, das es am Ende auch annimmt. Bis zum bitteren Schluss.

Es war ein brutaler, schockierender Film. Es war auch eine brutale, anstrengende Rolle, vor allem für eine Schauspielnovizin. Zumal die langen Szenen alle am Stück und ohne Schnitt gedreht wurden. Das erforderte höchste Konzentration.

Die Tagebuchschreiberin: Lea van Acken als Anne Frank
Die Tagebuchschreiberin: Lea van Acken als Anne Frank © dpa | Berlinale

Und jetzt, noch mitten in der Pubertät, gleich wieder so eine Hammerrolle für die gebürtige Schleswig-Holsteinerin. Eine Figur, die wirklich gelebt hat, die alle zu kennen glauben, auch wenn nicht jeder das Tagebuch gelesen hat. Muss man da nicht zwangsläufig scheitern? Lea van Acken sitzt uns gegenüber, ein bisschen aufgeregt, auch ein bisschen neugierig, unschuldig, aber nicht naiv, aufgeweckt und trotz ihrer jungen Jahre schon sehr sehr reif.

Ja, sagt sie, das sei eine Überrolle gewesen. Sie habe sich erst riesig gefreut über die Anfrage. Sie kannte die Geschichte von Anne Frank. Aber das Tagebuch, das hat sie erst dann gelesen. Und dann hat sie geschluckt. Sie ist trotzdem zum Casting. „Ich dachte, ich probier’s mal“, sagt sie ganz abgeklärt. Sie wurde sofort genommen. Sie war am Morgen die Erste, die vorsprach, und Regisseur Hans Steinbichler wusste genau, die ist es. „Erst als ich die Rolle hatte, wurde mir klar, was für eine Aufgabe das ist.“

Irgendwann konnte sie sich fallen lassen

Sie hatte einen Riesenrespekt, sagt sie. Damit meint sie natürlich auch: ein bisschen Schiss. Die Herausforderung war allgegenwärtig. Aber irgendwann musste sie sich freimachen „von diesem Ikonendenken, sonst hätte ich das nie spielen können“. Sie hat keine anderen Anne-Frank-Filme angeschaut, um sich nicht verbiegen zu lassen.

Stattdessen hat sie fiktive Briefe an Anne Frank geschrieben, um sich ihr so zu nähern. Und irgendwann konnte sie sich fallenlassen. Weil sie merkte, bei „dem Hans“, also dem Regisseur, ist sie in guten Händen. Und die anderen Schauspieler, Stars wie Ulrich Noethen und Martina Gedeck, die ihre Eltern spielten, haben sie nicht als die kleine Neue behandelt, sondern auf Augenhöhe. „Die haben mich getragen“, sagt sie.

Lea van Acken mit ihren Film-Eltern Martina Gedeck und Ulrich Noethen
Lea van Acken mit ihren Film-Eltern Martina Gedeck und Ulrich Noethen © dpa | Berlinale

Damit macht sich Lea van Acken fast ein bisschen klein. Es ist doch sie, die den Film trägt. Dabei hat Regisseur Hans Steinbichler etwas ganz Raffiniertes getan: Er lässt seine Anne Frank oft direkt in die Kamera sprechen. Das ist eigentlich ein Sakrileg beim Film, man muss immer so spielen, als sei die Kamera gar nicht da. Aber indem er das bricht, wird der Zuschauer von dieser Anne Frank direkt angesprochen. Und kann sich dem nicht entziehen. Dass das so stark wirkt, ist auch ein Verdienst von Lea van Acken.

Wo aber nimmt das kleine, zarte Mädchen das her? Erst den Kreuzweg, und jetzt das Holocaust-Drama? „Ich weiß das gar nicht so genau“, sagt sie, fast entschuldigend. Sie wisse nur, dass ihr das Spaß mache. „Und dass ich Dinge aus mir herausholen kann, die einfach irgendwo sind.“

Anfänge bei Karl May

Es ist auch nicht so, dass ihr das in die Wiege gelegt wurde. Nicht mal Schultheater hätte es regelmäßig gegeben. Ihren ersten Auftritt hatte sie bei den Karl-May-Festspielen 2011. Die waren in der Nähe, das war was mit Pferden, da hatte sie Lust drauf. Sie war zwölf, hatte eine kleine Komparsenrolle und durfte als Siedlermädchen den Berg mit einer Ziegenkutsche runterfahren.

Danach hat sie sich bei einer Berliner Agentur beworben, mit dem verheißungsvollen Namen Next Generation. Es kamen ein paar Castings, aber genommen wurde sie nie. „Ich dachte schon, das wird nix.“ Aber dann kam Dietrich Brüggemann mit „Kreuzweg“. Gleich eine Hauptrolle. Und gleich auf der Berlinale.

Und noch eine Glaubens-Rolle

Auch mit dem „Tagebuch der Anne Frank“ war sie wieder auf der Berlinale. Obwohl sie mit 16 noch zu jung war, um bei der Eröffnung mitzufeiern. Am 3. März kommt der Film ins Kino, geht dann auf Tour. Sie weiß, sie wird viel mit dem Publikum sprechen müssen. Sie will sich aber dafür hüten, nicht zu sehr zum Sprachrohr zu werden. Dafür ist sie noch zu jung.

Bei der Premiere des Films auf der Berlinale mit Martina Gedeck und Ulrich Noethen
Bei der Premiere des Films auf der Berlinale mit Martina Gedeck und Ulrich Noethen © dpa | Jörg Carstensen

Gerade hat sie eine Rolle in „Homeland“ absolviert. Aber ganz klein, wiegelt sie ab. Dennoch: Sie spielt ein muslimisches Mädchen, das rekrutiert werden soll. Schon wieder „was mit Glauben“. Als ob das Thema sie suchen würde. Lea van Acken hofft, dass sie weitermachen kann als Schauspielerin. Aber ob sie auf Dauer das Talent habe, da ist sie ganz vorsichtig, das sei „noch dahingestellt“. Sie sieht ganz realistisch, dass das ein schnelllebiges Geschäft ist. Deshalb macht sie jetzt auf jeden Fall erst mal die Schule fertig. „Sonst würde mich das fertig machen, wenn irgendwann nichts mehr kommt.“

Aber natürlich kommt noch was. Gerade hat sie einen Fernsehfilm mit Andreas Kleinert abgedreht: „Sag mir nichts“. Nichts mit Glauben, keine Hammerrolle, sie darf einfach mal eine Nebenrolle spielen. Und dann noch einen „Spreewaldkrimi“, wo sie auch singt und Gitarre spielt. Jetzt steht erst mal kein neues Projekt an, aber das könnte sich nach dem Kinostart von „Anne Frank“ bald ändern. Dieses Gesicht, man wird es sich merken müssen.